
Wozu sind wir eigentlich hier?
Diese Frage beschäftigt die Menschheit, seit sie fragen kann. Und wie bei jeder guten Frage gibt es nicht eine Antwort, sondern sehr viele.
Sagen wir mal so: Wenn man alle Antworten aneinanderreihen würde, bräuchte man dafür vermutlich mehr als ein Leben. Was die Frage nach dem Sinn des Lebens in gewisser Weise selbst beantwortet.
Aristoteles meinte, der Mensch strebe nach Glückseligkeit, der „eudaimonia“, die sich in einem tugendhaften Leben verwirklicht. Sein Lehrer Platon sah den Sinn dagegen im Aufstieg zum Guten und Wahren, weg von den Schatten an der Höhlenwand. Epikur wiederum empfahl, das Leben zu genießen, allerdings maßvoll, denn wer zu viel genießt, hat am nächsten Morgen wenig davon. Die Stoiker, etwa Seneca und Mark Aurel, rieten zu Gelassenheit gegenüber dem, was man nicht ändern kann.
Das Christentum gab eine andere Antwort. Augustinus schrieb, unser Herz sei unruhig, bis es Ruhe finde in Gott. Thomas von Aquin sah den Sinn im Schauen Gottes, also in der Vollendung des Menschen. Martin Luther betonte, dass der Mensch seinen Wert nicht durch eigene Leistung erwirbt, sondern aus Gnade geschenkt bekommt. Das ist durchaus eine Entlastung, wenn man bedenkt, wie viel Leistungsdruck wir uns sonst machen. Dietrich Bonhoeffer wiederum erinnerte daran, dass ein Leben seinen Sinn auch im Dasein für andere findet. Und Søren Kierkegaard fügte hinzu, man müsse eine Wahrheit finden, für die man leben und sterben könne, und zwar die eigene.
Dann kam die Neuzeit, und es wurde ungemütlicher. Blaise Pascal wettete lieber auf Gott, weil er dabei nur gewinnen könne. Immanuel Kant fragte nach der Pflicht und danach, was ich tun soll, und kam zu dem Schluss, dass man so handeln solle, dass die eigene Handlung zum allgemeinen Gesetz werden könnte. Arthur Schopenhauer sah im Leben dagegen vor allem ein Pendel zwischen Leid und Langeweile. Friedrich Nietzsche erklärte Gott für tot und forderte den Menschen auf, selbst Sinn zu schaffen, gewissermaßen als Künstler seines eigenen Lebens.
Jean-Paul Sartre meinte, die Existenz gehe der Essenz voraus: Wir werden erst durch unser Handeln zu dem, was wir sind. Albert Camus verglich das Leben mit Sisyphos, der seinen Stein immer wieder den Berg hinaufrollt, und fügte hinzu, man müsse sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen. Viktor Frankl, der Auschwitz überlebte, sagte, Sinn finde man in einer Aufgabe, in der Liebe und in der Haltung, mit der man Leid trägt. Wer ein Warum hat, erträgt fast jedes Wie.
Und Douglas Adams? Der ließ einen Supercomputer sieben Millionen Jahre rechnen und lieferte als Ergebnis die Zahl 42. Das Problem sei, so der Computer, dass man die Frage nie richtig verstanden habe. Das ist wohl die ehrlichste aller Antworten.
Vielleicht liegt die Pointe genau da. Der Sinn des Lebens ist keine Formel, die man einmal findet und dann abhaken kann. Er scheint eher etwas zu sein, das entsteht, wenn man liebt, wenn man Verantwortung übernimmt, wenn man staunt, und wenn man, wie Luther und die Christen glauben, sich von einem Gott getragen weiß, der das Leben gewollt hat.
Muss man sich also zwischen all diesen Antworten entscheiden? Oder darf man sich bei allen ein bisschen bedienen?
Die Diskussion ist hiermit eröffnet.



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