Folterhaus bei Kyjiv: Wahrheit im Livestream

Symbolbild in Blau und Gelb: Ein erleuchtetes Fenster in der Nacht, davor ein Schwarm kleiner Lichter wie Smartphone-Displays

Ein Handy, ein Livestream, ein Satz: „Da unten im Keller werden Menschen gefoltert.“ Wenige Stunden später stehen bei Kyjiv rund hundert bis zweihundert Menschen vor einem Haus, Steine fliegen, Polizeiautos gehen zu Bruch, Warnschüsse fallen. Was ist dran? Nach allem, was bislang belegt ist: die Foltervorwürfe sind unbewiesen. Aber die Wut, die sich dort entlud, hat echte Gründe. Und in Deutschland wurde das Bild von dem Abend schneller geteilt als die Fakten.

Was am 2. November geschah

Schauplatz ist Petropavlivska Borshchahivka, ein Vorort von Kyjiv. In einem Privathaus brachte die Nationalgarde nach Angaben des Kyiv Independent frisch mobilisierte Männer unter, außerdem Soldaten, die ihre Einheit ohne Erlaubnis verlassen hatten. Ein Durchgangsquartier also, zwischen Wehrersatzamt und Grundausbildung. Der Reporter der Zeitung war vor Ort und beschreibt Tränengas, Warnschüsse und eine Menge von etwa 200 Menschen. Euronews nennt unter Berufung auf den öffentlich-rechtlichen Sender Suspilne etwa 100 Menschen.

Auslöser waren Beiträge in sozialen Netzwerken: Im Keller seien Dutzende Männer festgehalten und misshandelt worden. Eine Frau, die sich als Sanitäterin ausgab, heizte die Stimmung an. Das Unternehmen, das sie nannte, hat laut dem Rechercheportal Slidstvo.Info schon 2023 den Betrieb eingestellt. Gesichert ist: Es gab Ausschreitungen, vier Männer kamen ins Krankenhaus, die Nationalgarde sprach von Soldaten, die ohne Erlaubnis ihre Einheit verlassen hatten. Nicht belegt sind: Folter, Geiselnahme, ein angeblicher Todesfall. Der ukrainische Innenminister weist den Folterverdacht zurück. Trotzdem ermittelt die Staatliche Ermittlungsbehörde auch zu möglichem Amtsmissbrauch, und der Militärombudsmann prüft die Unterbringung. Das gehört zur ehrlichen Version: Man kann Gerüchte entlarven und trotzdem fragen, wie dort mit Menschen umgegangen wurde.

Die Wut hat eine Vorgeschichte

Warum glauben Menschen so etwas sofort? Weil es ein Wort gibt, das in der Ukraine niemand erklären muss: „Busifizierung“. Gemeint sind Festnahmen durch Rekrutierungsteams, oft aus Kleinbussen heraus. Radio Free Europe/Radio Liberty nennt die Praxis weithin verhasst. Das Kyiv Independent verweist auf Missbrauch bei der ersten Erfassung und auf zunehmende Gewalt gegen Rekrutierer, die Führung habe nötige Reformen gescheut. Die Wut ist also nicht erfunden. Wer erschöpft ist, wer einen Sohn, Bruder oder Mann an der Front hat und dem System misstraut, glaubt dem schlimmsten Bild.

Zugleich warnt der Reporter des Kyiv Independent, wie t-online berichtet, davor, den Abend als allgemeinen Aufstand gegen die Mobilisierung zu lesen. Eine Umfrage des Instituts KIIS von Ende Oktober ergab laut Kyiv Independent, dass 63 Prozent bereit sind, den Krieg so lange wie nötig durchzustehen. Das ist keine Zahl zur Zwangsrekrutierung, zeigt aber: Die Mehrheit will sich nicht zerreißen lassen, auch wenn es knirscht.

Der Chef des Präsidialamts, Kyrylo Budanov, kam am Abend selbst zum Ort des Geschehens. Er nannte die Vorgänge nach Angaben von LIGA.net „inakzeptabel“ für den Staat und schädlich für die Einheit der Ukrainer. Später sagte er, das alles sei nicht ohne äußeren Einfluss geschehen. Der Geheimdienst SBU will rund 100 aktive Teilnehmer identifiziert haben. Einen Beleg für eine russische Steuerung haben die gelesenen Quellen bislang nicht geliefert; Budanovs Aussage bleibt eine Behauptung, die Ermittler erst untermauern müssen.

Und in Deutschland?

Hier wurde aus dem Abend ein Bild. Laut Tagesspiegel teilten Sahra Wagenknecht und Alice Weidel einen Beitrag, der einen Jugendlichen in einer Rettungsdecke zeigte und nahelegte, er sei in dem Haus festgehalten worden. Weidels Beitrag erreichte demnach 1,3 Millionen Aufrufe. Doch der Junge war kein Gefangener: In anderen Videos steht er in der Menge, filmt und wirft Steine. Wagenknecht stellte das später klar, Weidel forderte Bundeskanzler Merz auf, den Fall beim Besuch von Präsident Selenskyj in Berlin anzusprechen. Der Tagesspiegel ordnet das als Beispiel dafür ein, wie russische Propaganda reale ukrainische Probleme nutzt, und verweist auf ein russisches Netzwerk, das gefälschte Meldungen über Geheimgefängnisse verbreite.

Das ist die deutsche Kehrseite: Wer hier ein halb geprüftes Bild teilt, tut das aus dem Warmen, mit einem Klick, ohne dass es etwas kostet. In der Ukraine zahlen Menschen mit Haftung, Verletzung oder Frontdienst. Gleichzeitig zeigt t-online, dass der Streit um die Ukraine in Berlin längst auf Parlamentsebene läuft: Julia Mendel, einst Sprecherin Selenskyjs und heute Kritikerin, sprach auf einer Veranstaltung der AfD-Fraktion im Bundestag; der ukrainische Botschafter lehnte die Teilnahme ab. Die SBU wirft ihr Landesverrat vor, das ist die Darstellung der ukrainischen Behörden. Unterschied zur Stimmung in der Ukraine: Dort geht es um Pflicht, Angst und Erschöpfung, hier oft um Haltung und Schlagzeile. Eine Gemeinsamkeit gibt es auch: In beiden Ländern lässt sich Misstrauen leicht in Wut verwandeln.

Der aktuelle Stand des Krieges

Der russische Angriffskrieg ist der Rahmen von alledem, ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg, den Russland gegen die Ukraine führt. Am 2. November trafen russische Gleitbomben im Gebiet Zaporižžja nahe der Front eine frühere Schule und einen Schutzraum, in dem Menschen auf Hilfe warteten. Die Nachrichtenagentur AP meldete am 5. November, laut Präsident Selenskyj seien 43 Tote bestätigt, mehr als 30 Menschen würden noch vermisst. Diese Angaben stammen von der ukrainischen Seite und ließen sich in der Quelle nicht unabhängig prüfen. In der Nacht zum 5. November wurden nach ukrainischen Angaben 105 von 128 russischen Angriffsdrohnen abgefangen, vier Menschen wurden verletzt. Das russische Verteidigungsministerium nannte für denselben Zeitraum 496 ukrainische Drohnen, die abgefangen worden seien; auch das ist eine Angabe einer Kriegspartei.

Diplomatisch gab es Bewegung: Am NATO-Hauptquartier in Brüssel berieten Vertreter der USA, Großbritanniens, Frankreichs, Deutschlands, der EU und der NATO über Wiederaufbau, die Finanzierung 2027 und Sicherheitsgarantien, so der ukrainische Chefunterhändler Rustem Umerov laut AP. Selenskyj sprach am Vorabend 90 Minuten mit den US-Unterhändlern Witkoff und Kushner, und für wenige Tage später ist ein Treffen von Vertretern Russlands, der Ukraine und der USA in Abu Dhabi angekündigt. Zur Lage an der Front liefern die gelesenen Quellen an diesem Tag keine belastbaren Details; Geländegewinne zu behaupten, wäre also unseriös.

Was Arendt, Kant und Walzer dazu sagen

Hannah Arendt hat in ihrem Aufsatz „Wahrheit und Politik“ beschrieben, dass Tatsachenwahrheit zerbrechlich ist: Sie hat keine Gewalt hinter sich, nur die Tatsachen selbst, und wird deshalb von Macht und Meinung leicht überrollt. Ein Livestream im Dunkeln ist die moderne Form dieses Problems. Wer „Folter!“ ruft, braucht keine Beweise, wer dagegen Beweise sucht, wirkt langsam, kalt, verdächtig. Trotzdem gilt: Ein Verdacht ist kein Beweis, und ein geteiltes Bild kein Zeuge. Wer es weiterleitet, ohne zu prüfen, wird Teil der Maschine, die er zu bekämpfen glaubt.

Immanuel Kant fragt, ob der Mensch nie bloß Mittel sein darf. Das trifft beide Seiten. Ein Staat, der verteidigt werden muss, darf Bürger zum Dienst verpflichten, aber er darf niemanden wie Material behandeln. Und wer die Wut Einzelner zur politischen Munition macht, benutzt auch diese Menschen als Mittel, im Zweifel auch einen Jugendlichen in einer Rettungsdecke. Michael Walzer, der mit „Just and Unjust Wars“ die moderne Lehre vom gerechten Krieg geprägt hat, unterscheidet das Recht zum Krieg vom Recht im Krieg. Die Ukraine verteidigt sich gegen einen Aggressor, das macht ihren Kampf gerecht. Doch gerade deshalb darf sie sich keine Grauzonen bei der Behandlung der eigenen Leute leisten: Wer verteidigt, muss auch nach innen glaubwürdig sein.

Die überzeugendere Lesart lautet deshalb: Der Abend bei Kyjiv war weder der Beweis für ein „Folterregime“ noch bloß ein Streich der Propaganda. Er war beides zugleich, ein Gerücht auf echtem Misstrauen. Die richtige Antwort ist keine Zensur und kein Beschwichtigen, sondern lückenlose, öffentliche Aufklärung, mit Ergebnissen, die jeder prüfen kann. Das ist die Pressefreiheit und Rechtsstaatlichkeit, für die die Ukraine kämpft. Wer Russland zum Hauptverantwortlichen des Krieges erklärt, muss nicht jedes Unrecht in Kyjiv schönreden; wer Unrecht in Kyjiv aufklärt, muss deshalb nicht Putins Argumente übernehmen.

Bleibt eine Frage, die in beiden Ländern passt: Wem glaubst du, wenn die Bilder schneller sind als die Wahrheit – und was machst du mit dem Daumen, bevor du auf „Teilen“ drückst?

Quellen


Entdecke mehr von god.fish

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

1 Arbeit Architektur Bayern Berlin Beziehung Beziehungen Bibel Bilder blau Blumen Christen Christentum Corona Coronavirus demokratie Details Deutschland Donald Trump EKD Essay Essen Ethik EU Europa Evangelisch Farben Flüchtlinge Fotografie Fotos Freiheit frieden funny.casa Gedanken Gedichte gelb Gemeinde Geschichte Gesellschaft Gesundheit Glaube Gott grün Highlight Hoffnung Humor Impressionen italien Jesus Jesus.casa Katholisch kinder Kirche Klimaerwärmung krankheit Krieg Kultur Kunst Leben Lebenshilfe Liebe Medien menschen Menschenrechte Musik Musikgeschichte münchen München inside Nachgedacht Nato Natur neu Nächstenliebe Olaf Scholz Ostern Pandemie philosophie photography Politik Psychologie Putin Religion Russland Satire Sprache sunshine.casa Theologie Tod Toleranz Ukraine Urlaub usa verantwortung Vertrauen video Weihnachten Wirtschaft yellow.casa Zivilcourage Zukunft


Kommentare

Schreibe einen Kommentar