Was sieht das sterbende Gehirn?

Goldenes Licht am Ende eines Korridors aus leuchtenden Nervenbahnen in tiefem Blau

Ein helles Licht. Ein Gefühl, aus dem Körper zu treten. Eine Ruhe, die alles Bisherige leise macht. Menschen, die nach einem Herzstillstand zurückgeholt wurden, erzählen davon oft erstaunlich ähnlich. Und sofort steht die Frage im Raum, die man kaum aushält und kaum loslässt: Was ist das? Ein Blick ins Jenseits oder die letzte Show des Gehirns?

Beides greift zu kurz. Die Forschung hat in den letzten Jahren einiges Neues gefunden. Und sie zeigt vor allem, wo ihre Methode endet.

Das Wie: Ein Gehirn, das nicht einfach ausgeht

Lange galt die Vorstellung: Das Herz bleibt stehen, das Gehirn schaltet ab wie ein Licht. So einfach ist es offenbar nicht. In einer Studie in der Fachzeitschrift PNAS um die Neurowissenschaftlerin Jimo Borjigin wurden vier sterbende Komapatienten mit EEG überwacht. Bei zwei von ihnen stieg nach dem Abschalten der Beatmung die Gammaaktivität deutlich an, also genau jene Hirnwellen, die im gesunden Gehirn mit Aufmerksamkeit, Erinnerung und Träumen zusammenhängen. Die Autoren warnen selbst: Die Stichprobe ist winzig, und was die Menschen erlebten, weiß niemand, denn sie starben.

Die zweite große Linie kommt aus der Reanimationsforschung. Eine Gruppe um den Intensivmediziner Sam Parnia (New York) befragte Überlebende eines Herz-Kreislauf-Stillstands. In einer Auswertung berichteten 11 von 28 Befragten von Erinnerungen oder Wahrnehmungen aus der Zeit der Wiederbelebung, sechs sogar von transzendenten Erlebnissen. Bei einigen zeigte sich im EEG noch 35 bis 60 Minuten nach Beginn der Reanimation Hirnaktivität. Die Deutung der Forschenden: Das sterbende Gehirn verliert womöglich natürliche Hemmsysteme.

Der Berliner Schlaganfallforscher Jens Dreier bringt eine weitere Spur ins Spiel: Bei Sauerstoffmangel rollt nach einigen Minuten eine Depolarisationswelle durchs Gehirn, die Lichterscheinungen erklären könnte. Dass der Körper in Notlagen Stoffe freisetzt, die Ketamin oder DMT ähneln, nennt er selbst reine Spekulation. Für Außerkörpererfahrungen wird die Region zwischen Schläfen- und Scheitellappen diskutiert. Andere Fachleute halten Nahtod- und Rauscherlebnisse für kaum unterscheidbar.

Ehrlich gesagt: Messbar sind elektrische Wellen, nicht das Erleben. EEG während einer Wiederbelebung ist schwierig, die Zahlen sind klein, viele Berichte sind Erinnerungen im Nachhinein. Wer aus diesen Daten einen Beweis für ein Jenseits liest, überdehnt sie. Wer daraus „nur Chemie“ macht und damit alles für erledigt erklärt, überdehnt sie genauso.

Das Warum: Was die Messung nicht sagen kann

Angenommen, man könnte jede Nervenzelle im Moment des Sterbens erklären. Wäre dann alles gesagt? Thomas Nagel hat die Grenze einmal so beschrieben: Man kann alles über das Gehirn einer Fledermaus wissen und trotzdem nicht erfahren, wie es ist, eine Fledermaus zu sein. Das Erleben selbst bleibt der Messung eine Außenseite schuldig. David Chalmers nannte das später das „harte Problem“ des Bewusstseins.

Hier setzt die Frage nach dem Warum an. Dass im Sterben Licht und Frieden auftauchen, kann biologisch erklärbar sein. Ob dieses Erleben etwas bedeutet, ist damit nicht entschieden. Blaise Pascal wusste, dass die Vernunft hier an ihre Grenze kommt: „Das Herz hat seine Gründe“, die sich nicht nachrechnen lassen. Und Thomas von Aquin hielt die Seele nicht für ein Organ, das man irgendwo im Gehirn finden könnte, sondern für das Formprinzip eines lebendigen Menschen. Wer sie im EEG sucht, sucht am falschen Ort. Genauso wenig lässt sich im EEG ihr Fehlen nachweisen.

Wo die Brücke trägt und wo nicht

Tragfähig ist ein Gedanke: Wenn das Sterben im Gehirn nicht als bloßer Absturz, sondern als geordneter, womöglich sogar „schützender“ Vorgang abläuft, dann widerspricht das keinem Glauben an die Würde des Menschen. Es spricht eher dafür, dass der Mensch auch am Ende nicht einfach ein Gerät ist, das abgeschaltet wird. Die christliche Hoffnung auf Auferstehung beruht ohnehin nicht auf Hirnwellen, sondern auf dem Vertrauen, dass der Mensch von Gott gehalten bleibt.

Nicht tragfähig wäre es, Lücken der Forschung mit Gott zu füllen. Das ist die Falle des „Gottes der Lücken“. Ein Gott, der nur dort wohnt, wo die Wissenschaft gerade noch nichts weiß, wird mit jeder neuen Studie kleiner. Dietrich Bonhoeffer hat das früh gesehen: Gott gehört in die Mitte des Lebens, nicht an den Rand des Unerklärten. Umgekehrt beweist auch ein plausibles Hirnmodell nicht, dass nach dem Tod nichts kommt. Die Methode gibt beides nicht her.

Die überzeugendere Lesart: Die Neurowissenschaft beschreibt, wie Sterben im Körper aussieht. Philosophie und Theologie fragen, wozu ein Leben, das endet, überhaupt gelebt wird und was Hoffnung dann wert ist. Das sind zwei Fragen, keine Konkurrenz. Und es fällt auf, dass die Menschen, die von solchen Erlebnissen berichten, häufig weniger Angst vor dem Tod beschreiben. Das ist kein Beweis für irgendetwas, aber es ist ein Befund über das Leben.

Was bleibt

Vielleicht ist das Erstaunlichste nicht das Licht, sondern die Tatsache, dass ein Organ aus rund 86 Milliarden Zellen in seiner letzten Stunde noch so etwas wie Sinn und Ruhe hervorbringt. Die Forschung wird dazu mehr herausfinden, größere Studien an Überlebenden sind nötig. Die Frage, wofür man lebt, wird sie nicht abnehmen. Wenn das Gehirn bis zuletzt nach Frieden sucht: Was hindert dich eigentlich daran, schon jetzt damit anzufangen?

Wenn dich das Thema Tod oder Verlust belastet: Die Telefonseelsorge ist kostenlos und rund um die Uhr erreichbar unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222.

Quellen

Hinweis: Zu diesem Thema war am heutigen Tag bei ZEIT, FAZ und SZ kein frei zugänglicher Artikel auffindbar.


Entdecke mehr von god.fish

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

1 Arbeit Architektur Bayern Berlin Beziehung Beziehungen Bibel Bilder blau Blumen Christen Christentum Corona Coronavirus demokratie Details Deutschland Donald Trump EKD Essay Essen Ethik EU Europa Evangelisch Farben Flüchtlinge Fotografie Fotos Freiheit frieden funny.casa Gedanken Gedichte gelb Gemeinde Geschichte Gesellschaft Gesundheit Glaube Gott grün Highlight Hoffnung Humor Impressionen italien Jesus Jesus.casa Katholisch kinder Kirche Klimaerwärmung krankheit Krieg Kultur Kunst Leben Lebenshilfe Liebe Medien menschen Menschenrechte Musik Musikgeschichte münchen München inside Nachgedacht Nato Natur neu Nächstenliebe Olaf Scholz Ostern Pandemie philosophie photography Politik Psychologie Putin Religion Russland Satire Sprache sunshine.casa Theologie Tod Toleranz Ukraine Urlaub usa verantwortung Vertrauen video Weihnachten Wirtschaft yellow.casa Zivilcourage Zukunft


Kommentare

Schreibe einen Kommentar