Sterne älter als das Universum?

Stell dir ein Kind vor, das älter ist als seine Eltern. Klingt absurd? Genau das wäre es, wenn Sterne älter wären als das Universum, in dem sie leuchten. Und genau über diese Möglichkeit streiten Astronomen gerade, mal leise, mal mit Schaum vorm Mund.

Der Anlass: Ein Team um Elena Tomasetti (Universität Bologna) und Cristina Chiappini vom Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam hat die ältesten Sterne der Milchstraße als Zeugen aufgerufen. Grundlage war ein Katalog mit Altersangaben für mehr als 200.000 Sterne, gebaut auf Daten des Satelliten Gaia. Aus diesem Heuhaufen fischte das Team die Sterne mit den verlässlichsten Altersbestimmungen heraus. Ergebnis: Die ältesten sind wahrscheinlich rund 13,6 Milliarden Jahre alt. Rechnet man die Zeit bis zur Geburt der ersten Sterne dazu (mindestens 100 bis 200 Millionen Jahre), landet man bei einem Universum, das mindestens etwa 13,8 Milliarden Jahre alt sein muss.

Warum eine Zahl so viel Ärger macht

Das klingt nach Randnotiz, ist aber ein Schiedsrichterspruch in einem der größten Streitfälle der Kosmologie, der Hubble-Spannung. Es geht darum, wie schnell sich das All ausdehnt. Misst man die Ausdehnung über das älteste Licht des Kosmos, die kosmische Hintergrundstrahlung, kommt man auf etwa 67 Kilometer pro Sekunde pro Megaparsec. Misst man sie in der Nähe, mit Supernovae und Pulsationssternen, kommt man auf etwa 73. Das sind keine Rundungsfehler, sondern zwei Lager, die sich seit Jahren nicht einigen.

Der Clou: Aus der Ausdehnungsrate lässt sich das Alter des Universums ausrechnen. Der höhere Wert ergibt ein jüngeres Universum. Wären die ältesten Sterne tatsächlich so alt wie berechnet, hätten sie dann ein Problem, denn sie wären älter als der Raum, der sie hält. Die neue Altersmessung passt deshalb besser zum niedrigeren Wert um 68. Eine Entscheidung ist das noch nicht: Die Forschenden selbst nennen ihr Ergebnis nicht endgültig, weil Sternalter schwer zu bestimmen sind. Die nächste Gaia-Datenveröffentlichung soll mehr Klarheit bringen. Und ob am Ende eine sich verändernde dunkle Energie im Spiel ist, bleibt reine Hypothese.

Wer jetzt Schlagzeilen wie „Die Physik ist kaputt“ erwartet, darf enttäuscht sein. Hier arbeitet kein Weltuntergangsorakel, sondern ein Fach, das sich offen selbst widerspricht und nachmisst. Das ist unspektakulär. Und es ist genau die Stärke der Methode.

Das WIE und das WARUM

Die Astronomie fragt: Wie alt ist das All? Wie schnell wächst es? Wie lässt sich das messen? Das ist ihr Handwerk, und sie macht es mit beeindruckender Redlichkeit. Aber selbst wenn der Streit morgen entschieden wäre, bliebe eine Frage unberührt: Warum gibt es überhaupt ein Universum, das man datieren kann? Ob 13,8 oder 13,3 Milliarden Jahre: Die Zahl beantwortet nicht, wozu es dieses Ganze gibt, was es bedeutet, dass ausgerechnet Wesen darin auftauchen, die nach seinem Alter fragen.

Die Theologie liest das Wort „Anfang“ anders als die Physik. Schon Augustinus grübelte im vierten Jahrhundert über die Frage, was Gott „vorher“ getan habe, und kam zu einer Antwort, die auffallend modern klingt: Die Zeit selbst gehört zur Schöpfung, es gibt kein „Davor“, in dem jemand wartet. Das ist kein Beweis für den Urknall und kein Argument für Gott, aber es zeigt: Der Gedanke, dass Zeit einen Anfang haben kann, ist älter als jedes Teleskop.

Auch Kant sah, wie schwindlig einen das macht. In seiner ersten Antinomie führt er vor, dass die Vernunft für beides gleich gute Argumente findet: Die Welt hat einen Anfang in der Zeit, die Welt hat keinen. Seine Lehre daraus: Das Denken stößt hier an eine Grenze, die es nicht mit Rechnen überspringen kann. Heute misst man zwar die Ausdehnung, aber die Schwindel-Frage bleibt.

Der Priester, der den Urknall dachte

Die schönste Pointe der Geschichte liefert Georges Lemaître. Der Belgier war katholischer Priester und Physiker. Er erkannte 1927 aus der Relativitätstheorie, dass sich das All ausdehnen muss, und dachte später an ein „Uratom“, aus dem alles hervorging. Pikant: Ausgerechnet er lehnte es ab, Physik und Theologie zu vermischen. Die Gegner seiner Theorie witterten, hier werde die Genesis durch die Hintertür in die Wissenschaft geschmuggelt. Lemaître blieb dabei: Das eine ist ein Messergebnis, das andere eine Deutung des Ganzen. Bis heute ist das ein Maßstab für redliches Denken.

Hier trägt die Brücke ein Stück, und hier bricht sie. Sie trägt bei der Frage nach der Kontingenz: Dass das Universum einen Anfang hat und eine endliche, datierbare Geschichte, macht die Frage „Warum überhaupt etwas und nicht nichts?“ dringlicher, nicht kleiner. Ein Kosmos mit Geburtstag fordert zum Fragen heraus, wer oder was da gefeiert wird. Sie trägt nicht, wenn jemand aus 13,8 Milliarden Jahren einen Gottesbeweis basteln will. Der Urknall beschreibt den Beginn der Ausdehnung und der heißen Frühphase, nicht ein „Erschaffen aus dem Nichts“. Und selbst eine Verschiebung des Alters um ein paar hundert Millionen Jahre würde den Glauben weder bestätigen noch widerlegen. Wer das behauptet, macht Gott zum Lückenbüßer der Kosmologie, und der wird mit jeder neuen Messung kleiner.

Was Zweifel mit Würde zu tun hat

Interessant ist, wie die Wissenschaft hier mit Unsicherheit umgeht. Karl Popper hielt fest, dass gute Theorien sich dem Risiko der Widerlegung aussetzen. Die Hubble-Spannung ist so ein Risiko in Echtzeit: Das Standardmodell der Kosmologie wird nicht verteidigt wie ein Dogma, sondern gegen die eigenen Daten getestet. Das kann auch der Glaube lernen, wo er sich an Zahlen klammert, und die Wissenschaft, wo sie so tut, als hätte sie die Sinnfrage gleich mit erledigt. Beides wäre falscher Besitzstolz.

Was bleibt? Ein Universum, dessen Alter wir auf ein paar Prozent genau kennen und über dessen Grund wir nichts mit Messgeräten herausfinden. Wer an einen Schöpfer glaubt, kann das Alter des Alls als Gabe lesen: Zeit, in der etwas werden darf. Wer nicht glaubt, kann staunen, dass aus Sternenstaub Wesen wurden, die diese Zeit nachrechnen. Respekt verdienen beide Haltungen, solange keine die andere zum Irrtum erklärt, wo die Methode das gar nicht hergibt.

Vielleicht ist das die eigentliche Pointe der Hubble-Spannung: Selbst wenn alle Zahlen stimmen, bleibt die größte Frage offen. Wie alt ist das Universum? Das lässt sich messen. Wofür ist es da? Das muss jeder Mensch selbst beantworten.

Quellen


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