Kyjiv im Dunkeln: Ein Winter ohne Strom?

Nachtansicht einer Großstadt mit dunklen Wohnblöcken, in einem Fenster leuchtet eine Kerze als Zeichen der Hoffnung

Stell dir vor, du stehst im Flur einer Wohnung in Kyjiv. Das Licht geht aus. Wieder einmal. Das Handy zeigt 14 Prozent, der Kühlschrank hört auf zu brummen, aus dem Treppenhaus ruft jemand, ob bei dir auch alles dunkel ist. Diese Szene ist ausgedacht – aber für Millionen Menschen in der Ukraine ist sie Alltag, und sie wird gerade wieder häufiger.

Am 3. November hat Russland nach ukrainischen Angaben den größten Massenangriff des Jahres auf das Energiesystem geflogen. Am selben Tag sagte Bundeskanzler Friedrich Merz in Berlin 200 Millionen Euro Winterhilfe zu. Zwei Nachrichten, ein Thema: Wie hell wird dieser Winter, und wer sorgt dafür?

Wenn das Licht zur Waffe wird

Die Zahlen, die der ukrainische Energieminister Denys Šmyhal nannte und die der Kyiv Independent wiedergibt, lesen sich wie ein Drehbuch, das niemand sehen will: 289 Drohnen, 17 ballistische Raketen, 59 Marschflugkörper. Getroffen wurden Umspannwerke, Leitungen und Kraftwerke in zehn Oblasten. Drei Drohnen zielten laut Šmyhal auf ein Umspannwerk, das für das Atomkraftwerk Chmelnyckyj wichtig ist; er informierte die Internationale Atomenergiebehörde. Der Chef des Energiekonzerns DTEK sprach von einem der schwersten Angriffe auf seine Anlagen, drei Wärmekraftwerke standen still. In Kyjiv und mehreren Regionen wurde der Strom abgeschaltet. Es sind Angaben ukrainischer Stellen, die sich von außen nicht im Detail prüfen lassen, sie passen aber zum Bild, das ukrainische Medien zeichnen.

Und es hörte nicht auf. In der Nacht zum 4. November startete Russland laut ukrainischer Luftwaffe 310 Langstreckendrohnen, 272 davon wurden abgefangen. Über den Tag starben nach Angaben der Regionalbehörden sechs Menschen, 50 wurden verletzt; getroffen wurde wieder Energie-Infrastruktur, diesmal in sechs Regionen, darunter Odesa und Rivne, so der Kyiv Independent. Neu ist das Muster nicht: Bereits im Oktober meldete Euromaidan Press, dass in Kyjiv am 8. Oktober Notabschaltungen nötig wurden, die Metro stehen blieb und in vier Stadtteilen am rechten Dnipro-Ufer der Wasserdruck sank.

Zwei Länder, zwei Arten, über Strom zu reden

In der Ukraine ist Strom keine Rechnung, sondern eine Frage von Stunden: Wann kommt er wieder, reicht der Akku, läuft das Wasser noch? Wenn das Netz einbricht, werden die üblichen Abschaltpläne außer Kraft gesetzt, so lief es auch im Oktober in Kyjiv. Entsprechend steht Strom ganz oben auf der Forderungsliste der Regierung: Präsident Selenskyj nennt eine Waffenruhe für Angriffe auf Energie und kritische Infrastruktur als erste Priorität für die Verhandlungen, dazu ein Ende der Blockade im Schwarzen Meer und einen Austausch aller Gefangenen gegen alle, so das Handelsblatt nach einem dpa-Bericht.

In Deutschland klingt dasselbe Wort anders. Hier geht es beim Winter oft um Heizkosten, Netzentgelte und die Frage, wer wie viel bezahlt – berechtigte Sorgen, aber eben Sorgen eines Landes, in dem das Licht angeht, wenn man den Schalter drückt. Dazu passt, was die deutsche Politik anbietet. Merz sicherte in Berlin 200 Millionen Euro zu, je zur Hälfte aus dem Etat des Auswärtigen Amts und des Entwicklungsministeriums, für humanitäre Hilfe und Energiesicherheit; der Bundestag muss noch zustimmen. Das ZDF-Hauptstadtstudio nannte die Summe „symbolisch“ und vergleichsweise klein, die Grünen-Haushaltspolitikerin Jamila Schäfer sprach laut taz-Ticker von einem kleinen Hoffnungsschimmer. Beides stimmt gleichzeitig, und genau das ist das Problem.

Wie die Deutschen insgesamt zum Krieg stehen, zeigt das ZDF-Politbarometer von Ende Oktober: 79 Prozent bezweifeln, dass Putin an einer Waffenruhe ernsthaft interessiert ist, nur 16 Prozent glauben es. Bei der militärischen Unterstützung Europas ist das Land dagegen geteilt: 30 Prozent wollen mehr, 33 Prozent finden das Engagement richtig, 32 Prozent weniger. Von „den Deutschen“ lässt sich also nicht reden – und von „den Ukrainern“ ebenso wenig. Gemeinsam ist beiden Gesellschaften vor allem eines: der Wunsch, dass dieser Krieg endet. Der Streit geht darum, zu welchen Bedingungen.

Der aktuelle Stand: Fünfter Winter, kein Ende in Sicht

Der russische Angriffskrieg, ein völkerrechtswidriger Überfall auf ein souveränes Land, geht in seinen fünften Winter. An der Front meldete der ukrainische Generalstab für den 3. November 208 Gefechte, die schwersten bei Kostjantynivka (24 Angriffe), dazu Kämpfe bei Pokrovsk, Sloviansk und Huliajpole; so berichtet es Ukrinform am 4. November. Das sind Angaben einer Kriegspartei, unabhängig prüfen lässt sich das kaum. Im Hinterland trifft der Krieg Zivilisten: In Charkiv wurden bei einem Angriff auf eine Klinik nach Angaben der Regionalstaatsanwaltschaft 73 Menschen verletzt, etwa 200 Patienten mussten verlegt werden. Zu einem Angriff auf eine Schule in Zaporižžja, die als Verteilstelle für Hilfsgüter diente, nennt der taz-Ticker widersprüchliche Opferzahlen von mindestens 26 und mindestens 31 Toten; belastbar ist nur, dass es viele Opfer gab und Menschen vermisst werden.

Diplomatisch bewegt sich etwas: Am 10. und 11. November sollen in Abu Dhabi Gespräche zwischen den USA, der Ukraine und Russland stattfinden, wie Selenskyj und Merz bei ihrer Pressekonferenz in Berlin sagten. Merz lädt die „Koalition der Willigen“ am 19. November nach Berlin, es geht um Luftverteidigung, Sicherheitsgarantien und diplomatische Abstimmung. Beide betonten, Europa müsse mit am Tisch sitzen. Merz erklärte zugleich, Russland zeige bislang keinen ernsthaften Verhandlungswillen. Die Ukraine bittet um Patriot- und IRIS-T-Systeme. Schutz vor Raketen ist im Winter keine Nebensache, sondern die Voraussetzung dafür, dass überhaupt Licht brennt.

Was Walzer und Levinas dazu sagen

Ein Stromnetz zu bombardieren ist kein Nebenschauplatz, sondern eine Frage der Gerechtigkeit im Krieg. Der Philosoph Michael Walzer, Autor des Klassikers über gerechte und ungerechte Kriege, hält an einer einfachen Linie fest: Wer kämpft, darf Zivilisten nicht zum Ziel machen. Das humanitäre Völkerrecht verbietet deshalb Angriffe auf Objekte, die für das Überleben der Zivilbevölkerung unerlässlich sind, so steht es im Ersten Zusatzprotokoll der Genfer Konventionen. Wo ein Angriff erkennbar darauf zielt, Menschen frieren und dürsten zu lassen, ist das kein „Kollateralschaden“, sondern Absicht. Die Verantwortung dafür liegt eindeutig bei Russland, dem Angreifer. Wer hier von „beiden Seiten“ spricht, vermischt Brandstifter und Feuerwehr.

Doch Walzer führt auch zu einer unbequemen Frage an Berlin. Wenn ein Angriff gegen Unschuldige so klar unrecht ist, bleibt dann symbolische Hilfe genug? Hier hilft Emmanuel Levinas. Für ihn beginnt Ethik nicht mit Theorien, sondern mit dem Antlitz des Anderen, das einen anspricht, bevor man sich entscheiden kann, wegzuschauen. Verantwortung ist bei ihm keine Option für gute Tage, sondern ein Anspruch, der bleibt. Übertragen heißt das: Ein Kyjiver Treppenhaus im Dunkeln ist kein ferner Nachrichtenposten, sondern ein Anspruch an uns. Dazu passt Dietrich Bonhoeffers Gedanke, man solle nicht nur die Opfer unter dem Rad verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen fallen. Auf den Winter bezogen: Generatoren und Decken sind richtig und wichtig, doch Luftverteidigung schützt das Netz selbst.

Die überzeugendere Lesart ist deshalb: Die 200 Millionen sind ein guter Anfang, aber kein Maßstab. Wer in Deutschland die Ukraine unterstützen will, ohne Symbolpolitik zu betreiben, muss Luftverteidigung, Energietechnik und Reparaturteile vor dem Frost liefern, nicht nach der Haushaltsdebatte. Und wer müde ist, sollte ehrlich fragen, wer eigentlich gerade wirklich erschöpft ist: die Gesellschaft, die Strom, Wasser und Heizung hat, oder die, die all das stückweise verliert.

Am Ende bleibt ein kleines Bild: eine Kerze in einem Fenster, in einer Stadt, die sich nicht abschalten lässt. Kann man von dort aus Hoffnung lernen – und wie viel Licht ist man bereit, ihr zu schicken?

Quellen


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