Kanada will Obdachlosigkeit beenden. Geht das?

Offene Tür mit goldenem Licht und Schlüssel auf der Schwelle an einem verschneiten Winterabend, Symbol für Obdachlosigkeit beenden

Stell dir vor, es ist Anfang November in Winnipeg, minus acht Grad, und ein Zelt hat nur eine Plane als Wand. Dann stellt sich der Premierminister eines der reichsten Länder der Welt vor die Kameras und sagt: In zehn Jahren soll das vorbei sein. Nicht weniger. Vorbei.

Sagen wir mal so: Kann ein Land Obdachlosigkeit beenden? Oder ist das der Satz, den Politik immer sagt, kurz bevor der Winter kommt?

Was in Kanada gerade passiert

Kanada, eine stabile Demokratie mit freier Presse und unabhängiger Justiz, diskutiert diese Woche über sein Budget 2026. Am Freitag zog Mark Carney in Winnipeg nach und erklärte, frühere Anläufe seien laut Canadian Press schlecht finanziert, schlecht abgestimmt und nicht durchgehalten worden. Diesmal soll es anders laufen.

Die Eckdaten: 11,2 Milliarden kanadische Dollar in den ersten vier Jahren, 17,8 Milliarden über zehn Jahre. Der Bund zahlt den Bau von Wohnungen mit Betreuung, Provinzen und Partner tragen den Betrieb. Allein Winnipeg bekommt laut offizieller Mitteilung der Regierung mehr als eine Milliarde für über 2000 Wohnungen und ein Zentrum für psychische Gesundheit und Suchthilfe, das in etwa drei Jahren laufen soll.

Die Ausgangslage ist hart. Das Budget geht von rund 65.000 Menschen ohne Zuhause aus, ein Plus von etwa 60 Prozent gegenüber der Zählung 2020 bis 2022. Mehr als 121.000 Menschen nutzten 2025 Notunterkünfte, wie das Institut Policy Options vorrechnet. Tim Richter von der Canadian Alliance to End Homelessness hält die wahre Zahl laut paNOW für deutlich höher. In Regina und Saskatoon wurden im Oktober Zeltlager geräumt, die Behörden nannten Brandgefahr. Das Zelt verschwindet, der Mensch bleibt.

In Winnipeg sind nach Regierungsangaben rund 80 Prozent der Obdachlosen Indigene. Premier Wab Kinew nannte das Paket einen „riesigen“ Deal für die Provinz, und Jennifer Moore Rattray von End Homelessness Winnipeg sagte sinngemäß: Die Zusammenarbeit klappe längst, jetzt komme endlich das Geld dazu.

Die Kritik kommt trotzdem. Die Forschenden von Policy Options vermissen Zwischenziele und Messgrößen für das Zehnjahresversprechen, und weil die Provinzen die Betriebskosten tragen, hängt vieles an deren Haushalten. Über 300.000 Haushalte stehen zudem auf Wartelisten für Sozialwohnungen. Zehn Jahre sind in der Politik fast eine Ewigkeit. Mehrere Wahlen liegen dazwischen.

Ein Beispiel zeigt, warum das Konzept mehr ist als Wunschdenken. Das Dunn House in Toronto verbindet Wohnen mit medizinischer Versorgung. Laut Regierungsangaben gingen dort die Besuche in der Notaufnahme um 52 Prozent zurück, die Krankenhausaufenthalte wurden um 79 Prozent kürzer, und in den ersten zwei Jahren sparte das System rund 2,1 Millionen Dollar. Das sind Zahlen der Regierung und keine unabhängige Studie, sie gehören also mit Vorsicht gelesen. Trotzdem zeigt sich die Logik dahinter: Ein Zuhause ist die billigste Medizin, die es gibt.

Was Basilius, Vanier und Taylor dazu sagen würden

Basilius von Caesarea, ein Kirchenvater des vierten Jahrhunderts, hat einmal gepredigt, das Brot im Schrank gehöre dem Hungernden, der Mantel im Kasten dem Frierenden. Das ist keine Wohltätigkeit, das ist Gerechtigkeit mit Ansage. Für ihn war ein Gebäude, das leer steht, während Menschen draußen frieren, kein Marktergebnis, sondern ein moralischer Skandal. Wer das heute liest, darf sich fragen, wie viele Gebäude in reichen Städten ungenutzt bleiben.

Näher an Kanada ist Jean Vanier, der Gründer der Arche-Gemeinschaften. Er hat sein Leben dem Gedanken gewidmet, dass Würde nicht aus Leistung entsteht, sondern aus dem Zusammenleben. Wer in einem Zimmer mit Tür wohnt, wird nicht automatisch gesund. Aber er wird gesehen. Das klingt klein und ist enorm. Genau deshalb ist der Ansatz „Housing first“ mehr als Bautechnik: Erst kommt das Dach, dann kann der Rest wachsen.

Der Philosoph Charles Taylor, ebenfalls Kanadier, hat den Begriff der Anerkennung in die Gegenwart getragen. Menschen werden zu dem, was sie sind, auch dadurch, wie andere sie ansehen. Wer jahrelang übersehen wird, lernt irgendwann, sich selbst zu übersehen. Das erklärt, warum Obdachlosigkeit mehr ist als ein Wohnungsproblem, nämlich auch ein Anerkennungsproblem. Und es erklärt, warum die Beteiligung der First Nations und der Métis in Manitoba kein Beiwerk ist. Wer in Winnipeg zu 80 Prozent Indigene auf der Straße hat, muss mit Indigenen planen, nicht über sie.

Die Position: Ja, aber bitte mit Messlatte

Vieles spricht dafür, dass dieser Plan ernst gemeint ist. Es fließt echtes Geld, es gibt konkrete Projekte, und es gibt den Mut, ein Datum zu nennen. Dass ein Premier sich festlegen lässt, ist demokratisch gesehen ein Geschenk: Man kann ihn daran messen. Pressefreiheit und Opposition sorgen dafür, dass jemand nachzählt.

Aber ein Versprechen ohne Messlatte ist Poesie. Die überzeugendere Lesart lautet deshalb: Der Plan verdient Zustimmung, wenn er nachprüfbare Zwischenziele bekommt, jährliche Zählungen, die auch die versteckte Obdachlosigkeit erfassen, und verbindliche Zusagen der Provinzen für den Betrieb. Ohne das droht der Klassiker: Der Bund baut, die Provinz hat kein Personal, das Haus steht, und die Menschen bleiben draußen.

Zweitens trägt die Idee nur, wenn sie nicht gegen die Betroffenen gedacht wird. Räumungen von Zeltlagern mögen aus Gründen des Brandschutzes verständlich sein. Sie sind aber kein Ersatz für Wohnungen. Wer erst räumt und dann baut, hat die Reihenfolge verwechselt.

Drittens, und das ist der unbequeme Teil: Es hilft nicht, die Debatte in einen Kampf um Suchtpolitik zu verwandeln. Natürlich spielen Sucht und psychische Krankheit eine Rolle. Aber sie sind oft Folge und nicht Ursache des Lebens auf der Straße. Wer im Zelt schläft, hält vieles aus, was kein Mensch aushalten sollte. Dass das geplante Zentrum Gesundheit und Wohnen verbindet, ist deshalb durchaus klug gedacht.

Man könnte einwenden, das sei alles sehr schön, aber Geld wachse nicht auf Bäumen. Das stimmt. Nur kostet auch das Nichtstun: Notaufnahmen, Polizeieinsätze, Räumungen. Der Einwand verschiebt die Frage von „Können wir uns das leisten?“ zu „Was kostet es uns, wenn wir es lassen?“ Und diese Rechnung fällt in aller Regel schlechter aus.

Und was hat das mit dir zu tun, vielleicht Tausende Kilometer entfernt? Gewissermaßen alles. Auch hierzulande zählen Städte Menschen in Notunterkünften, auch hier steigen Mieten schneller als Hoffnung. Die kanadische Debatte ist ein Spiegel, in dem man sich ungeschminkt ansehen kann.

Bleibt die Frage, die über Winnipeg hinausreicht: Woran würde man in zehn Jahren erkennen, dass ein Land es wirklich ernst gemeint hat? An der Zahl der Wohnungen? An der Statistik? Oder daran, dass jemand nachts nach Hause kommt und der Schlüssel passt?

Die Diskussion ist hiermit eröffnet.

Quellen


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