Pflichtjahr: Wer darf Dienst verlangen?

Wehrdienst und Pflichtjahr: Eine offene Tür mit drei Wegen in die Zukunft bei Sonnenaufgang

Ein Brief im Briefkasten. Absender: die Bundeswehr. Du bist 18, Jahrgang 2008 oder jünger, und die Frage lautet: Wärst du bereit zu dienen? Rund 72 Prozent der angeschriebenen jungen Männer haben den Fragebogen beantwortet, die übrigen 28 Prozent schweigen. Zugleich sammeln sich auf den Straßen Zehntausende gegen eine Wehrpflicht, und Politiker rufen nach dem Pflichtjahr für alle. Wer schuldet wem eigentlich was?

Was gerade passiert

Der Bundestag hat im Dezember 2025 das neue Wehrdienstgesetz beschlossen. Der Dienst bleibt vorerst freiwillig, die Musterung aber kommt zurück. Die Bundeswehr soll von gut 184.000 auf 255.000 bis 270.000 aktive Soldatinnen und Soldaten wachsen. Reicht die Freiwilligkeit nicht, ist eine Bedarfswehrpflicht möglich, über die der Bundestag neu abstimmen müsste.

Die Zwischenbilanz fällt dünn aus: Laut Verteidigungsministerium gingen bis Ende August 451.400 Fragebögen raus, 1.155 Personen wurden für eine Verwendung eingeplant. Das sind gut ein Viertelprozent. Die Struktur für die Musterung ganzer Jahrgänge soll erst Mitte 2027 stehen. Dazu passt der Protest: Am 31. Oktober gingen unter dem Namen „Gen Z regelt“ in rund 30 Städten Tausende auf die Straße, für bessere Schulen, Klimaschutz und gegen eine Wehrpflicht. In Köln und Frankfurt kam es zu Angriffen auf Polizisten. Ein Kommentar wirft der Initiative vor, ihre Anliegen selbst zu übertönen.

Jetzt legt die Politik nach. Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir wirbt für ein „republikanisches Jahr“ mit Wahl zwischen Sozialem, Naturschutz und Bundeswehr, CDU-Chef Manuel Hagel für ein „Deutschlandjahr“. Familienministerin Karin Prien plant einen Gesellschaftsdienst mit Rechtsanspruch, aber ohne Pflicht. Diakonie, Caritas und Paritätischer sind skeptisch, und für eine allgemeine Dienstpflicht könnte das Grundgesetz geändert werden müssen. Am 20. November ist ein Protesttag der Schülervertretungen geplant.

Kant fragt: Wer entscheidet über dein Leben?

Immanuel Kant hat eine Zumutung formuliert, die bis heute nachhallt: Ein Mensch darf nie bloß als Mittel gebraucht werden, immer auch als Zweck an sich. Ein Jahr deines Lebens, vom Staat zugeteilt, kratzt genau an diesem Satz. Man kann dagegenhalten, dass Kant auch Pflichten kannte, und zwar solche, die man sich selbst einsichtig gibt. Die Pointe: Pflicht, die man begreift, ist Freiheit. Pflicht, die nur verordnet wird, ist Gehorsam.

Hier steckt das Problem des Pflichtjahres. Wer ein Land verteidigt, in dem er Mitsprache erlebt, kann das aus Überzeugung tun. Wer erst zum Dienst gerufen wird, nachdem er jahrelang gehört hat, die Rente sei sicher und die Schultoilette eben kaputt, hört vor allem eines: Zahlt jetzt, ihr seid dran. Das ist kein Zufallsgefühl. Laut der Sinus-Jugendstudie, über die ZDFheute berichtet, machen sich über 60 Prozent der 14- bis 17-Jährigen große Sorgen wegen möglicher Kriege. Wer Angst hat, braucht erst einmal ein Gegenüber, das zuhört, bevor es verlangt.

Arendt und Bonhoeffer: Gehorsam ist keine Verantwortung

Hannah Arendt beschrieb, was geschieht, wenn Menschen aufhören, selbst zu urteilen: Sie erledigen Aufgaben, statt Verantwortung zu tragen. Für sie entsteht Macht dort, wo Menschen gemeinsam handeln, und nicht dort, wo Befehle nach unten durchgereicht werden. Dietrich Bonhoeffer ging weiter. Verantwortung heißt für ihn, mit dem eigenen Gewissen für andere einzustehen, auch gegen die Erwartung der Obrigkeit. Beide würden dem Satz widersprechen, ein Staat könne Gemeinsinn per Gesetz herstellen.

Das gilt in beide Richtungen. Wer auf der Straße Böller auf Polizisten wirft oder Läden plündert, beschädigt genau die Glaubwürdigkeit, die der Protest braucht. Gewalt ist kein Argument. Sie ist das Eingeständnis, keines zu haben. Und die Verteidigungsfähigkeit eines demokratischen Landes ist keine Erfindung von Ewiggestrigen: Ein Rechtsstaat, der sich nicht schützen kann, schützt auch seine Minderheiten, seine Presse und seine Gerichte nicht.

Rawls’ Schleier und die Gerechtigkeitslücke

John Rawls schlug ein Gedankenexperiment vor: Man soll Regeln so entwerfen, als wüsste man nicht, an welcher Stelle der Gesellschaft man landet. Übertragen auf das Pflichtjahr heißt das: Wer sich ein Gesetz ausdenkt, ohne zu wissen, ob er 18 oder 58 ist, würde vermutlich eine Last für alle wollen und nicht nur für einen Jahrgang. Ein Dienstjahr, das nur die Jungen trifft, während die Älteren darüber abstimmen, ist schlechte Gerechtigkeit. Dass sich ausgerechnet die Altersgruppe, die es beträfe, übergangen fühlt, ist die eigentliche Schieflage.

Die Position

Vieles spricht dafür, dass der Zwang die schwächere Lösung ist. Ein Pflichtjahr mit verfassungsrechtlichen Hürden, Widerstand der Wohlfahrtsverbände und einer Generation, die sich übergangen fühlt, kann zum Bumerang werden. Die überzeugendere Lesart: Freiwilligkeit mit echtem Gewicht. Ein Rechtsanspruch auf einen Platz, Bezahlung, die zum Leben reicht, Führerschein und Studienpunkte, und ein Staat, der Zusagen hält. Dazu gehört, den Protest ernst zu nehmen, ohne ihn zu verklären, und die Sicherheitsfrage ehrlich zu stellen, statt sie hinter schönen Wörtern wie „republikanisch“ zu verstecken.

Bleibt am Ende eine Frage, die kein Gesetz beantwortet: Wie viel Vertrauen schuldet ein Staat denen, von denen er morgen Mut verlangt? Wer Dienst will, muss zuerst Würdigung zeigen.

Quellen


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