9. November: Erinnern reicht nicht

Kerzen und Messing-Gedenkplatten auf Kopfsteinpflaster im Abendlicht, Erinnerung an die Opfer der Novemberpogrome
Symbolbild

Montag, 9. November, neun Uhr morgens. In Berlin beginnt jemand, einen Namen vorzulesen. Dann den nächsten. Und den nächsten. Zwölf Stunden lang, bis 21 Uhr, werden die 55.696 Namen ermordeter Berliner Jüdinnen und Juden verlesen. Wer das hört, versteht in Minuten, was eine Statistik nie schafft: Hinter jeder Zahl steht ein Mensch mit Adresse, Beruf, Lieblingsplatz am Küchentisch.

Es ist der 88. Jahrestag der Novemberpogrome. Im November 1938 brannten im Deutschen Reich weit über tausend Synagogen, rund 30.000 Männer wurden in Konzentrationslager verschleppt. Die EKD-Spitze, Kirsten Fehrs und Anna-Nicole Heinrich, ruft in dieser Woche zu entschlossenem Einsatz gegen Antisemitismus auf. Fehrs räumt dabei ein, dass christliche Judenfeindschaft der Gewalt den Boden mitbereitet hat. Und die Gegenwart? Die Behörden zählten 2025 rund 6.550 antisemitische Straftaten, etwa fünf Prozent mehr als im Jahr davor. Die Frage dieses Tages lautet deshalb nicht nur: Wie erinnert man? Sondern: Was folgt aus dem Erinnern?

Wenn das Gedenken zum Ritual wird

Kranz, Kerze, Rede, Applaus, Heimweg. Das Programm sitzt. Genau darin liegt die Gefahr. Ein Kommentar in der Jüdischen Allgemeinen beschreibt, wie sich der Alltag jüdischer Menschen anfühlt, während Städte feierlich gedenken: Namensschilder verschwinden, Mesusot wandern an die Innenseite der Wohnungstür, Hebräisch wird auf der Straße lieber nicht gesprochen. Der Autor kritisiert ein Gedenken, das zum Ritual geworden sei, und ein Schweigen der Mitte, wenn es ernst wird.

Zentralratspräsident Josef Schuster mahnte schon früher, dass bald keine Zeitzeugen mehr leben. Er warnte zugleich vor dem Wunsch nach einem Schlussstrich: Eine Umfrage von 2022 hatte ergeben, dass sich fast die Hälfte der Deutschen genau das wünscht. Und er forderte mehr Geld für die Gedenkstätten. Bemerkenswert unbequem: Ein Land kann seine Erinnerungskultur loben und sie gleichzeitig knapp finanzieren. Das ist ungefähr so, als würde jemand das Fitnessstudio-Abo feiern und nie hingehen.

Jaspers: Schuld hat vier Gesichter

Wer heute 20 ist, hat 1938 nichts getan. Reicht das als Freispruch? Der Philosoph Karl Jaspers hat 1946 in seiner Schrift „Die Schuldfrage“ genau hier sortiert. Er unterscheidet kriminelle, politische, moralische und metaphysische Schuld. Kriminell schuldig wird, wer Verbrechen begeht, und das trifft die Nachgeborenen nicht. Aber politische Haftung bleibt: Wer in einem Staat lebt, trägt mit, was dieser Staat tut und aus seiner Geschichte macht. Und die metaphysische Schuld beschreibt etwas Tieferes, nämlich das Versagen der Solidarität unter Menschen, wenn Unrecht geschieht und man danebensteht.

Das ist die eigentliche Pointe: Schuld lässt sich nicht erben, Verantwortung schon. Niemand muss sich für 1938 schämen, der heute den Mund aufmacht. Aber wer heute schweigt, wenn jemand in der Bahn „Jude“ als Schimpfwort benutzt, hat die Lektion nicht verstanden.

Lévinas: Ein Name ist ein Anspruch

Warum berührt das Verlesen der Namen so? Emmanuel Lévinas, jüdischer Philosoph, dessen Familie in Litauen ermordet wurde, hat dafür ein Bild gefunden: das Antlitz des anderen. Es muss nicht schön sein oder bedeutend. Es genügt, dass es da ist und etwas verlangt. Das Gesicht sagt, ohne ein Wort: Töte mich nicht. Lass mich nicht allein. Für Lévinas beginnt Ethik nicht mit Regeln, sondern in dieser Begegnung, bevor man sich überhaupt entscheiden kann.

Ein Name auf einer Liste ist die letzte Spur eines solchen Gesichts. Ihn auszusprechen bedeutet, den Anspruch zu hören, der von ihm ausgeht. Und dieser Anspruch hat keine Frist. Er gilt am 9. November, aber auch am 10. und am 11., wenn die Kameras weg sind.

Arendt und Adorno: Wegschauen ist die Methode

Hannah Arendt beobachtete 1961 in Jerusalem den Prozess gegen Adolf Eichmann und kam zu einem verstörenden Schluss: Das Böse trat nicht als Dämon auf, sondern als Gedankenlosigkeit, als pflichtbewusstes Mitmachen. Daraus folgt unbequem viel für heute. Hass braucht nicht viele Täter, er braucht viele, die nicht hinschauen und nicht widersprechen.

Theodor W. Adorno nannte 1966 die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, die allererste an jede Erziehung. Nicht eine unter vielen, die erste. Das ist ein hoher Maßstab. Er verlangt Bildung, aber ebenso Mut im Alltag. Auch die Kirchen sind gemeint: Dietrich Bonhoeffer forderte schon 1933, dass die Kirche nicht nur die Opfer unter dem Rad verbinden dürfe, sondern dem Rad selbst in die Speichen greifen müsse. Dass die Kirchen das damals mehrheitlich nicht taten, ist der Grund, warum Fehrs heute von Mitverantwortung spricht.

Was daraus folgt

Vieles spricht dafür, dass die überzeugendere Lesart des 9. November keine Trauerfeier ist, sondern ein Auftrag. Gedenken ohne Konsequenz wird zur Selbstberuhigung: Man hat etwas gefühlt, also muss man nichts tun. Das trägt nicht. Eine Kranzniederlegung dauert fünf Minuten, ein Widerspruch am Familientisch oder im Klassenchat manchmal länger und kostet mehr. Aber nur Letzteres verändert etwas.

Dazu gehört Redlichkeit in beide Richtungen. Fehrs betonte im Oktober, dass Trauer um die Opfer des 7. Oktober 2023 und Mitgefühl mit den Menschen in Gaza nicht gegeneinander aufgerechnet werden dürfen. Das ist ein Satz, der Streit entschärft, wenn man ihn ernst nimmt: Kritik an der israelischen Regierung ist legitim, Hass auf Jüdinnen und Juden nie. Wer beides verwechselt, schadet am Ende allen, auch den Menschen, für die er zu sprechen glaubt. Menschenwürde ist unteilbar, sonst ist sie keine.

Konkret heißt das: Gedenkstätten verlässlich finanzieren. Synagogen, Schulen und Gemeinden so schützen, dass niemand seine Kippa in der Tasche verstecken muss. Antisemitische Sprüche nicht als „Witz“ durchgehen lassen, auch nicht im eigenen Freundeskreis. Und zuhören, wenn jüdische Menschen erzählen, wie sich ihr Alltag anfühlt, statt ihnen zu erklären, wie sie ihn zu empfinden haben.

Am Montagabend um 21 Uhr ist die letzte Namensliste verlesen. Die Kerzen brennen herunter. Die Straße füllt sich wieder mit Lärm. Und dann? Vielleicht ist das die eigentliche Prüfung des Gedenkens: nicht, was in der Stunde danach gesagt wird, sondern was am Dienstagmorgen geschieht, wenn jemand einen Satz sagt, der nicht stehen bleiben darf.

Quellen

Hinweis: Für diesen Tag lagen keine frei zugänglichen Beiträge von ZEIT, FAZ und Süddeutscher Zeitung zum Thema vor; Bezahlschranken wurden nicht umgangen.


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