
Stell dir vor, dein Vater wird erschossen. Und dann fragt die Polizei jahrelang dich, was er wohl für Geschäfte gemacht hat. Nicht, wer ihn hasste. Sondern, was er falsch gemacht haben könnte. Für die Angehörigen der NSU-Opfer war genau das Alltag. Heute, 15 Jahre nach der Selbstenttarnung, redet der Bundestag darüber.
Was heute im Bundestag verhandelt wird
Am 4. November 2011 töteten sich Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in Eisenach nach einem Banküberfall. Danach flog auf, was Jahre im Verborgenen geblieben war: Die Gruppe wird für zehn Morde verantwortlich gemacht, neun an Menschen mit Migrationsgeschichte, einer an der Polizistin Michèle Kiesewetter. Heute widmet der Bundestag dem Jahrestag eine vereinbarte Debatte unter dem Titel „Der Opfer gedenken, der Verantwortung gerecht werden und heutige Bedrohungen ernst nehmen“ (ZDFheute, Bundestag).
Wie sehr das Erinnern bis heute umkämpft ist, zeigt ein Bericht aus Zwickau. Dort sollen Gedenkbänke beschädigt und ein Gedenkbaum abgesägt worden sein, auf der städtischen Gedenkanlage wurden Namen falsch geschrieben. Ein Staatssekretär des Bundesinnenministeriums räumte Polizeifehler ein: Die Ermittler hätten in die falsche Richtung gesucht und die Angehörigen ins Visier genommen. Kritik gab es daran, dass nur Staatssekretäre erschienen, keine Minister (taz).
Offen sind außerdem Fragen nach dem Unterstützernetzwerk. Die Publizistin Heike Kleffner, früher Mitarbeiterin der Linken in den Untersuchungsausschüssen, zieht in den Blättern eine ernüchternde Bilanz: Fast alle Verfahren seien eingestellt, mehrere Dutzend bekannte Helfer straflos geblieben (Blätter für deutsche und internationale Politik). Das ist eine engagierte Perspektive. Auch die Linke fordert in einem Antrag mehr Transparenz der Sicherheitsbehörden und ein zügiges Dokumentationszentrum (Bundestag). Über Details lässt sich streiten. Nicht streiten lässt sich über den Kern: Ein Rechtsstaat, der die Falschen verdächtigt, muss das aufarbeiten.
Kain, Abel und die Frage, die bleibt
Die Bibel kennt dieses Muster seit der ersten Familiengeschichte. In Genesis 4,8–12 erschlägt Kain seinen Bruder Abel auf dem Feld. Gott fragt nach, und Kain weicht aus: Soll er etwa der Hüter seines Bruders sein? Die Antwort kommt prompt: „Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde“ (Lutherbibel 2017, 1. Mose 4).
Ausleger lesen das als Satz über Opfer, die nicht verstummen. Das Blut ist im Tod stärker als Abel zu Lebzeiten, vergossenes Blut verlangt Rechenschaft, und schon Genesis 9,5–6 knüpft daran an (Bible Odyssey). Der Hamburger Diakonie-Chef Dirk Ahrens betont, dass Gottes Fragen zeigen: Auch die Mächtigen schulden Rechenschaft (chrismon). Dazu passt eine Predigt, die Abel zuruft, er solle aufstehen: Opfer dürfen nicht vergessen werden (Predigt von Manfred Wussow).
Man muss die Geschichte nicht eins zu eins auf den NSU legen. Aber die Frage „Wo ist dein Bruder?“ richtet sich an alle, nicht nur an Täter. Sie trifft Behörden, die weggeschaut haben, ebenso wie eine Gesellschaft, die die Familien der Opfer lange nicht ernst nahm. Auffällig ist auch: Gott verhängt über Kain keine Todesstrafe. Selbst der Mörder bleibt unter Schutz, Rache ist nicht die Antwort. Die Antwort heißt Rechenschaft.
Amos: Gottesdienst ohne Recht ist Lärm
Rund 750 v. Chr. tritt der Hirte Amos aus Tekoa im Nordreich Israel auf, in einer Zeit wirtschaftlicher Blüte. Er sieht, wie die Oberschicht den Rechtsweg versperrt und Arme ausgebeutet werden (bibelwissenschaft.de). In Amos 5,21–24 lässt er Gott Feste, Opfer und Lieder verwerfen. Stattdessen soll es heißen: „Es ströme aber das Recht wie Wasser“ (Lutherbibel 2017, Amos 5).
Der katholische Theologe Till Magnus Steiner liest das als Warnung vor falscher Sicherheit durch Frömmigkeit: Rituale decken Unrecht an den Armen nicht zu (katholisch.de). Übertragen heißt das: Eine Gedenkfeier mit schönen Worten reicht nicht, wenn Akten fehlen, Fragen offen bleiben und Hinterbliebene sich allein gelassen fühlen. Gedenken ohne Konsequenz ist, in Amos’ Sprache, bloßes Getöse.
Mund aufmachen für die, die nicht gehört werden
Das Buch der Sprüche formuliert einen Auftrag, der wie für diesen Tag gemacht scheint: für die eintreten, die sich nicht selbst äußern können, und den Schutzlosen zu ihrem Recht verhelfen (Sprüche 31,8–9, Bibleserver). Psalm 82 setzt eine Gerichtsszene in Szene: Gott fragt die Mächtigen, wie lange sie noch ungerecht richten wollen, und verlangt Recht für Waisen, Arme und Elende (Psalm 82). Der Alttestamentler Erich Zenger versteht die „Geringen“ dort als alle, die nicht zur Schicht der Mächtigen gehören; es gehe um gutes Leben, nicht nur ums Überleben (so in einer Predigt von Florence Häneke).
Dietrich Bonhoeffer hat 1933 von der Kirche verlangt, dem Staat notfalls „dem Rad in die Speichen zu fallen“, wenn dieser Recht und Ordnung verfehlt. Die Kirche solle die Opfer des Staates verbinden, aber auch auf das Rad selbst zielen. Das ist hoch gegriffen, und der NSU-Komplex ist kein Nazi-Staat. Aber der Gedanke bleibt: Wer Verantwortung trägt, darf sich nicht hinter Zuständigkeiten verstecken.
Hannah Arendt hat das „Recht, Rechte zu haben“ als Grundlage aller anderen Rechte beschrieben. Wer nicht dazugehört, hat im Ernstfall nichts, worauf er sich berufen kann. Die Angehörigen der Opfer standen lange außerhalb dieses Rechts: Sie wurden nicht als Betroffene behandelt, sondern als Verdächtige. Genau darum geht es, wenn heute von Aufarbeitung die Rede ist.
Eine Position
Vieles spricht dafür, dass die Debatte heute nur dann mehr ist als ein Ritual, wenn drei Dinge folgen. Erstens: Offenheit der Behörden, auch bei unbequemen Akten und V-Leuten. Wie weit eine Reform der Nachrichtendienste gehen sollte, ist politisch umstritten, und nicht jede Forderung der Opposition muss man teilen. Zweitens: Unterstützung für Betroffene, die psychologisch und unbürokratisch ankommt. Drittens: ein Gedenken, das die Angehörigen einbindet, statt über sie hinwegzugehen. Dazu gehört, dass rechte Gewalt auch heute ernst genommen wird: Laut Kleffner starben 2019 bis 2025 mindestens 13 Menschen bei rechten Anschlägen, darunter Walter Lübcke und die Opfer von Halle und Hanau.
Dass Staatsvertreter Fehler offen einräumen, ist ein Anfang. Die überzeugendere Lesart der biblischen Texte ist aber: Ein Anfang genügt nicht. Das Recht soll fließen wie Wasser, nicht tropfen. Und die Frage an Kain gilt weiter, als Frage an ein ganzes Land: Wo ist dein Bruder, wo ist deine Schwester? Wer hört heute die Stimme der Familien, die so lange niemand hören wollte?
Quellen
- ZDFheute: Bundestag, Debatte zum Thema „15 Jahre Aufdeckung des NSU“
- Deutscher Bundestag: Vereinbarte Debatte „15 Jahre Aufdeckung des NSU“
- Deutscher Bundestag: Antrag „Den Terror von gestern aufklären – Den Terror von morgen verhindern“
- taz: Selbstenttarnung des NSU vor 15 Jahren – Noch immer bleiben Fragen
- Blätter für deutsche und internationale Politik 11/2026: 15 Jahre NSU-Selbstenttarnung – Zu viele offene Fragen, zu wenig Konsequenzen
- Bibleserver (Lutherbibel 2017): 1. Mose 4
- Bible Odyssey: The Cry of Abel’s Blood
- chrismon: Brudermord in der Geschichte von Kain und Abel
- evangelisch.de: Abel, steh auf! Es muss neu gespielt werden! (Predigt von Manfred Wussow)
- Bibleserver (Lutherbibel 2017): Amos 5
- bibelwissenschaft.de: Der Prophet Amos
- katholisch.de: Amos – Eine düstere und harte Gerichtsprophetie
- Bibleserver (Lutherbibel 2017): Sprüche 31
- Bibleserver: Psalm 82
- evangelisch.de: Schafft Recht! Klagen – Beklagen – Anklagen (Predigt von Florence Häneke)



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