
Hundert Bewerbungen. Dreißig Absagen mit dem Standardsatz, siebzig Mal gar keine Antwort. Und irgendwo in der Küche liegt der Abschluss, der doch eigentlich eine Tür öffnen sollte. Wer gerade in den Beruf starten will, kennt dieses Gefühl: Die Treppe nach oben ist da, nur die ersten Stufen fehlen.
Das ist kein Bauchgefühl. Laut einer Auswertung der Jobbörse Indeed lagen Einstiegsstellen im Juli 2026 rund 46 Prozent unter dem Niveau von 2019. Praktika und Werkstudierendenjobs liegen gut ein Viertel darunter. Gleichzeitig berichtet eine repräsentative Umfrage der Pronova BKK, dass jede zweite Person bis 40 spürbar Angst vor der beruflichen Zukunft hat. Und in einer Umfrage von Swiss Life Deutschland gaben 48 Prozent der jüngsten Altersgruppe unter den Erwerbstätigen hohen Stress an, bei den Babyboomern waren es 20 Prozent. Was macht das mit einem Kopf?
Was gerade auf dem Tisch liegt
Die Indeed-Zahlen zeichnen ein ungewöhnlich genaues Bild. Der Einbruch betrifft 26 von 28 Berufsgruppen. Besonders hart trifft es Marketing, IT-Anwendungen und Projektmanagement, wo seit 2022 zwischen 60 und 77 Prozent der Einstiegsstellen verschwunden sind. Pflege und Medizin legten dagegen um 18 Prozent zu, die Gastronomie um 10 Prozent. Die Ausbildungsstellen liegen sogar rund die Hälfte über dem Wert von 2019.
Und die KI? Sie ist der naheliegende Sündenbock, aber die Lage ist nüchterner. Der Rückgang begann schon im Frühjahr 2022, noch vor ChatGPT. Indeed-Ökonomin Virginia Sondergeld hält einen KI-Effekt in Deutschland bislang für nicht belegt und sieht vor allem die schwache Konjunktur. Berufe mit hohem KI-Potenzial schrumpfen zwar stärker, doch dieses Potenzial misst nur, was KI theoretisch übernehmen könnte, nicht, was Firmen tatsächlich einsetzen. Die ehrliche Antwort lautet also: Es spielt vieles zusammen, und niemand weiß genau, wie viel davon KI ist.
Als Gegenstrategie macht ein Begriff die Runde: Stability Stacking. Gemeint ist, die Risiken zu streuen, mit breiteren Fähigkeiten, mehr Netzwerk und mehr als einer Einkommensquelle. Der Begriff stammt aus einem Recruiting-Report, nicht aus der Wissenschaft, und Fachleute wie der ifaa-Direktor Sascha Stowasser weisen darauf hin, dass Weiterbildung und mehrere Standbeine keine Erfindung von gestern sind. Auch beim verwandten Polyworking muss man genau hinschauen: Die viel zitierten Zahlen stammen teils aus US-Umfragen, die deutschen nur von Millennials. Als Stimmungsbild taugt das Ganze. Als Beweis nicht.
Wenn nichts zählt, was du tust
Martin Seligman und Steven Maier beschrieben in den 1960ern die erlernte Hilflosigkeit: Tiere, die unkontrollierbaren Reizen ausgesetzt waren, gaben später auch dann auf, wenn Flucht möglich gewesen wäre. Auf Menschen übertragen heißt das: Wer oft erlebt, dass Anstrengung ins Leere läuft, hört irgendwann auf, es zu versuchen. Der Gedanke ist bis heute einflussreich, aber die Forschung hat ihn gedreht. Maier und Seligman selbst haben ihn 2016 korrigiert: Passivität scheint eher der Grundzustand zu sein, und das Gefühl von Kontrolle muss aktiv erlebt und gelernt werden. Das ist eine gute Nachricht, denn was gelernt wird, lässt sich auch wieder lernen.
Für Bewerbungsmarathons heißt das: Der Schaden liegt weniger in der einzelnen Absage als im Muster dahinter. Wer hundert Mal hört (oder eben nicht hört), dass es egal ist, was er tut, beginnt, an sich selbst zu zweifeln statt am Markt. Dabei ist die Lage schwierig, nicht die Person.
Banduras Hebel: kleine Siege
Albert Bandura nannte die Überzeugung, eine Aufgabe bewältigen zu können, Selbstwirksamkeit. Sie speist sich vor allem aus eigenen Erfolgserlebnissen, dann aus dem Vorbild anderer, aus Zuspruch und aus dem Umgang mit der eigenen Anspannung. Das Konzept gehört zu den am besten untersuchten der Psychologie, auch wenn einzelne Effekte unterschiedlich stark ausfallen. Praktisch bedeutet es: Wer nur auf das große Ziel starrt (die feste Stelle), bekommt wenig Rückmeldung. Wer sich kleinere, erreichbare Etappen sucht, ein Projekt, einen Kurs, ein Gespräch mit jemandem aus der Branche, sammelt Beweise für die eigene Handlungsfähigkeit.
Hier hat das Stability Stacking seine psychologisch sinnvolle Seite. Mehrere Standbeine sind nicht nur finanzielle Absicherung, sondern auch ein Kontrollgewinn. Wer nicht alles auf eine Karte setzt, erlebt Absagen weniger als Urteil über den eigenen Wert. Es gibt allerdings eine Kehrseite: Dauerhaft mehrere Jobs, weil das Geld sonst nicht reicht, ist kein Lifestyle, sondern Überlastung. Wer das als Freiheit verkauft, redet ein Strukturproblem schön.
Sicherheit, Identität und die Pause dazwischen
Abraham Maslow stellte Sicherheit als Grundbedürfnis weit nach unten in seine berühmte Pyramide, direkt über Essen und Schlaf. Dass starre Stufen in der Forschung so nicht belegt sind, ändert wenig an der Alltagsbeobachtung: Wer nicht weiß, ob die Miete im nächsten Jahr gesichert ist, kann schwer über Selbstverwirklichung nachdenken. Die Psychologie der Unsicherheit liefert dazu ein präzises Wort: Unsicherheitsintoleranz, also die Schwierigkeit, Ungewissheit auszuhalten. Sie hängt mit erhöhtem Risiko für Ängste und Erschöpfung zusammen, und sie lässt sich trainieren, etwa mit Ansätzen wie der Akzeptanz- und Commitment-Therapie.
Erik Erikson wiederum beschrieb die Jugend und das junge Erwachsenenalter als Zeit der Identitätsfindung, mit einem „psychosozialen Moratorium“, einer Spielzeit zum Ausprobieren. Genau diese Spielzeit wird schwerer, wenn jeder Schritt zugleich Existenzfrage ist. Wenn dann noch mehr als 300 Ausbildungsberufe und über 10.000 Studiengänge zur Auswahl stehen, kommt das hinzu, was der Psychologe Lukas Klaschinski gegenüber ZDFheute als Choice-Overload beschrieb: Wer alles werden kann, fühlt sich schnell, als müsse er sofort das Richtige wählen. Zu viele Türen können lähmen genauso wie zu wenige.
Was in deiner Hand liegt
Der stoische Philosoph Epiktet, einst Sklave und später Lehrer in Rom, hat die Frage vor fast 2000 Jahren auf einen Satz gebracht: Manches steht in unserer Macht, anderes nicht. In unserer Macht liegen die eigenen Urteile, Entscheidungen und das eigene Handeln. Nicht in unserer Macht liegen der Arbeitsmarkt, die Konjunktur und die Laune einer Personalabteilung. Das klingt nach Spruchkalender, ist aber ein sehr praktischer Filter: Wohin fließt die Energie? In das Grübeln über den Markt, oder in die nächste Bewerbung, das nächste Gespräch, das nächste Stück Können?
Eine Einschränkung gehört dazu, und sie ist wichtig: Die stoische Haltung darf nie zur Ausrede werden, an Strukturen nichts zu ändern. Dass Einstiegsstellen halbiert wurden, ist keine Charakterfrage. Es ist eine Aufgabe für Politik und Unternehmen, die Ausbildung, Übernahme und faire Bezahlung für Einsteiger sichern. Forscher wie Hans Rusinek und Erik Strauß warnen laut Personalwirtschaft genau davor, bei den Einstiegspositionen zu sparen, denn wer heute keine Nachwuchskräfte aufbaut, hat morgen keine erfahrenen. Beides gehört zusammen: persönlicher Mut und gerechte Rahmenbedingungen.
Auch Jesus kennt das Thema. In der Bergpredigt (Matthäus 6,25–34) sagt er sinngemäß: Sorgt euch nicht um morgen, jeder Tag hat genug eigene Plage. Das ist kein Verbot, sich Gedanken zu machen, sondern eine Einladung, die Angst nicht zum Dauermieter werden zu lassen. Wer glaubt, findet darin Halt. Wer nicht glaubt, findet darin immerhin einen Satz, der erstaunlich gut zu Epiktet passt.
Was nachhallt
Vielleicht ist die wichtigste Erkenntnis diese: Zukunftsangst ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eine ziemlich vernünftige Reaktion auf eine unsichere Lage. Gefährlich wird sie erst, wenn sie das Gefühl nährt, ohnehin nichts tun zu können. Und das stimmt nicht. Wer eine Stufe baut, hat noch keine Treppe. Aber wer keine baut, hat nie eine.
Welche eine kleine Stufe könnte heute dran sein, und wer in deinem Umfeld könnte mit dir zusammen die nächste bauen?
Wenn dich Sorgen um die Zukunft stark belasten oder du das Gefühl hast, nicht mehr abschalten zu können: Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116 117.
Quellen
- Einstiegsjobs brechen ein – und KI ist nicht die Hauptursache – Personalwirtschaft
- Zwei Drittel weniger Einstiegsjobs seit 2022: Wo die Krise als Erstes zuschlägt – ingenieur.de
- Zukunftsangst im Job: Warum junge Menschen auf „Stability Stacking“ setzen – Joyn Newstime
- Junge Erwerbstätige leiden häufig unter hohem Stress – Tageskarte
- Job finden: Junge Menschen zwischen Druck und Freiheit – ZDFheute
- Künstliche Intelligenz: Wie die Technologien Jobs verändern – ZDFheute
- Immer mehr junge Menschen von „Polyworking“ betroffen – Leinetal24 (Ippen.Media)
- Angst vor Kontrollverlust und wie man sie bewältigen kann – AOK Gesundheitsmagazin



Schreibe einen Kommentar