
Guten Morgen, Gott.
Mein Daumen war schneller als mein Gebet. Er hat das Handy schon gesucht, noch bevor ich die Augen richtig offen hatte.
Ein Reflex. Nachrichten, Storys, Likes, die Welt in der Hosentasche. Dabei ist es Sonntag, kurz nach fünf, und draußen ist es noch dunkel. Heute darfst du zuerst dran sein.
Display nach unten
Ich lege es um. Mit dem Gesicht nach unten.
Nicht für immer, nur für diese paar Minuten.
Nicht aus Strenge, sondern aus Neugier auf das, was passiert, wenn es still wird.
Ich merke, wie viel in mir nach Anerkennung greift. Wer hat geschrieben? Wer hat mich gesehen? Wer hat mich vergessen? Ich bin mehr als meine Benachrichtigungen. Das darf ich heute glauben.
Was ich dir gebe
Die Bilder, die mir nachhängen. Perfekte Leben, perfekte Körper, perfekte Urlaube, und mein ganz normaler Morgen daneben.
Die Schlagzeilen, die mich klein machen.
Den Vergleich, der mich müde macht, bevor der Tag angefangen hat.
Du schaust mich an, ohne Filter. Ohne Ranking. Bei dir muss ich nichts posten, um da zu sein. „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen“, heißt es bei Jesaja (43,1). Nicht bei meinem Nutzernamen. Bei meinem.
Für die anderen
Für alle, die gerade auf eine Nachricht warten, die nicht kommt. Sei ihnen näher als jedes Display.
Für alle, die online angegriffen werden, und für die, die angreifen. Gib uns allen mehr Anstand, als der Algorithmus von uns will.
Für alle, die in dieser Stunde wirklich allein sind: Lass jemanden anklopfen. Heute noch.
Und wenn heute etwas Wichtiges auf meinem Bildschirm auftaucht, eine Nachricht aus Kyjiv, ein Hilferuf, ein Name, den ich lieben soll, dann gib mir ein offenes Herz statt eines schnellen Daumens.
Der Tee wird warm. Das Fenster wird hell. Du bist schon da, und ich muss dich nicht aktualisieren.
Ich vertraue dir diesen Tag an. Mit Akku und ohne, mit Netz und ohne.
Display aus. Herz an. Amen.



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