
Sonntag, 2 Uhr nachts: Millionen Menschen in den USA drehen an der Uhr und fragen sich, warum eigentlich noch. Sommerzeit dauerhaft – das hat das Repräsentantenhaus im Juli beschlossen. Der Senat hängt das Gesetz seitdem in der Warteschleife. Die Zeit dafür ist knapp: Läuft der Kongress Anfang Januar aus, verfällt der Entwurf. Und hierzulande? Da wartet man seit Jahren darauf, dass Brüssel endlich entscheidet.
Ein Gesetz, ein Name wie ein Strandurlaub
Der Gesetzentwurf heißt Sunshine Protection Act. Allein der Name klingt, als würde er mit Sonnencreme geliefert. Wie Spectrum News berichtet, ist die Vorlage parteiübergreifend unterstützt, Präsident Donald Trump und der Republikaner Rick Scott aus Florida machen sich dafür stark. Ihr Argument: mehr Tageslicht am Abend und ein Land, das vom ständigen Umstellen genug hat. Auch die Befürworter im Repräsentantenhaus werben mit mehr Wirtschaftsaktivität und mehr Zeit im Freien.
Dagegen stemmt sich ausgerechnet ein Parteifreund des Präsidenten: der republikanische Senator Tom Cotton. Sein Einwand ist unromantisch und anschaulich zugleich. Dauerhafte Sommerzeit bedeutet im Winter stockdunkle Morgen, mit Schulkindern an Bushaltestellen und Menschen, die früh zur Arbeit müssen. Schon in den 1970er-Jahren hat man das in den USA ausprobiert und wieder zurückgedreht, als die Leute die späten Sonnenaufgänge erlebten.
Der Körper stimmt nicht mit dem Kongress ab
Wer sich bei Medizinern umhört, bekommt eine andere Antwort als in den Wahlkreisbüros. Die American Academy of Sleep Medicine plädiert für dauerhafte Normalzeit, weil sie am besten zur zirkadianen Biologie des Menschen passt, also zur inneren Uhr. NPR fasste die Lage schon vor Jahren so zusammen: Mediziner bevorzugen meist die Normalzeit, weil das Morgenlicht besser zum Schlaf passt. Händler dagegen berichten von mehr Umsatz, wenn der Abend hell bleibt.
Dazu kommt ein juristischer Haken, den nur Washington so sortiert haben kann: Nach dem Uniform Time Act dürfen US-Bundesstaaten dauerhaft nur die Normalzeit wählen, nicht die Sommerzeit. 19 Staaten haben trotzdem schon Gesetze für die ewige Sommerzeit beschlossen, falls der Bund einmal zustimmt. Das ist, als würde man den Gutschein für einen Laden drucken, der noch gar nicht gebaut ist.
Und Deutschland? Wartet auf Brüssel
Hierzulande ist die Stimmung eine andere, aber nicht weniger festgefahren. In der EU-Umfrage von 2018 sprachen sich mehr als 80 Prozent der gut 4,6 Millionen Teilnehmenden gegen das Hin und Her aus, rund zwei Drittel der Stimmen kamen aus Deutschland, wie t3n schreibt. Das Europäische Parlament stimmte 2019 für das Ende der Zeitumstellung. Der Rat der Mitgliedstaaten konnte sich bis heute nicht einigen.
Der Unterschied zu den USA liegt weniger im Streit als in der Mechanik. In Washington kann der Kongress allein entscheiden, auch wenn er es nicht tut. In Europa müssen die Staaten zwei Entscheidungen treffen: erst Schluss mit dem Wechsel, dann dauerhaft Sommer- oder Normalzeit. Und weil fast jedes Land an mehrere Nachbarn grenzt, droht ein Flickenteppich aus Zeitzonen, wie SRF und die Legal Tribune Online beschrieben haben. Deutschland gehört nach t3n zu den Staaten, die eine abgestimmte europäische Lösung wollen und nicht allein vorpreschen.
Dass die Frage nach dem Licht auch in Europa keine Kleinigkeit ist, zeigt ein Rechenbeispiel aus der Legal Tribune Online: Bei dauerhafter Sommerzeit wäre es in Spanien im Winter bis kurz vor 10 Uhr dunkel, bei dauerhafter Normalzeit in Warschau im Sommer bis drei Uhr morgens hell. Gleiches Dilemma wie in den USA, nur auf einem dichter besiedelten Kontinent. Gemeinsamkeit: Beide Seiten des Atlantiks wollen das Umstellen loswerden. Unterschied: Amerika streitet über die Antwort, Europa traut sich noch nicht einmal, sie auszusprechen.
Wem gehört das Morgenlicht?
Der Kirchenvater Augustinus staunte vor 1.600 Jahren darüber, wie vertraut und zugleich rätselhaft die Zeit ist. Er verstand sie als etwas, das im Menschen erlebt wird, als Spannung zwischen Erinnern, Erwarten und Gegenwart. Die Uhrzeit ist dagegen eine Vereinbarung. Sie lässt sich per Gesetz verschieben, die Sonne und der Körper bleiben davon unbeeindruckt. Wer das Gesetz „Sunshine“ nennt, verwechselt eine Beschriftung mit dem Licht selbst.
Dann ist da die Frage nach der Fairness. John Rawls schlug vor, Regeln so zu entwerfen, als wüsste man nicht, an welcher Stelle der Gesellschaft man landet. Wer hinter diesem „Schleier des Nichtwissens“ über die Zeit entscheidet, weiß nicht, ob er später das Kind an der dunklen Haltestelle ist, die Pflegekraft vor der Frühschicht, der Ladenbesitzer mit Feierabendumsatz oder die Grillgruppe im Park. Rawls verlangte, dass eine gerechte Ordnung vor allem die am wenigsten Begünstigten im Blick hat. Das spricht für den sicheren Morgen.
Schließlich Hans Jonas: Sein „Prinzip Verantwortung“ verlangt bei unsicheren, aber möglicherweise folgenreichen Entscheidungen, der schlechteren Prognose mehr Gewicht zu geben. Die Warnungen der Schlafmedizin und die Erfahrung aus den 1970ern sind genau so eine Prognose. Es wäre merkwürdig, ein Experiment zu wiederholen, dessen Ausgang man schon kennt, nur weil der Name so nett klingt.
Die überzeugendere Lesart lautet deshalb: Das Ende des Umstellens ja, aber mit dauerhafter Normalzeit. Der helle Abend ist ein Gewinn, der sich leicht feiern lässt. Der dunkle Morgen ist ein Preis, den andere zahlen, meist leise und früh am Tag. Eine Demokratie, die Menschenwürde und Schutz der Schwächeren ernst nimmt, rechnet beides gegeneinander. Und sie hört dabei auf Medizin und Erfahrung, nicht nur auf Umsatzzahlen und Slogans.
Am Ende bleibt eine Frage, die sich mit keiner Uhr beantworten lässt: Wer darf entscheiden, wann der Tag beginnt – und wer trägt die Dunkelheit, wenn es alle anderen hell haben wollen?
Quellen
- Clocks fall back an hour after Senate stalls proposed permanent time bill (Spectrum News)
- House Passes Legislation to Make Daylight Saving Time Permanent (House Energy & Commerce Committee)
- Millions of Americans Gain an Extra Hour of Sleep as Daylight Saving Time Ends for 2026 (IBTimes)
- Six things to know about the political debate around daylight saving time (NPR)
- Permanent standard time is the optimal choice for health and safety (American Academy of Sleep Medicine)
- Zeitumstellung: Warum die Abschaffung in der EU stockt (t3n)
- Abschaffung der Zeitumstellung: EU-Projekt kommt nicht voran (Legal Tribune Online)
- Immer Winter- oder Sommerzeit? Abschaffung der Zeitumstellung kommt nicht vom Fleck (SRF)



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