Haben alle ADHS? Der TikTok-Check

Leuchtendes Smartphone, aus dem bunte Etiketten und Puzzleteile um eine Silhouette aus Licht schweben

Du scrollst abends durch den Feed. Ein Video: „Zeichen, dass du ADHS hast.“ Du vergisst Termine? Check. Du schiebst Dinge auf? Check. Du bist abends müde und trotzdem wach? Check, check, check. Drei Videos später bist du dir ziemlich sicher. Und fühlst dich seltsam erleichtert.

Genau dieses Gefühl ist der Kern eines Phänomens, über das gerade viel gestritten wird: die Selbstdiagnose auf Social Media. Eine Essener Forschungsgruppe hat deutschsprachige TikTok-Videos zu Störungen wie ADHS, Depression, Autismus oder Narzissmus geprüft. Ergebnis: Nur etwa jedes fünfte Video stellte die Störung korrekt dar, rund ein Drittel war schlicht falsch, der Rest verallgemeinerte stark oder erzählte nur persönliche Erfahrung (wissenschaft.de). Eine andere Studie, über die netzpolitik.org berichtet, fand: Fast die Hälfte der ADHS-Clips beschreibt Symptome, die gar nicht zu den Diagnosekriterien gehören. Mehr als ein Drittel der befragten jungen Nutzenden vermutete ADHS bei sich, tatsächlich liegt die Häufigkeit bei etwa 2 bis 5 Prozent.

Der Horoskop-Trick: Warum du dich überall wiedererkennst

Der Psychologe Bertram Forer gab seinen Studierenden 1949 angeblich individuelle Persönlichkeitsprofile. Alle bekamen denselben Text, zusammengebastelt aus Horoskop-Sätzen. Fast alle hielten ihn für erstaunlich treffend. Dieser Barnum-Effekt ist seither oft bestätigt worden: Vage, allgemein menschliche Sätze fühlen sich persönlich an, sobald man glaubt, sie seien auf einen zugeschnitten.

Jetzt rechne das auf „Du vergisst manchmal Dinge“ und „Du lässt dich leicht ablenken“ um. Wer kennt das nicht? DER STANDARD bringt es auf den Punkt: Viele online gezeigte Symptome sind ganz gewöhnliche Alltagserfahrungen. Dazu kommt, was Daniel Kahneman beschrieben hat: Das Gehirn arbeitet mit dem, was gerade sichtbar ist. Der Feed liefert Beispiel um Beispiel, der Rest der Welt, in dem du dich nicht wiedererkennst, kommt gar nicht vor. Und der Algorithmus nickt freundlich und schiebt das nächste Video nach.

Neu ist das nicht. Medizinstudierende kennen es seit Langem: Wer ein Krankheitsbild lernt, spürt es plötzlich selbst. Neu ist nur die Reichweite. Die Plattform belohnt, was geteilt wird, nicht, was stimmt.

Das Etikett wirkt zurück

Der Wissenschaftsphilosoph Ian Hacking hat dafür ein Bild geprägt: den Looping-Effekt. Menschen, die in eine Kategorie eingeordnet werden, bekommen mit, dass sie so eingeordnet sind, und verändern dadurch, wie sie sich sehen und verhalten. Die Kategorie formt die Menschen, die Menschen formen die Kategorie. Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern eine Denkfigur, die erklärt, warum Diagnosebegriffe so schnell in die Alltagssprache wandern. Das Deutsche Ärzteblatt beschreibt, wie Normales pathologisiert wird: Wer verärgert ist, ist „getriggert“, wer ordentlich ist, „zwanghaft“, wer erschrickt, hatte eine „Panikattacke“. Hacking selbst war übrigens Philosoph und kein Experimentator. Seine Idee ist ein Erklärungsrahmen, kein bewiesenes Gesetz.

Und warum greift das ausgerechnet in jungen Jahren so stark? Erik Erikson sah die Jugend als Phase, in der es um die Frage geht: Wer bin ich, und wo gehöre ich hin? Offene Fragen sind anstrengend. Ein Etikett ist bequem. „Ich habe ADHS“ ist ein Satz mit Kontur, einer Gemeinschaft unter den Kommentaren und einer Erklärung für alles, was nicht klappt. Das ist menschlich, und es zu verspotten wäre billig. Eriksons Stufenmodell ist allerdings empirisch schwer zu prüfen. Als Deutungsangebot taugt es trotzdem.

Die Sache ist nicht schwarz-weiß

Fair bleiben heißt: Der Trend hat echte Verdienste. Die Apotheken Umschau hält fest, dass Social Media psychische Erkrankungen enttabuisieren kann, dass Menschen erst dadurch merken, dass ihr Erleben nicht alltäglich ist, und dass Gruppen Gehör finden, die lange übersehen wurden, etwa Mädchen mit ADHS. Der Psychotherapeut Umut Özdemir sieht im Verdacht einen guten Anlass, die richtigen Fragen zu stellen. Das trägt: Selbstverdacht ist legitim, Selbstdiagnose ist es nicht. Der Verdacht ist die Frage. Die Diagnose ist die Antwort, und die gehört in fachliche Hände, die ähnliche Bilder voneinander unterscheiden können.

Der eigentliche Skandal steht nicht auf TikTok

Jetzt die unbequeme Pointe. Wer Hilfe braucht, bekommt in Deutschland kein Gespräch, sondern eine Warteliste. Nach Daten der Bundespsychotherapeutenkammer vergehen im Schnitt rund 142 Tage zwischen Erstgespräch und Therapiebeginn (zdfheute; die Zahlen stammen aus älteren Jahren). Seit April 2026 sinken zudem die Stundensätze für gesetzlich Versicherte, Kritiker warnen vor einer Verschärfung des Mangels. Da ist es kein Wunder, dass ein Video in 60 Sekunden Antworten liefert, für die eine Praxis ein halbes Jahr braucht. Die Plattform ist hier eher Symptom als Ursache. Wer über „die Jugend und ihr TikTok“ schimpft und die Versorgungslücke achselzuckend hinnimmt, hat das Problem an der falschen Stelle gesucht.

Gekannt statt etikettiert

Zum Schluss ein Gedanke aus einer anderen Ecke. Der Psalmbeter sagt zu Gott: „Du erforschst mich und kennst mich“ (Psalm 139,1). Das ist das Gegenteil eines Etiketts: Gekannt zu werden heißt, mit allen Widersprüchen gemeint zu sein, ohne in eine Schublade zu müssen. Auch Søren Kierkegaard wusste, wie zermürbend es ist, jemand anderes sein zu wollen, als man ist. Vielleicht ist hinter vielen Diagnosevideos genau diese Sehnsucht verborgen: nicht nach einem Namen für den Fehler, sondern nach jemandem, der hinsieht.

Also: Wenn dich ein Video trifft, nimm das Gefühl ernst, aber nicht als Urteil. Was würde sich ändern, wenn du dir statt einer Diagnose erst einmal eine ehrliche Frage erlaubst?

Wenn dich seelische Belastung gerade stark beschäftigt: Die Telefonseelsorge ist kostenlos und rund um die Uhr erreichbar unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Den ärztlichen Bereitschaftsdienst erreichst du unter 116 117.

Quellen


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