
Gleich schläfst du ein. Irgendwann in den nächsten Minuten oder Stunden reißt der Faden, und du bist einfach weg. Kein Film, kein Gedanke, nicht mal Dunkelheit. Und dann, am Morgen: wieder da. Wer hat eigentlich den Schalter umgelegt?
Ein Team der Ludwig-Maximilians-Universität München meint, dem Schalter ein Stück näher gekommen zu sein. In der Fachzeitschrift Nature Human Behaviour berichten die Forschenden um Tobias Staudigl von einem bisher unbekannten Rhythmus im Thalamus, einer Schaltzentrale mitten im Gehirn. Die Schwingung liegt bei etwa 20 bis 45 Hertz und zeigt sich nur im Wachzustand und im REM-Schlaf, also dann, wenn man wach ist oder lebhaft träumt. Im tiefen Non-REM-Schlaf fehlt sie, dort dominieren langsame Wellen (LMU, idw).
Was die Messung zeigt – und was nicht
Gemessen wurde bei Menschen mit Epilepsie, denen zur Behandlung Elektroden tief im Gehirn implantiert worden waren. Eine seltene Gelegenheit, denn von außen, per EEG, kommt man an diese Region kaum heran. Das Signal ließ sich zuverlässig bestimmten Zuständen zuordnen. Die Autorinnen und Autoren sprechen von einer möglichen biologischen Signatur des Bewusstseins.
Jetzt der Dämpfer, und der gehört zur Wahrheit dazu. Es handelt sich um eine Korrelation. Dass der Thalamus Bewusstsein aktiv steuert, ist eine Vermutung („könnte“), kein Beweis. Die Daten stammen von Epilepsie-Patienten, die Übertragbarkeit auf gesunde Gehirne ist offen, und die Pressetexte nennen weder Teilnehmerzahl noch Statistik. Dazu kommt ein Detail, das leicht untergeht: Der Rhythmus taucht auch im Traum auf. Ob er also „Bewusstsein“ misst oder schlicht einen bestimmten Aktivitätsmodus des Gehirns, ist nicht entschieden (Neuroscience News).
Dazu passt, was andere Arbeiten zeigen. Der Neurologe Alan McComas verteidigt in einem Essay bei Spektrum die These, dass Bewusstsein eine Funktion älterer, zentraler Hirnregionen wie Thalamus und Hippocampus ist, und räumt zugleich ein, dass offen bleibt, wie aus elektrischer Aktivität Erleben wird (Spektrum). Ältere Tübinger Versuche an Makaken wiederum wiesen auf die Großhirnrinde und das Zusammenspiel vieler Regionen hin, nicht auf einen einzelnen Punkt (Max-Planck-Gesellschaft). Das Bild wird also nicht einfacher, sondern reicher. Eine Schaltzentrale, ja. Ein Ich-Kästchen, nein.
Descartes wollte es genau wissen
Neu ist die Suche nach dem Sitz der Seele nicht. René Descartes tippte im 17. Jahrhundert auf die Zirbeldrüse, ein winziges Organ tief im Kopf. Heute lächelt man darüber, zu Recht. Und doch steckt in dem Irrtum eine Beharrlichkeit, die Respekt verdient: Er wollte wissen, wo Geist und Körper sich berühren. Die Neurowissenschaft fragt weiter nach diesem Wo und Wie, nur mit besseren Werkzeugen.
Nur: Selbst wenn man den Sitz eines Tages auf den Millimeter genau kennt, bleibt eine zweite Frage. Der Philosoph David Chalmers nennt sie das „harte Problem“. Die leichten Probleme betreffen Funktionen: Wie verarbeitet das Gehirn Reize, wie steuert es Aufmerksamkeit, wie unterscheidet es Schlaf und Wachen? Das ist Arbeit für Labore, schwer, aber lösbar. Das harte Problem lautet: Warum fühlt sich das alles nach etwas an? Thomas Nagel hat es mit seiner berühmten Frage, wie es sei, eine Fledermaus zu sein, auf den Punkt gebracht. Ein Rhythmus bei 40 Hertz beschreibt, was passiert. Er sagt nicht, warum es von innen leuchtet (Internet Encyclopedia of Philosophy).
Wie und Warum: zwei Fragen, nicht eine
Hier lohnt eine saubere Trennung. Die Naturwissenschaft fragt nach dem Wie: Wie entsteht ein Zustand, wie lässt er sich messen, wie schalten ihn Medikamente oder Elektroden um? Das ist ihre Stärke, und die LMU-Studie ist ein gutes Beispiel. Theologie und Philosophie fragen nach dem Warum und Wozu: Warum gibt es überhaupt jemanden, der etwas erlebt? Was ist ein Mensch, wenn sein Ich an einem Rhythmus hängt? Was schuldet man einem Wesen, das leiden und staunen kann?
Trägt die Brücke zwischen beiden? Teilweise. Die christliche Tradition hat nie behauptet, die Seele sei ein Gespenst im Hinterzimmer des Gehirns. Thomas von Aquin beschrieb sie im Anschluss an Aristoteles als „Form“ des Leibes: kein zusätzliches Ding, sondern das, was einen lebendigen Körper zu diesem Menschen macht. Wer so denkt, wird von einem Thalamus-Rhythmus nicht erschüttert. Er erwartet sogar, dass Erleben körperlich verankert ist. Auch der Physiker und Theologe John Polkinghorne warb für einen Blick, in dem Materielles und Mentales zwei Seiten einer Wirklichkeit sind.
Wo die Brücke nicht trägt: Aus einer Hirnmessung folgt keine Seele, und aus der Hirnmessung folgt auch nicht ihr Fehlen. Wer den Thalamus als „Gottesschalter“ verkauft, baut einen Lückenbüßer-Gott, der mit der nächsten Studie wieder verschwindet. Wer umgekehrt sagt, nun sei „bewiesen“, dass da nichts weiter sei als Elektrik, überschreitet ebenso die Methode. Die Messung beantwortet die Frage nach dem Wie. Dass sie das Warum erledigt, ist ein philosophisches Urteil und kein Laborergebnis.
Warum das mehr ist als Hirn-Nerdtum
Praktisch geht es um viel. Wenn sich Bewusstseinszustände messen lassen, könnte das Menschen helfen, die im Koma liegen oder nach einem Unfall äußerlich reglos wirken, innerlich aber vielleicht wach sind. Das ist eine Hoffnung der Forschenden, noch kein Ergebnis. Aber sie zeigt, wie schnell aus Neurophysiologie Würde wird: Wer ein Bewusstsein erkennen kann, muss entscheiden, wie man mit ihm umgeht. Und je besser sich Bewusstsein messen lässt, desto dringender werden Fragen, die bei Tieren und Maschinen längst gestellt werden.
Die ehrliche Bilanz: Die Forschung wird weiter Rhythmen, Regionen und Netzwerke finden. Das ist gut so, und es verdient Beifall statt Misstrauen. Das Staunen darüber, dass du überhaupt jemand bist, bleibt davon unberührt. Vielleicht ist genau das der Punkt: Je genauer man weiß, wie das Licht angeht, desto größer wird die Frage, warum es überhaupt leuchtet. Heute Nacht, kurz vor dem Einschlafen, lohnt sich vielleicht ein Gedanke: Wer ist es eigentlich, der gleich verschwindet – und wer kommt morgen zurück?
Quellen
- LMU München: Signale aus der Tiefe des Gehirns – Gehirnrhythmen machen Bewusstseinszustände sichtbar
- idw – Informationsdienst Wissenschaft: Meldung zur Thalamus-Studie
- Neuroscience News: Thalamus oscillation and consciousness
- Spektrum der Wissenschaft: Bewusstsein – nur eine Funktion des Gehirns?
- Max-Planck-Gesellschaft: Der Sitz des Bewusstseins
- Internet Encyclopedia of Philosophy: The Hard Problem of Consciousness



Schreibe einen Kommentar