Italiens Soldatentag: Ruf nach Europas Armee

Lorbeerkranz mit grün-elfenbein-rotem Band auf Marmorstufen eines Denkmals im Morgenlicht
Symbolbild

Ein Lorbeerkranz, ein Grab ohne Namen, ein Staatspräsident, der kurz den Kopf neigt. So beginnt in Rom der 4. November. In diesem Jahr legte Sergio Mattarella den Kranz am Altar des Vaterlands nieder, dem Grab des Unbekannten Soldaten, bevor die offiziellen Feiern in Florenz folgten. Und diesmal blieb es nicht bei Gedenken: Mattarella nutzte den Tag der Nationalen Einheit und der Streitkräfte für eine Ansage an ganz Europa.

Laut den italienischen Berichten von DIRE und Il Fatto Quotidiano schrieb er an Verteidigungsminister Guido Crosetto, Desinformation, Cyberraum, Weltraum und der Einsatz von KI und autonomen Systemen machten Angriffe gefährlicher. Die Streitkräfte müssten neue Technik schnell aufnehmen. Eine gemeinsame europäische Verteidigung sei dringend, als Ergänzung zur NATO. Schon am Vortag hatte er laut ANSA verlangt, diese Verteidigung müsse in kurzer Zeit „hoch einsatzfähig“ werden, und die Waffensysteme der EU-Staaten müssten besser zueinander passen. Das Völkerrecht sei in einer Krise, die Bündnisse aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg seien schwächer geworden.

Ministerpräsidentin Giorgia Meloni dankte den Soldatinnen und Soldaten und erinnerte an vier italienische Militärangehörige, die kürzlich in Bosnien ums Leben kamen. Auffällig: Die Ukraine kommt in den berichteten Passagen nicht ausdrücklich vor. Wer „Krise des Völkerrechts“ sagt und über Europa spricht, muss Kyjiv trotzdem nicht erst dazusagen. Es steht im Raum, auch wenn es nicht genannt wird.

Ein Sieg, ein Waffenstillstand und viel Streit

Der Tag geht auf den Waffenstillstand von Villa Giusti zurück, der am 4. November 1918 an der italienischen Front in Kraft trat und den Krieg gegen Österreich-Ungarn beendete. Italien war 1915 in den Ersten Weltkrieg eingetreten, auch um Trient und Triest zu gewinnen. Deshalb gilt das Datum bis heute als Abschluss der nationalen Einigung. Zum ersten Mal begangen wurde der Tag 1919, 1921 wurde der Unbekannte Soldat in Rom beigesetzt. Das Grab wurde zum Mittelpunkt des Gedenkens (Quelle: Wikipedia).

Die Geschichte danach ist nicht nur Parade. Die Faschisten tauften den Tag 1922 in „Jahrestag des Sieges“ um und machten aus dem Gedenken eine Machtshow. Erst 1949 kehrte die Republik zum ursprünglichen Sinn zurück. Bis 1976 war der Tag arbeitsfrei, danach wanderte er auf den ersten Sonntag im November. Heute ist er ein Gedenk- und Ehrentag ohne freien Tag: Der Wachwechsel der Corazzieri am Quirinalspalast, Kasernen, die für Besucher öffnen, Konzerte auf Stadtplätzen. In den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren protestierten linke Gruppen gegen den Tag und forderten ein Recht auf Kriegsdienstverweigerung. Auch das gehört zur Biografie dieses Datums.

Und dann ist da die Frage, wem das alles gehört. Für Italien war 1918 der Triumph. Für Südtirol war es der Beginn einer Fremdherrschaft, die man dort ganz anders erlebt hat. Wie ORF beschreibt, hatte Italien sich den Süden Tirols bis zum Brenner schon 1915 im Londoner Vertrag zusichern lassen. Wenige Tage nach dem Waffenstillstand standen seine Truppen in Bozen, Meran und Brixen. Die Bevölkerung reagierte zurückhaltend. Später kam die Politik der Italianisierung, bis hin zu Orts- und Flurnamen. Wer in Deutschland oder Österreich auf diesen Tag blickt, sollte beides im Kopf behalten: den Stolz der einen und die Wunde der anderen.

Und Deutschland? Ein Fragebogen im Briefkasten

Hierzulande gibt es keinen vergleichbaren Tag, dafür ein sehr konkretes Thema: Seit Anfang 2026 bekommen alle 18-Jährigen einen Fragebogen zu Eignung und Motivation. Für Männer ist das Ausfüllen Pflicht, für Frauen freiwillig. Gemustert wird zunächst der Jahrgang 2008. Gewollt ist ein freiwilliger Dienst; wenn die Zahlen nicht reichen, könnte eine Bedarfswehrpflicht kommen, aber nur über ein neues Gesetz im Bundestag (Bundesregierung).

Wie es um die Stimmung steht, zeigt eine im September von Euronews berichtete Studie: 59 Prozent halten den neuen Wehrdienst für nötig. Aber nur 34 Prozent der Unter-50-Jährigen würden bei einem Angriff selbst zur Waffe greifen, 60 Prozent nicht. Bei jungen Männern können sich 34 Prozent einen Dienst vorstellen, bei jungen Frauen 17 Prozent. Das sind Antworten auf hypothetische Fragen, aber sie zeigen eine Lücke: Zustimmung zur Verteidigung ist leichter als Bereitschaft dazu.

Frieden durch Armee? Was Kant, Freud und Frankl dazu sagen

Darf man Soldaten feiern, ohne den Krieg zu feiern? Die überzeugendere Lesart lautet: ja, aber nur mit schlechtem Gewissen im Hintergrund. Immanuel Kant wollte in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ (1795), dass stehende Heere mit der Zeit ganz verschwinden. Zugleich ließ er eine Tür offen: freiwillige, regelmäßige Übung von Bürgern, um sich und das Land gegen Angriffe von außen zu schützen, sei etwas ganz anderes. Wichtiger noch war sein Gedanke eines Bundes freier Staaten, die ihren Streit nach Recht und nicht nach Gewalt lösen. Das passt erstaunlich gut zu Mattarellas Satz, Verteidigung müsse europäisch werden. Ein Dutzend nationaler Armeen, die einander nicht verstehen, ist kein Friedensprojekt, sondern teure Kleinstaaterei.

Allerdings: Eine gemeinsame Armee braucht gemeinsame Kontrolle. Sigmund Freud schrieb 1932 an Albert Einstein, Kriege lasse sich nur dauerhaft vorbeugen, wenn die Menschen eine zentrale Instanz mit Macht anerkennen, und wenn Bindungen zwischen ihnen wachsen, die stärker sind als der Hass. Auf Europa übertragen heißt das: Wer Waffen bündelt, muss Demokratie bündeln. Ein Parlament, das mitentscheidet, Gerichte, die prüfen, Medien, die nachfragen. Sonst wird aus Sicherheit schnell Macht ohne Aufsicht. Dass Mattarella ausdrücklich an das Verbot des Angriffskriegs in der italienischen Verfassung erinnert, ist deshalb mehr als Folklore.

Bleibt die Frage an die, die es betrifft. Viktor Frankl, der Psychiater und Überlebende des Holocaust, hat immer wieder gezeigt, dass Menschen fast alles aushalten, wenn sie ein „Wofür“ sehen. Ein Fragebogen kann Daten sammeln, aber kein Wofür stiften. Wer junge Menschen für den Dienst gewinnen will, muss erklären, was verteidigt wird: Freiheit, Rechtsstaat, Menschenwürde, und nicht nur Haushaltszahlen. Und wer Nein sagt, etwa aus Gewissensgründen, steht nicht außerhalb der Demokratie. Das Recht darauf ist Teil dessen, was verteidigt wird.

Der 4. November erinnert damit an zwei Dinge zugleich: dass Frieden nicht von allein hält und dass jeder Kranz am Grab eines Unbekannten auch eine Rechnung ist, die irgendwer bezahlt hat. Vielleicht ist das die ehrlichste Art, diesen Tag zu begehen: dankbar für die, die schützen, wachsam gegenüber denen, die davon profitieren wollen, und mit der Frage im Kopf, ob Europa Sicherheit wirklich gemeinsam denken kann. Wofür wärst du bereit, etwas zu geben?

Quellen


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