
Montagabend, 2. November. Eine Straße am Westrand von Kyjiv. Vor einem Privathaus drängen sich rund 200 Menschen, Handykameras hoch, Livestreams laufen. Drinnen sollen Männer gegen ihren Willen festgehalten werden, so heißt es. Wenig später fliegen Steine, Tränengas zieht über die Straße, Warnschüsse fallen. Was davon stimmt? Vieles ist bis heute offen. Sicher ist nur: Ein Gerücht hat in wenigen Stunden eine Straße in Aufruhr versetzt.
Das Haus in Petropawliwska Borschtschahiwka gehörte nach Angaben des Kyiv Independent zur Nationalgarde. Dort wurden Männer untergebracht, die gerade mobilisiert worden waren, außerdem Soldaten, die ihre Einheit unerlaubt verlassen hatten. Vier von ihnen kamen verletzt ins Krankenhaus. Die Behörden ermitteln, und Kyrylo Budanow, der Leiter des Präsidialamts, sagte am Dienstag, die Ereignisse seien nicht ohne Einflussnahme von außen abgelaufen. Belege dafür liegen öffentlich bisher nicht vor.
Zwischen Wut und Inszenierung
Wie so oft in diesem Krieg lief die Geschichte schneller als jede Überprüfung. Telegram-Kanäle, ukrainische wie russische, verbreiteten Videos und Zahlen: Von „40 Geiseln“ war die Rede, von einem Toten. Die Polizei dementierte einen Todesfall, unabhängig bestätigt ist keine dieser Zahlen. Auch die Frau, die sich als Sanitäterin eines privaten Rettungsdienstes vorstellte und Zugang zu Verletzten forderte, wirft Fragen auf: Sie ist inzwischen festgenommen, und ihre genannte Firma soll seit 2023 nicht mehr existieren.
Der Kyiv Independent hält eine gezielte Provokation für möglich, warnt aber vor dem bequemen Schluss, damit sei alles erklärt. Denn die Wut hat einen Nährboden: Mobilisierung unter Kriegsrecht, Berichte über Gewalt in einzelnen Einheiten, kaum Mechanismen einer Militärjustiz, dazu das alte Misstrauen gegenüber Korruption. Gleichzeitig zeigt eine KIIS-Umfrage von Ende Oktober, dass 63 Prozent bereit sind, den Krieg so lange durchzustehen wie nötig. Beides gleichzeitig ist wahr. Wer verteidigt, kann trotzdem Missstände anprangern. Zwei Wahrheiten, ein Land.
Budanow nannte solche Zusammenstöße mitten im Krieg ein Risiko für Zusammenhalt und Vertrauen. Das stimmt, und es gilt in beide Richtungen: Vertrauen geht auch dann verloren, wenn der Staat Vorwürfe wegwischt, statt sie offen zu klären.
Und Deutschland?
Hierzulande ist die Resonanz auf den Vorfall bisher überschaubar. In den ausgewerteten Berichten der großen Medien vom Dienstag fand sich keine deutsche Regierungsreaktion dazu. Laut Kyiv Independent teilten dagegen pro-russische und rechtsextreme Stimmen im Ausland Bilder aus der Nacht, darunter AfD-Chefin Alice Weidel, die von der Bundesregierung eine Reaktion forderte. Das Muster ist bekannt: Ein unbewiesener Vorwurf wird zur großen Anklage, die Quelle ist egal, Hauptsache, es dient der eigenen Erzählung. Wer „Aufklärung“ ruft, aber Telegram-Videos als Beweis nimmt, will meist keine Aufklärung.
Das heißt nicht, dass die Vorwürfe unwichtig wären. Gerade weil es um Menschenrechte in der Armee eines angegriffenen Landes geht, gehören sie in ein ordentliches Verfahren, nicht in den Kommentarbereich. Das sehen in Deutschland vermutlich viele so, doch der Alltag hier ist ein anderer: Die Wehrpflicht kennen die meisten unter 30 eher aus Debatten als aus eigener Erfahrung. In der Ukraine hingegen betrifft Mobilisierung Familien, Freundeskreise, ganze Straßen. Wer Männer abholen sieht, die man kennt, erlebt den Krieg nicht als Nachrichtenlage, sondern als Klingel an der Tür. Dieser Unterschied erklärt viel Unverständnis auf beiden Seiten.
Dass Deutschland die Ukraine unterstützt, steht dabei nicht zur Debatte. Bundeskanzler Merz sagte bei Wolodymyr Selenskyj in Berlin, die Ukraine könne sich „unvermindert auf Deutschland verlassen“, und warb dafür, dass die Mehrheit der Deutschen das versteht (Tagesspiegel, 3. November). Dass dafür geworben werden muss, sagt auch etwas.
Der aktuelle Stand: Dunkelheit als Waffe
Während in Borschtschahiwka gestritten wird, ist der Grund für alles weiterhin derselbe: Russland führt einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg. In der Nacht zum 3. November griff es nach Angaben von Selenskyj Energieanlagen in neun Regionen an, darunter Odesa, Charkiv, Dnipro und Rivne. Der Kyiv Independent nennt es den größten Angriff auf die Energieversorgung in diesem Jahr. In Kyjiv gab es Notabschaltungen und Ausfälle der Wasserversorgung. Die taz berichtet, dass DTEK zufolge drei Wärmekraftwerke ihre Produktion einstellten, und zitiert einen Militäranalysten, der zivile Ziele inzwischen bei etwa 60 Prozent der Angriffe sieht. Angriffe auf zivile Infrastruktur sind nach dem Völkerrecht verboten.
Am 2. November traf ein russischer Luftangriff laut Tagesspiegel eine Schule in Komyschuwacha (Region Zaporischschja), die als Ausgabestelle für humanitäre Hilfe diente. Der amtierende Gebietschef nannte am Dienstag mindestens 29 Tote und 48 Vermisste, Selenskyj sprach von 33 Toten. Das sind ukrainische Angaben, die sich nicht unabhängig prüfen ließen. Zur Frontlage lieferten die ausgewerteten Quellen vom Tag keine belastbaren neuen Angaben, deshalb bleibt sie hier unbewertet.
Diplomatisch bewegt sich etwas, aber langsam: Merz sieht bisher keine ernsthafte Verhandlungsbereitschaft Russlands. Nach Angaben des US-Gesandten Witkoff sollen kommende Woche Dreiergespräche in Abu Dhabi stattfinden. Für den 19. November hat Merz einen Gipfel der „Koalition der Willigen“ in Berlin angekündigt, es geht um Lücken bei der Luftverteidigung. Selenskyj sagte laut Tagesspiegel, es fehle an Munition für Patriot-Systeme. Ein humanitärer Waffenstillstand im besetzten Oleschky gilt als möglicher Hoffnungsschimmer.
Wer darf wen zwingen?
Die Lehre vom gerechten Krieg hilft hier weiter. Schon Augustinus und Thomas von Aquin verlangten, dass Gewalt nur von einer legitimen Autorität und zur Verteidigung ausgeübt wird. Der Philosoph Michael Walzer hat daraus die moderne Unterscheidung gemacht: Das Recht zum Krieg (jus ad bellum) ist eine Sache, das Recht im Krieg (jus in bello) eine andere. Die Ukraine hat das erste ohne Zweifel: Sie verteidigt sich gegen einen Angriff. Daraus folgt, dass ein Staat in dieser Lage Menschen zum Dienst verpflichten darf, wenn es anders nicht geht.
Aber hier setzt Immanuel Kant an. Seine berühmte Formel verbietet, einen Menschen „bloß als Mittel“ zu gebrauchen. Wer eingezogen wird, ist Soldat, aber nicht Material. Er behält seine Würde, auch in einem Haus mit verschlossenem Tor. Das ist keine Schönfärberei, sondern der Kern eines Rechtsstaats im Krieg: Wer die Freiheit verteidigt, muss sie auch im Inneren leben. Deshalb tragen Vorwürfe wie die aus Borschtschahiwka erst dann, wenn sie unabhängig geprüft sind, und deshalb darf der Staat sie weder wegwischen noch als Propaganda abtun, bevor sie geprüft wurden.
Zugleich hat Hannah Arendt beschrieben, was organisierte Lüge anrichtet: Sie nimmt einer Gesellschaft die gemeinsame Wirklichkeit, auf die sich Streit überhaupt erst beziehen kann. Ein Gerücht, das ein Haus stürmen lässt, ist genau so ein Angriff auf die gemeinsame Welt. Und Dietrich Bonhoeffer, der selbst im Widerstand gegen ein Unrechtsregime Verantwortung übernahm, mahnt zur Redlichkeit: Verantwortung heißt, Schuld nicht auf andere abzuschieben, weder auf „die da oben“ noch auf „den Feind“. Die überzeugendere Lesart lautet deshalb: Aufklärung statt Selbstjustiz, Rechtsstaat statt Gerücht. Wer in Deutschland diese Bilder zum Beweis gegen die Ukraine macht, vertauscht Täter und Opfer, denn der Aggressor sitzt in Moskau.
Bleibt eine Frage, die nachhallt: Was verteidigt ein Land eigentlich, wenn es sich verteidigt, nur seine Grenzen oder auch die Art, wie es mit den Menschen umgeht, die es schützen sollen?
Quellen
- What really happened during the clash at a National Guard facility near Kyiv? – The Kyiv Independent, 3. November 2026
- Kyiv faces emergency power cuts, widespread water outages after Russia’s largest attack on energy infrastructure this year – The Kyiv Independent, 3. November 2026
- Clashes in Borshchahivka did not occur without outside influence – LIGA.net, 3. November 2026
- „Ich werbe dafür, dass dies die Mehrheit der Deutschen versteht“: Kanzler Merz empfängt Selenskyj in Berlin – Tagesspiegel, 3. November 2026
- „Eines der größten Massaker dieses Krieges“: Russischer Angriff auf Dorf in Ukraine tötet Dutzende – Tagesspiegel-Liveblog, 3. November 2026
- Ukraine unter massivem Beschuss: Kältetod mit Ansage – taz, 3. November 2026



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