
Stell dir eine Weggabelung vor. Links die Ladesäule, rechts die Zapfsäule. Und ein Wegweiser, den gerade jemand mit dem Filzstift umgeschrieben hat: Für 2035 steht da nicht mehr „nur noch emissionsfrei“, sondern „so ungefähr“. Genau das passiert in Brüssel. Das Verbrenner-Aus wird weicher, und kaum jemand ist damit wirklich glücklich.
Die Eckdaten: Bisher sollten neue Autos ab 2035 im Schnitt 100 Prozent weniger CO₂ ausstoßen als 2021. Der Kompromiss von EVP, Sozialdemokraten und Liberalen sieht jetzt 95 Prozent vor. Wer klimafreundlich produzierten Stahl aus Europa verbaut, bekommt zusätzlich 7,5 Prozentpunkte Luft. Macht unterm Strich 87,5 Prozent. Verbrenner und Hybride blieben damit auch nach 2035 möglich. Wie ecomento berichtet, hat der Industrieausschuss mit 49 zu 27 Stimmen zugestimmt, der Verkehrsausschuss mit 27 zu 18. Nun stimmt der Umweltausschuss ab, im Dezember soll das ganze Parlament folgen. Berlin und Paris wollen sogar noch weiter gehen: 90 Prozent, ganz ohne Stahl-Bonus.
Jobs hier, Zukunft dort
Die Befürworter argumentieren mit Menschen, nicht mit Prozenten. CDU-Politiker Jens Gieseke spricht von Planungssicherheit und Flexibilität, damit Investitionen und Arbeitsplätze in Europa bleiben. Das ist kein Zynismus. Beim Zulieferer Schaeffler sollen bis 2028 rund 3.460 Stellen wegfallen, 2.660 davon in Deutschland, weil die Nachfrage nach Teilen für Verbrenner schwächelt. Für die Betroffenen kommt der Rückzieher aus Brüssel laut ingenieur.de ohnehin zu spät.
Auf der anderen Seite steht der Grüne Michael Bloss mit einem harten Vorwurf: Die Aufweichung verzerre den Markt und lasse Europas Hersteller technologisch hinter China zurückfallen. Und selbst die Branche jubelt nicht. Der Verband der Automobilindustrie hält die neuen Vorgaben für so schwer erfüllbar, dass sie in der Praxis kaum helfen: Grüner Stahl und E-Fuels liegen nicht in der Hand der Autobauer. Eine Lockerung, über die sich fast niemand freut, ist ein Kompromiss im schlechtesten Sinn: zu wenig Klarheit für die einen, zu wenig Mut für die anderen.
Was Hans Jonas und Aristoteles dazu sagen würden
Der Philosoph Hans Jonas hat 1979 einen Satz geprägt, der wie für diese Debatte gemacht klingt: Handle so, dass die Wirkungen deines Handelns verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden. Sein „Prinzip Verantwortung“ kehrt die Beweislast um. Wer eine Technik weiterlaufen lässt, deren Folgen das Klima belasten, muss zeigen, dass sie unbedenklich ist, nicht umgekehrt. Bei möglichen Schäden für kommende Generationen soll die schlechtere Prognose mehr Gewicht haben als die bequemere.
Das wirkt auf den ersten Blick wie ein Plädoyer für das alte, harte Ziel. Aber Jonas wollte keine Verantwortung ohne Menschen. Verantwortung gilt auch den Beschäftigten von heute, die mit ihrer Arbeit Familien tragen. Hier hilft Aristoteles. Für ihn liegt Tugend in der klugen Mitte, der „Phronesis“, der praktischen Vernunft, die im Einzelfall abwägt, statt Prinzipien nur aufzusagen. Die Mitte ist dabei keine Mittelmäßigkeit. Sie ist die schwere Kunst, das Richtige im richtigen Maß zum richtigen Zeitpunkt zu tun.
Misst man den Brüsseler Kompromiss an diesem Maßstab, fällt das Urteil gemischt aus. Ein Ausstieg, der Menschen und Betriebe überrollt, wäre unklug. Aber ein Kurs, der Orientierung verwässert, ist es auch. Wer Industrie und Beschäftigte schützen will, hilft ihnen nicht mit einem Datum, das alle paar Jahre wackelt. Planungssicherheit entsteht durch Verlässlichkeit, nicht durch ein dauerndes Vielleicht. Genau daran krankt der Kompromiss: Er verspricht Technologieoffenheit und liefert Unsicherheit.
Das Etikett „Technologieoffenheit“
Ein kleiner Seitenhieb sei erlaubt. Technologieoffenheit klingt nach Freiheit und Forschergeist. Oft ist sie aber das höfliche Wort für „Bitte nichts ändern“. Offen sein heißt, Ergebnisse ernst zu nehmen, auch unbequeme. Und das Ergebnis der letzten Jahre ist ziemlich eindeutig: Der Markt für Elektroautos wächst, und China baut ihn aus. Wer jetzt Zeit kauft, kauft sie auf Kredit, den die nächste Generation abbezahlen darf.
Die überzeugendere Lesart lautet deshalb: Das Klimaziel nicht aufweichen, die Menschen dahinter aber nicht allein lassen. Dazu gehören Qualifizierung, Ladeinfrastruktur und eine Batterieproduktion in Europa, genau das, was Bloss fordert. Das kostet Geld und Nerven. Aber es ist die einzige Form von Verantwortung, die beide Gruppen ernst nimmt: die Mechanikerin im Zulieferwerk und das Kind, das 2050 in einem heißeren Sommer lebt. Zur Demokratie gehört, dass man darüber streitet, offen und ohne Verachtung. Der Streit selbst ist kein Zeichen von Schwäche.
Am Ende steht keine Rechenaufgabe, sondern eine Gewissensfrage: Wenn jede Generation das Unbequeme dem nächsten Wegweiser überlässt – wer geht dann irgendwann tatsächlich los?
Quellen
- Auto: Abgeordnete stimmen über Lockerung beim Verbrenner-Aus ab (WirtschaftsWoche)
- Verbrenner-Aus: Brüssel macht einen Rückzieher, die Jobs sind trotzdem weg (ingenieur.de)
- EU-Parlament: Erste Ausschüsse stimmen für Aufweichung des Verbrenner-Aus (ecomento)
- Verbrenner-Aus: Zwei EU-Ausschüsse stimmen für Lockerung (elektroauto-news.net)
- EU-Parlament öffnet beim Verbrenner-Aus die Tür für eine Lockerung ab 2035 (tuningblog.eu)



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