
Zwischen völkischer Ideologie und den christlichen Kirchen knallt es seit jeher gewaltig. Doch stimmt die Behauptung, dass die Nationalsozialisten gegen die Kirche waren und die AfD heute denselben Kurs fährt? Ein Blick in die Geschichte, in aktuelle Parteiprogramme und auf reale Machtoptionen zeigt: Ganz so simpel ist der Vergleich nicht – auch wenn die Frage, was bei einer Regierungsbeteiligung der AfD passieren würde, handfeste Sprengkraft birgt.
Hitlers Taktik: Erst umgarnen, dann ausschalten
Zu Beginn ihrer Herrschaft gaben sich die Nationalsozialisten nach außen hin scheinheilig. In ihrem Parteiprogramm schwadronierten sie von einem „positiven Christentum“ und schlossen 1933 sogar das Reichskonkordat mit dem Vatikan. Das war jedoch reine Machtpolitik, um Gläubige und das traditionelle Bürgertum ruhigzustellen.
Dahinter sah die Realität völlig anders aus: Für führende Köpfe wie Adolf Hitler, Martin Bormann und Alfred Rosenberg war das Christentum der völkischen Rassenlehre fundamental im Weg. Das biblische Gebot der Nächstenliebe, die jüdischen Wurzeln des Glaubens und die Botschaft Jesu ließen sich nicht mit dem Recht des Stärkeren vereinbaren.
Was folgte, ging als „Kirchenkampf“ in die Geschichte ein:
- Gleichschaltung: Mit den sogenannten „Deutschen Christen“ versuchten die Nazis, die evangelische Kirche von innen heraus rassistisch umzubauen.
- Unterdrückung: Wer Widerstand leistete – wie die Bekennende Kirche um Dietrich Bonhoeffer oder katholische Geistliche wie Bernhard Lichtenberg –, landete im Gefängnis oder im Konzentrationslager.
- Endziel: Auf lange Sicht planten die Spitzen des Regimes, das Christentum komplett auszulöschen und durch einen germanisch-heidnischen Kult rund um Volk und Führer zu ersetzen.
Die AfD heute: Christentum als Schutzschild, Krieg mit den Bischöfen
Schaut man auf die heutige AfD, wirkt das Bild auf den ersten Blick verdreht. In ihren Programmen betont die Partei gern die „christlich-abendländische Kultur“. Doch dieser Begriff dient vor allem als kulturelle Waffe, um sich gegen den Islam, Zuwanderung und gesellschaftliche Vielfalt abzugrenzen.
Mit den tatsächlichen Institutionen der Kirche liegt die AfD jedoch im Dauerkonflikt:
- Angriffe auf Kirchenvertreter: Führende Parteimitglieder beschimpfen Bischöfe regelmäßig als politisch einseitig. Der Vorwurf: Die Kirchen hätten ihren eigentlichen Auftrag verraten und betrieben linkes „Gutmenschentum“.
- Streitthema Nächstenliebe: Wenn Gemeinden Kirchenasyl gewähren, sich für Geflüchtete einsetzen oder die zivile Seenotrettung unterstützen, läuft die AfD Sturm.
- Klares Stoppsignal der Kirchen: Die Fronten sind verhärtet. Die Deutsche Bischofskonferenz verabschiedete die einstimmige Erklärung: „Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar“. Führende Geistliche beider großen Konfessionen stuften die Partei als für Christen nicht wählbar ein.
Was blüht den Kirchen, wenn die AfD an die Macht kommt?
Könnte sich dieser Konflikt im Falle einer echten Regierungsbeteiligung der AfD zu einem neuen Kirchenkampf auswachsen? Beobachter aus Politikwissenschaft und Staatsrecht sehen tatsächlich erhebliche Risiken – allerdings mit anderen Mitteln als im NS-Staat.
Konkret drohen drei Hebel:
- Finanzieller Hebel: Mehrere Landesverbände, etwa in Sachsen-Anhalt oder Bayern, fordern offen, den Kirchen die Kirchensteuer-Einziehung durch das Finanzamt zu entziehen und Staatsleistungen drastisch oder ersatzlos zu streichen. Das würde Diözesen und Landeskirchen hunderte Millionen Euro kosten.
- Kahlschlag im Sozialen: Ein Großteil der kirchlichen Sozialarbeit – von Kitas und Pflegeheimen bis hin zu Beratungsstellen für Migranten – hängt an staatlichen Zuschüssen. Eine Regierung unter AfD-Beteiligung könnte Fördermittel für Integrations- und Demokratieprojekte sperren, um missliebige kirchliche Träger auszuhungern.
- Juristischer Druck: Die Partei hat bereits angekündigt, gegen die Duldung des Kirchenasyls mit voller Härte des Rechtsstaats vorzugehen und Gemeinden polizeilich zu durchsuchen oder Pfarrer strafrechtlich zu belangen.
Das Ziel einer solchen Politik wäre heute nicht die Errichtung eines Neuheidentums, sondern ein massiver Disziplinierungsversuch: Die Kirchen sollen durch finanziellen und juristischen Druck aus dem gesellschaftlichen und politischen Diskurs verdrängt werden. Wer widerspricht, soll die wirtschaftlichen Konsequenzen spüren.
Einordnung des Vergleichs
Die These stimmt nur zum Teil, bekommt aber bei einem Blick auf künftige Machtoptionen neues Gewicht.
Die Nationalsozialisten wollten das Christentum und seine Ethik langfristig vollständig vernichten, weil ihre totalitäre Ideologie keinen Raum für eine unabhängige Religion ließ.
Die AfD will das Christentum nicht abschaffen, sondern als Identitätskulisse vereinnahmen. Doch sollte die Partei an Regierungshebel gelangen, droht den Amtskirchen kein physischer Terror wie 1933, wohl aber ein kalter Kulturkampf über Finanzen, Gesetze und Kürzungslisten. Die Werkzeuge sind modern und parlamentarisch, die Stoßrichtung – das Brechen einer unbequemen moralischen Gegenstimme – zeigt jedoch beunruhigende Parallelen.
Verwendete Quellen:
- Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): Analysen zum Verhältnis von Staat und Kirche im NS-Regime und in der Gegenwart sowie Studien zum modernen Rechtsextremismus.
- Deutschlandfunk: Recherchen zur Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz gegen völkischen Nationalismus und Analysen zum Verhältnis von AfD und Kirchen.
- katholisch.de: Berichterstattung und Dokumentationen zu wahlpolitischen Vorhaben der AfD bezüglich Kirchensteuern, Staatsleistungen und Kirchenasyl.
- Süddeutsche Zeitung: Analysen zu den Folgen möglicher Regierungsübernahmen durch die AfD auf kirchliche Wohlfahrtsverbände, Finanzen und Kitas.
- Deutscher Bundestag (Textarchiv): Protokolle und Gutachten zu Gesetzentwürfen bezüglich der Ablösung von Staatsleistungen.



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