Michaelstag: Ein Engel für Kyjiv, und für wen noch?

Goldene Kuppeln einer Kathedrale im ersten Schnee, davor Brot und Kerze auf einem Holztisch im Morgenlicht
Symbolbild

Sirene, Sonntag, Schwert

Sirene, Handy, Treppenhaus. Und ausgerechnet heute soll in der Ukraine der Anführer der Engelheere gefeiert werden. Am 8. November begeht die Orthodoxe Kirche der Ukraine das Fest des Erzengels Michael, nach dem Kalender, den sie seit dem 1. September 2023 benutzt. Vorher lag der Tag am 21. November. Ukrainische Medien erinnern heute an Versöhnung, selbstgebackenes Brot, Gäste am Tisch und an alte Wetterregeln: Schnee am Michaelstag, früher Winter. Ob Orakel oder Zufall, Kyjiv wünscht sich vermutlich lieber Fernwärme als Wetterweisheiten.

Denn die Lage ist ernst. Ein Interview mit dem ukrainischen Journalisten Denys Trubetskyi, das Meduza im Oktober veröffentlichte, beschreibt eine Stadt im Dauerstress: Seit Ende August greift Russland Kyjiv und das Umland fast täglich an, bei Gelbalarm steht die Metro teils still, als Höchstwert wurden 56.000 Menschen genannt, die eine Nacht in U-Bahn-Stationen verbrachten. Schulen unterrichten seit September nicht mehr regulär vor Ort. Und mittendrin steht, vergoldet und mit erhobenen Flügeln, ein Erzengel. Was soll der heute sagen?

Warum ausgerechnet Michael?

In der biblischen Tradition ist Michael der Heerführer des Himmels, in der Offenbarung des Johannes kämpft er gegen den Drachen. Für Kyjiv ist er mehr als eine Figur aus alten Texten: Er gilt als Schutzpatron der Stadt und steht auf ihrem Wappen. Nach einem Bericht von Aleteia taucht er dort seit dem 17. Jahrhundert auf, nach dem Wappenwechsel von 1995 kehrte die alte Gestalt zurück. Das Goldkuppelkloster, 1108 dem Erzengel geweiht, wurde in der Sowjetzeit zerstört (Christianity Today nennt das Jahr 1935). Die Kathedrale wurde bis 1999 neu errichtet, die originalen Mosaike und Fresken, die man nach Moskau gebracht hatte, kamen 2006 zurück. Heute ist das Kloster ein Sitz der Orthodoxen Kirche der Ukraine.

Das ist die eigentliche Pointe: Dieser Michael wurde zerstört und wieder aufgebaut. Wer Kyjiv verstehen will, sollte weniger an einen Racheengel denken als an eine Stadt, die ihr Heiligtum aus Schutt zurückgeholt hat. Zu Kriegsbeginn 2022 betete Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk, Michael möge für die Ukraine streiten. Bitten dieser Art sind verständlich. Sie brauchen trotzdem einen klaren Kopf.

Ein Kalender als Bekenntnis

Dass Michael nun am 8. statt am 21. November gefeiert wird, hat mit einer Entscheidung zu tun, die tief in die Identitätsfrage reicht. Die Orthodoxe Kirche der Ukraine wechselte zum 1. September 2023 vom julianischen zum neujulianischen Kalender. Feste mit festem Datum, etwa Weihnachten und Nikolaus, fallen seither auf dieselben Tage wie bei Katholiken und Protestanten. Metropolit Epifanij begründete den Schritt laut katholisch.de damit, der alte Kalender sei mit russischer Kirchenkultur verbunden, die Reform stärke die ukrainische geistliche Identität.

Alle sind dem nicht gefolgt. Die Ukrainische Orthodoxe Kirche bleibt beim julianischen Kalender, und eine Umfrage des Razumkov-Zentrums vom November 2023 zeigt ein buntes Bild: Unter Christen feierten 35 Prozent Weihnachten am 25. Dezember, knapp 28 Prozent nach dem alten Datum, rund 27 Prozent je nach Umständen. Im Westen nutzen rund zwei Drittel den neuen Kalender, in Zentrum, Süden und Osten nur etwa ein Fünftel. Zahlen von damals, heute vermutlich verschoben, aber sie zeigen: Der Kalender ist kein Glaubenstest. Wer am 21. November feiert, ist nicht weniger ukrainisch, nicht weniger gläubig und gehört nicht unter Generalverdacht.

Auch der Brauch erzählt etwas. Am Michaelstag, so überliefern es ukrainische Medien, backt man Brot und Pasteten, lädt Gäste ein und räumt Streit aus dem Weg. Verboten sind Neid, üble Nachrede, Lebensmittel wegwerfen und Hilfe verweigern. Man muss kein Volkskundler sein, um das zu lesen: Ein Fest für den Kämpfer im Himmel verlangt von den Menschen auf der Erde ausgerechnet Frieden am Küchentisch. Das ist erstaunlich zivil für einen Tag, der einem Heerführer gewidmet ist.

In Deutschland hat der Tag keinen Feiertagsstatus. Hier liegt Michaelis traditionell Ende September, und an manchen Waldorfschulen und Kindergärten wird dann ein Drachenfest gefeiert. Kinder lassen Drachen steigen und spielen den Kampf nach: Michaels Schwert besiegt den Drachen und damit schlechte Gedanken und Taten. Ein hübsches Bild. Ein Kyjiver Kind in der Metro würde es vermutlich nüchterner erzählen.

Was ein Engel kann und was nicht

Thomas von Aquin dachte Engel als Boten und Hüter. Eine mögliche Lesart: Schutz im Glauben ist kein Zauber, der den Menschen entlastet, sondern ein Auftrag, der ihn ruft. Der Engel nimmt die Verantwortung nicht ab, er erinnert daran. Hans Jonas hat diese Haltung in der Moderne zur Ethik gemacht. Sein Prinzip Verantwortung verlangt, dass Macht und Schutzpflicht zusammengehen: Wer helfen kann, soll helfen, ohne sich hinter einem Höheren zu verstecken.

Zur Ehrlichkeit gehört auch: Nicht jede Hoffnung auf Beistand von oben ist naiv. Wer nachts im Keller sitzt, braucht Worte, die größer sind als die Lage. Ein Gebet, ein Lied, ein Name wie Michael kann Halt geben, wo Zahlen nur Angst machen. Das darf man respektieren, auch wenn man selbst anders glaubt oder gar nicht. Entscheidend ist, was danach geschieht: ob aus dem Trost Mut wird oder aus dem Mut Verachtung für andere.

Das trifft auch Deutschland. Wer in Kyjiv Luftabwehr, Notstrom und Heizgeräte braucht, dem helfen Gebete, aber keine Gebete allein. Das Meduza-Interview nennt einen Mangel an Abfangraketen als Teil des Problems, auch das sind Schätzungen des Gesprächspartners, nicht überprüfte Zahlen. Trotzdem lohnt die unbequeme Frage: Wie ernst ist die Anteilnahme, wenn sie im Kalender steht, aber nicht im Haushalt? Wer am Sonntag Kerzen anzündet und am Montag die Hilfe zerredet, hat Michael nicht verstanden.

Der Philosoph Walter Benjamin beschrieb den Engel der Geschichte, der auf Trümmer blickt, während ein Sturm ihn nach vorn treibt. Für Kyjiv passt das Bild nur halb. Hier schaut der Engel nicht bloß zurück. Das rekonstruierte Kloster zeigt, dass Wiederaufbau eine Form von Widerstand ist, gewaltlos und trotzig zugleich.

Dazu gehört eine Warnung. Michael darf kein Kriegsgott werden. Der Drache der Offenbarung steht für das Böse, nicht für ein Volk, und kein Feiertag taugt dazu, Menschen zu entmenschlichen. Das Recht auf Selbstverteidigung braucht keine Heiligsprechung der Gewalt. Die ukrainische Volkstradition liefert die passende Gegenregel gleich mit: An diesem Tag soll nicht gestritten, nicht getratscht, niemandem Hilfe verweigert werden. Versöhnung unter Nachbarn ist der Kern des Festes.

Wer die Nächte zwischen Alarm und Angst kennt, trägt eine echte Last. Wenn das zu viel wird, kann ein Gespräch helfen, etwa bei der Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222.

Vielleicht ist das die ehrlichste Botschaft des Tages: Ein Engel mit Schwert fragt nicht, wer stärker ist. Er fragt, wer bereit ist, Schutz zu geben. Und wer Brot teilt, bevor er Urteile fällt.

Quellen


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