
Sleepmaxxing. Looksmaxxing. Und jetzt: Catholicmaxxing. Wer in diesen Wochen durch TikTok und Instagram scrollt, stolpert über Rosenkranz-Routinen, Fastenpläne und Messbesuche, serviert zwischen Gym-Clips und Morgenritualen. Die Idee dahinter: Auch der Glaube lässt sich optimieren, wenn man ihn nur konsequent genug durchzieht. Fehlt nur noch die App mit Streak-Anzeige für das Abendgebet.
Der Trend kommt aus den USA, ist vor allem männlich geprägt und verbindet katholische Praxis mit Disziplin und Fitness. Verwandt ist „Catholic-core“: Kerzen, Weihrauch und Marienbilder als reine Ästhetik, auch ohne Glauben dahinter. Zugleich ist hierzulande die Rede von „Christfluencern“, die mit klaren Antworten und viel Reichweite punkten. Die Frage dahinter ist keine Randnotiz: Wird da gerade etwas Echtes gefunden oder nur etwas Hübsches verkauft?
Was dran ist, und was nicht
Zuerst die Zahlen, denn die sind ernüchternd. Nach Angaben des Pew Research Center, die das Sonntagsblatt zitiert, sind in den USA unter den 18- bis 24-Jährigen etwa 1 Prozent zum Katholizismus gewechselt, aber 12 Prozent ausgetreten. Insgesamt kommen auf einen Übertritt rechnerisch 8,4 Austritte. Von einem Comeback kann also keine Rede sein.
Auch die Meldungen über eine „stille Erweckung“ junger Europäer stehen auf wackligen Beinen. Eine Umfrage der katholischen Bewegung Neuer Anfang sieht 53 Prozent der 18- bis 29-Jährigen in Deutschland als gläubig. Doch viele solcher Erhebungen stammen von christlichen Auftraggebern und stützen sich auf freiwillige Online-Panels. Pew-Forscher Conrad Hackett mahnt, bei unerwartet guten Daten lieber skeptisch zu werden. Die Soziologin Linda Woodhead erkennt dennoch einen kulturellen Wandel: Religiosität ist wieder gesellschaftsfähiger geworden. Der Religionssoziologe Paul Zulehner spricht von „Rinnsalen“ statt einer Flut.
Ernst zu nehmen ist aber die Sehnsucht, die da sichtbar wird. Die Sonntagsblatt-Autorin beschreibt junge Katholikinnen und Katholiken in New York, die sich online kennenlernen, vor dem Gottesdienst treffen und gemeinsam in die Messe gehen. Das ist keine Pose, das ist Gemeinschaft. Wer das pauschal als Hype abtut, macht es sich zu leicht.
Der Algorithmus als Kanzel
Die Schattenseite benennt der Mainzer Theologe Oliver Wintzek in einem Kommentar auf katholisch.de: Kurze Videos belohnen einfache Botschaften, nicht Differenzierung. Algorithmen verleihen Scheinautorität, und Bibelauslegung ohne Auslegungsmethode wird als Wahrheit gehandelt. Sein Text ist allerdings scharf formuliert und belegt wenig im Einzelnen. Auch die Einordnung des ZDF-Gesprächs mit dem Weltanschauungsexperten Martin Fritz ist differenzierter: Viele Christfluencer vertreten konservative Familienbilder und lehnen etwa Homosexualität ab, doch das fällt unter Religions- und Meinungsfreiheit. Problematisch wird es, wo demokratische Grundwerte in Frage gestellt werden.
Genau hier lohnt der Blick auf die Denker. Denn die Fragen sind alt.
Was Aristoteles, Kierkegaard und Bonhoeffer dazu sagen
Zugunsten der Rituale spricht Aristoteles. Tugend entsteht für ihn durch Übung und Gewöhnung: Man wird gerecht, indem man gerecht handelt. Wer jeden Morgen betet, fastet oder sich zum Gottesdienst aufrafft, trainiert etwas, das sich nicht in einer Stimmung erschöpft. Dass Disziplin zum Glauben gehören kann, ist darum kein Skandal. Wer in der Kirche nur Gefühl sucht, wird beim ersten Novembergrau wieder verlorengehen.
Doch der Unterschied zwischen Training und Glauben ist entscheidend. Søren Kierkegaard unterschied scharf zwischen Bewunderern und Nachfolgern. Der Bewunderer applaudiert aus sicherer Distanz, der Nachfolger lässt sich verändern. Ein Feed voller Kerzen und Kreuze ist erst einmal die Bühne für Bewunderung. Gefährlich wird es, wenn der Glaube zur Marke wird, die man trägt, und nicht zum Weg, der einen trägt.
Noch grundsätzlicher ist der Einwand von Dietrich Bonhoeffer. Er warnte vor der „billigen Gnade“, also einer Religion ohne Konsequenz. Das Maxxing-Prinzip ist das Gegenteil und doch verwandt: teure Gnade als Leistungssport. Wer seinen Glauben optimiert, macht Gott zum Trainingspartner und sich selbst zum Projekt. Das Christentum behauptet aber das Gegenteil: Der Mensch muss sich seinen Wert nicht erarbeiten. Gnade lässt sich nicht maximieren, weil sie geschenkt wird. Eine Spiritualität, die Likes für Frömmigkeit zählt, hat das Wesentliche übersprungen.
Und Immanuel Kant? Sein Aufruf zur Mündigkeit gilt auch im Netz. Wer sich von einem Algorithmus sagen lässt, was „echt katholisch“ ist, bleibt unmündig, ob mit Rosenkranz oder ohne. Die Tradition selbst fordert das Gegenteil: Prüfen, Fragen, Zweifeln gehört seit Augustinus zum Glauben dazu.
Die Antwort der Kirchen
Vieles spricht dafür, dass die Kirchen weder die Flucht noch die Kopie wählen sollten. Das Sonntagsblatt rät zu eigenen Formaten statt zum Nachahmen: Wer jung, perfekt und reichweitenstark sein will, übernimmt die Maxxing-Logik. Überzeugender ist ein ehrlicher Ton, der Zweifel nicht versteckt, Menschen an Entscheidungen beteiligt und Vereinnahmung klar benennt, wenn Religion für politische Ausgrenzung benutzt wird. Auf festem Boden von Menschenwürde, Grundrechten und offener Debatte kann Glaube viel Sinn stiften. Dort, wo er zur Waffe gegen andere wird, hört er auf, Glaube zu sein.
Und der Trend selbst? Er ist ein Symptom. Wer in einer beschleunigten, vereinzelten Welt nach Halt, Ritualen und Menschen sucht, die zusammen schweigen können, verdient Respekt und kein Naserümpfen. Dass die Suche ausgerechnet im Algorithmus beginnt, ist ein Problem, aber kein Grund, sie zu verspotten.
Bleibt eine Frage, die nachhallt: Wenn Gott sich nicht optimieren lässt, was bleibt dann, wenn der Feed aus ist?
Quellen
- Catholicmaxxing: Wenn Glaube zum Lifestyle wird (Sonntagsblatt, 10.10.2026)
- Wie der gefährlichen Tiktokisierung des Glaubens beikommen? (katholisch.de, 19.05.2026)
- Wie Christfluencer konservative Werte verbreiten (ZDFheute)
- Is Europe witnessing a young Christian „quiet revival“? Data contested (National Catholic Reporter)



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