
Zwölf Mal hat Deutschland seit 1949 ein Staatsoberhaupt bestimmt. Zwölf Mal war es ein Mann. Wäre das ein Fußballergebnis, würde man von einem Totalausfall der anderen Hälfte sprechen. Im Januar steht die nächste Wahl an, und plötzlich entdeckt die Politik, dass es Frauen gibt, die das Amt ausfüllen könnten. Oder doch lieber nicht? Genau darüber wird gerade gestritten.
Der Stand in Kürze: Die Bundesversammlung wählt am 30. Januar 2027 die Nachfolge von Frank-Walter Steinmeier, dessen zweite Amtszeit im März endet. Laut ZDFheute kann sich Kanzler Merz gut vorstellen, dass erstmals eine Frau gewählt wird, auch CDU-Generalsekretär Linnemann hält das für gut. Aus der SPD kommt die klare Ansage, es sei „Zeit für eine Präsidentin“, so t-online. Doch Unionsfraktionschef Thorsten Frei hält auch einen Mann für möglich. Als Kandidatinnen werden Ilse Aigner, Karin Prien und Julia Klöckner gehandelt. Dazu kommt laut Bild-Bericht, den die Agenturmeldung auf leinetal24 wiedergibt, ein Name aus der Gegenrichtung: Hessens Ministerpräsident Boris Rhein. Sein Pluspunkt in Unionskreisen: juristische Erfahrung für den Fall einer Staatskrise, etwa wenn die AfD irgendwo einen Ministerpräsidenten stellen sollte.
Frauenfrage mit Rückfahrschein
Die Schwäbische Zeitung beschreibt das Hin und Her treffend: Lange galt eine Frau als gesetzt, inzwischen ist die Sache wieder offen. CSU-Chef Söder hatte sich laut Bericht festgelegt und bringt Aigner ins Spiel. Beobachter vermuten, dass er sie auch deshalb fördert, weil sie ihm in Bayern gefährlich werden könnte. Das nennt man dann Gleichstellungspolitik mit Eigennutz. Und die Grünen werfen Merz vor, bei Personalfragen ungeschickt zu agieren. Wer nach dem Streit um die Richterwahl am Verfassungsgericht noch Nerven hat, schaut also gespannt zu.
Unterm Strich entsteht ein seltsames Bild: Alle sind grundsätzlich dafür, nur nicht unbedingt jetzt, nicht unbedingt sie und bitte erst, wenn die Mehrheiten klar sind. Das Amt hat keine Macht, aber viel Symbolkraft. Deshalb lohnt der Blick darauf, was dieses Symbol eigentlich leisten soll.
Was Arendt, Rawls und Kant dazu sagen
Hannah Arendt unterschied scharf zwischen Macht und Autorität. Der Bundespräsident hat keine Macht im Sinne von Befehlen, er hat Autorität, und die lebt davon, dass Menschen ihm Vertrauen schenken, ohne gezwungen zu werden. Genau deshalb zählt, wer da steht: Ein Staatsoberhaupt, in dem sich nur die Hälfte der Bevölkerung wiederfindet, trägt auf Dauer weniger Anerkennung. Die Verfassung kennt kein Geschlecht des Amtes, die Gesellschaft sehr wohl.
John Rawls liefert das schärfere Argument. Ämter sollen allen offenstehen, und zwar unter Bedingungen fairer Chancengleichheit. Wenn Begabung und Tüchtigkeit zwischen den Geschlechtern ungefähr gleich verteilt sind, ist eine Bilanz von zwölf zu null kein Zufall, sondern ein Indiz: Irgendwo klemmt das Verfahren. Das heißt nicht, dass jedes Amt eine Quote braucht. Es heißt, dass die Beweislast bei denen liegt, die das Ergebnis für normal halten.
Auch Aristoteles hilft, allerdings als Warnung. Er beschrieb Bürgerschaft als Teilhabe daran, abwechselnd zu herrschen und beherrscht zu werden, und er hielt Gerechtigkeit für die Kunst, Gleiches gleich zu behandeln. Frauen und Sklaven hatte er dabei schlicht nicht auf dem Zettel. Selbst der klügste Kopf seiner Zeit übersah die Hälfte der Menschen. Das ist ein guter Grund, bei den eigenen blinden Flecken etwas demütiger zu sein.
Doch hier kippt das Argument, und Kant meldet sich zu Wort. Menschen dürfen nie bloß Mittel zum Zweck sein. Eine Frau, die nur nominiert wird, um Schlagzeilen zu glätten, einen Konkurrenten zu ärgern oder einen Koalitionskrach zu vermeiden, wird benutzt, auch wenn sie am Ende gewählt wird. Eignung zählt: Urteilskraft, Haltung, die Fähigkeit, in einer Krise ruhig zu bleiben. Das Argument mit der juristischen Erfahrung ist legitim. Nur stützt es keinen Mann gegen eine Frau, denn Juristinnen gibt es genug, Karin Prien ist laut dem erwähnten Bericht selbst Volljuristin.
Die überzeugendere Lesart lautet deshalb: Beides gehört zusammen. Es braucht eine Auswahl nach Eignung und ein Verfahren, das Frauen wirklich mitdenkt. Wer das eine gegen das andere ausspielt, hat das Problem nicht verstanden. Und wer die Frage erst nach den Mehrheitsverhältnissen entscheidet, behandelt die Würde des Amtes als Verhandlungsmasse.
Am 30. Januar sitzen 1.260 Menschen in einem Saal und entscheiden, wer vom Schloss Bellevue aus das Land zusammenhalten soll. Die Frage, die bis dahin im Raum steht, ist unbequem: Wäre es eigentlich normal, dass es nach zwölf Männern keinen weiteren Anlass mehr braucht, über Frauen zu reden?
Quellen
- ZDFheute: Steinmeier-Nachfolge: Frau, Unionsmitglied, „Charakterkopf“?
- t-online: SPD pocht auf Frau als nächstes Staatsoberhaupt
- Schwäbische Zeitung: Eine Frau oder lieber doch nicht? Wie die CDU mit der Steinmeier-Nachfolge umgeht
- leinetal24: Steinmeiers Nachfolge: Nach der Frauendebatte prüft Merz mit Boris Rhein eine neue Option



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