Warum bist du da? Ein Neutrino weiß es vielleicht

Symbolbild: Ein goldener und ein indigoblauer Lichtstrom löschen sich fast aus, ein warmer goldener Kern bleibt inmitten eines kosmischen Nebels aus Violett, Türkis und Bernstein.

Stell dir vor, beim Urknall wäre alles gerecht verteilt worden. Für jedes Teilchen Materie genau ein Gegenstück aus Antimaterie. Die beiden treffen sich, und puff: nur noch Licht. Kein Stern, kein Planet, keine Kaffeetasse, kein Du. Genau so müsste es eigentlich gekommen sein. Ist es aber nicht. Irgendetwas ist übrig geblieben.

Eine neue Arbeit in der Fachzeitschrift Physical Review Letters bringt dafür ein Teilchen ins Spiel, das die meisten Modelle gern übersehen: ein schweres, extrem träges Neutrino. Die Schlagzeilen machten daraus gleich „Erklärung für die Existenz des Universums“. Das klingt nach Weltformel zum Mitnehmen. Es ist deutlich bescheidener, und gerade deshalb interessant.

Das WIE: Ein Überschuss, so klein wie ein Rest

Der Ausgangspunkt ist eines der größten Rätsel der Physik. Materie und Antimaterie sollten im jungen Kosmos in nahezu gleicher Menge entstanden sein. Heute besteht alles, was wir sehen, fast nur aus Materie. Schon 1967 beschrieb der Physiker Andrei Sacharow, unter welchen Bedingungen ein winziger Überschuss entstehen kann, der nach der großen Auslöschung übrig bleibt (so erklärt es auch das DLR). Grob gesagt: ein Teilchen pro Milliarde.

Die neue Idee: Viele Modelle kennen drei schwere „rechtshändige“ Neutrinos, die auch erklären könnten, warum die bekannten Neutrinos so leicht sind. Das dritte koppelt besonders schwach und lebt deshalb sehr lange. Die Rechnungen von Rishav Roshan (Universität Southampton) und Sudipta Show (IIT Kanpur) legen nahe: Dieses Teilchen könnte den jungen Kosmos zeitweise dominiert haben. Die Expansion hätte sich verändert, und bestimmte Teilchenreaktionen wären erst bei deutlich niedrigeren Temperaturen ins Gleichgewicht gekommen. Das wiederum kann beeinflussen, wie viel Überschuss am Ende bleibt.

Jetzt der Dämpfer, den Pressemitteilungen gern verschlucken. Es ist reine Theorie. Das Teilchen wurde nie nachgewiesen, es ist für jeden Beschleuniger viel zu schwer, und die Modellparameter wurden so gewählt, dass die heutige Asymmetrie herauskommt. Das ist legitim, aber es ist kein Beweis, dass es das Teilchen gibt. Prüfen ließe sich die Idee nur indirekt, etwa über einen Knick im Spektrum urzeitlicher Gravitationswellen. Die Weltraummission LISA, um 2035 geplant, und das Radioteleskop-Netz SKA könnten hier eines Tages hinschauen. Bis dahin gilt: Eine elegante Möglichkeit, mehr nicht.

Das WARUM: Was ein Teilchen nicht sagen kann

Angenommen, das Modell stimmt. Dann weiß man, wie der Überschuss entstand. Aber ist damit die Frage beantwortet, warum es überhaupt etwas gibt? Leibniz stellte sie 1714 in ihrer schärfsten Form: Warum gibt es etwas und nicht vielmehr nichts? Für ihn musste es einen zureichenden Grund geben, und er fand ihn in einem Schöpfer, der die beste aller möglichen Welten wählt. Die Stanford Encyclopedia of Philosophy beschreibt zugleich die Falle: Wer Existenz durch etwas Existierendes erklärt, setzt voraus, was er erklären wollte.

Auch die Physik hat diese Falle erlebt. Wenn Forscher wie Lawrence Krauss oder Stephen Hawking sagen, das Universum könne aus dem Quantenvakuum entstehen, halten Philosophen dagegen: Ein Vakuum mit Naturgesetzen ist nicht „nichts“. Der Physiker und Philosoph David Albert hat das sehr deutlich gemacht. Das neue Neutrino-Szenario setzt ebenfalls viel voraus: Quantenfelder, Naturgesetze, einen Kosmos, der sich ausdehnt. Es erklärt, warum der Zug unterwegs nicht leer war, aber nicht, warum es Schienen gibt.

Die Brücke: Wo sie trägt und wo nicht

Georges Lemaître, katholischer Priester und Vater der Urknall-Kosmologie, wehrte sich gegen die bequeme Gleichung „Urknall gleich Schöpfung“. Seine Haltung: Physik beschreibt, wie es war, und Glaube fragt, was das Ganze bedeutet. Das ist die Ebenentrennung, die Redlichkeit verlangt. Ein schweres Neutrino ist kein Gottesbeweis. Und wer es als Widerlegung des Glaubens ausgibt, liegt genauso falsch. Karl Popper würde sagen: Eine Theorie, die sich prüfen lässt, gehört in die Physik. Die Frage nach dem Grund von allem lässt sich nicht prüfen, aber deshalb ist sie nicht sinnlos.

Wo trägt die Brücke dennoch? An einer Stelle, die unspektakulär klingt: bei der Kontingenz. Thomas von Aquin nannte kontingent, was auch nicht sein könnte. Ein Universum, in dem fast alles ausgelöscht wurde und ein winziger Rest blieb, wirkt genau so: knapp, zerbrechlich, nicht selbstverständlich. Die Physik zeigt, wie knapp es war. Die Theologie fragt, ob dieses „Dass“ ein Geschenk ist und wem man es verdankt. Daraus folgt kein Beweis. Aber die Haltung, die sich daraus ergibt, ist keine Kleinigkeit: Staunen statt Selbstverständlichkeit. Der Satz, dass nicht das Wie der Welt das Rätsel sei, sondern dass sie überhaupt ist, stammt von Ludwig Wittgenstein. Er passt hierher.

Wo trägt sie nicht? Sobald man das Neutrino zum Lückenbüßer macht: Hier hört die Physik auf, also kommt Gott ins Spiel. Das wäre ein God of the gaps, und der wird kleiner, sobald die Lücke geschlossen ist. Sollten LISA und Co. eines Tages die Spur des Teilchens finden, bliebe die Warum-Frage unverändert da. Sie wäre nur eine Etage höher gerutscht.

Und du?

Dein Körper besteht aus Atomen, die einmal den Zufall überlebt haben, den Physiker als winzigen Überschuss beschreiben. Das ist kein Anlass zu Kitsch, aber einer zu leisem Respekt. Das Wie wird die Wissenschaft Stück für Stück klären, mit Fehlern, Korrekturen und Geduld. Das Warum bleibt eine Frage, die jede und jeder beantworten muss, mit Argumenten und mit dem, woran man hängt. Wer sagt, sie sei sinnlos, hat vielleicht nur noch nie nachts auf die Sterne geschaut. Was machst du mit einem Dasein, das nicht hätte sein müssen?

Quellen


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