Gen-Z-Krawalle: Wer trägt die Schuld?

Viele goldene Laternen schweben über einer nächtlichen Stadt und sind durch feine Lichtfäden mit einer hellen Laterne in der Mitte verbunden

Stell dir vor, du gehst mit Tausenden anderen durch die Stadt, weil es um Schulen, Mieten und deine Zukunft geht. Am Nachmittag ist die Stimmung fast wie ein Straßenfest. Am Abend fliegen Flaschen, Scheiben splittern, und am nächsten Morgen redet das ganze Land über etwas ganz anderes als über das, wofür ihr auf der Straße wart. Genau das ist am 31. Oktober passiert.

Der Stand in Kürze: Unter dem Motto „Gen Z regelt“ gingen laut ZDFheute in über 30 Städten Zehntausende auf die Straße. Sie fordern mehr Geld für Schulen, Suchthilfe und Psychotherapie, bezahlbares Leben, mehr Klimaschutz und sie lehnen eine Wehrpflicht ab. Der Tag blieb lange friedlich. Am Abend aber eskalierte es vor allem in Frankfurt: Schaufenster gingen zu Bruch, Geschäfte wurden geplündert, über 100 Einsatzkräfte wurden verletzt. Die taz nennt 54 Festnahmen, die Festgenommenen waren zwischen 13 und 29 Jahre alt. Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) sprach von bis zu 1.500 Störern, mehrheitlich mit Migrationshintergrund, und von rund 100 linksextremen Gewalttätern. Bundesinnenminister Dobrindt (CSU) machte „linke Gruppen und Chaoten aus dem migrantischen Milieu“ verantwortlich. Seitdem tobt der Streit: Darf man die Herkunft nennen, und was folgt daraus?

Zwei Sätze, die niemand streichen sollte

Zwei Dinge stehen fest, und sie gehören zusammen. Erstens: Plündern, Steine werfen und Molotowcocktails auf Menschen sind durch nichts zu rechtfertigen, auch nicht durch berechtigte Wut. Zweitens: Wer Gewalt benennen will, darf Fakten nennen, aber nicht ganze Gruppen verdächtigen. Die taz berichtet, dass die Festgenommenen größtenteils deutsche Staatsbürger waren. Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef erinnerte laut ZDFheute daran, dass viele der Polizistinnen und Polizisten, die die Stadt schützten, selbst einen Migrationshintergrund haben. Und die hessenschau gibt die Position der FDP wieder: Schuld hängt an der Tat, nicht an der Herkunft.

Selbst der Frankfurter Polizeipräsident Stefan Müller sprach laut taz von „erlebnisorientierten Jugendlichen“ ohne politische Botschaft. Das ist eine andere Geschichte als die vom organisierten Mob. Und es ist eine unbequeme: Manche suchen schlicht Action mit Publikum. Dafür braucht es kein Milieu, nur eine Nacht, ein Handy und eine Menge, in der man sich unsichtbar fühlt.

Das alte Sprichwort mit den sauren Trauben

Dass Menschen für das Verhalten anderer mithaften sollen, ist ein uralter Reflex. Der Prophet Hesekiel kennt ihn genau. Er lebt im 6. Jahrhundert vor Christus im Exil in Babylon, entwurzelt, wütend, ohne Perspektive. Unter den Verschleppten kursiert ein Spruch (Hesekiel 18,2): Die Väter essen saure Trauben, und den Söhnen werden die Zähne stumpf. Übersetzt heißt das: Wir büßen für das, was andere vor uns verbockt haben, also können wir ohnehin nichts ändern.

Hesekiel lässt das nicht stehen. Gott erklärt in Kapitel 18 sinngemäß: Dieses Sprichwort soll in Israel nicht mehr gelten. Jeder Mensch gehört zu Gott, und jeder wird nach seinem eigenen Weg beurteilt. Ein Sohn, der gerecht lebt, wird nicht für die Taten seines gewalttätigen Vaters bestraft. Und wer sich von seinem Unrecht abwendet, dem werden die früheren Taten nicht ewig nachgetragen. Gott, so heißt es dort, hat keine Freude am Tod des Schuldigen, sondern will, dass er umkehrt und lebt (18,23.32). Das war damals eine kleine Revolution: Schuld ist persönlich, und sie ist nicht Schicksal.

Die Parallele zu heute ist unbequem für beide Seiten. Für alle, die Herkunft zur Erklärung machen, denn Hesekiel kennt keine Sippenhaft. Und für alle, die jede Gewalt mit Wut oder Ungerechtigkeit entschuldigen wollen, denn derselbe Text nimmt den Einzelnen in die Verantwortung. Weder „die sind eben so“ noch „die können nichts dafür“ hält vor diesem Kapitel stand.

Der Bock, der die Schuld in die Wüste trägt

Es gibt noch eine zweite biblische Linie, und sie erklärt, warum die Herkunftsdebatte so verlockend ist. Am Großen Versöhnungstag legt der Priester einem Ziegenbock die Hände auf den Kopf, spricht über ihm alle Verfehlungen des Volkes aus und schickt ihn in die Wüste (Levitikus 16,21–22). Die Schuld wandert symbolisch auf ein Tier, und die Gemeinschaft fühlt sich entlastet. Aus diesem Ritus stammt unser Wort „Sündenbock“.

Im Tempel war das ein geregelter Gottesdienst. Auf der Straße und im Fernsehstudio wird daraus ein gefährlicher Mechanismus. Der Kulturanthropologe René Girard hat beschrieben, wie Gesellschaften unter Spannung gern einen Außenseiter finden, dem sie alles aufladen, damit der Rest sich wieder reinwaschen kann. Wer die Gewalt der Nacht auf „die Anderen“ schiebt, muss nicht mehr fragen, warum Zehntausende junge Menschen so verzweifelt sind, dass sie auf die Straße gehen. Der Bock läuft in die Wüste, und die Schulen bleiben marode.

Hannah Arendt hat das auf den Punkt gebracht, als sie über Schuld nach dem Krieg schrieb: Wo alle schuldig sind, ist am Ende niemand schuldig. Kollektivschuld verwischt die Verantwortung der Täter. Karl Jaspers unterschied deshalb sauber zwischen krimineller, politischer, moralischer und metaphysischer Schuld und bestand darauf, dass strafrechtliche Schuld immer nur Einzelne trifft. Auf Frankfurt übertragen heißt das: Wer geplündert hat, muss vor Gericht. Aber nicht ein Pass, ein Stadtteil oder eine Generation.

Und was ist mit dem, wofür sie auf die Straße gingen?

Der Bremer Protestforscher Nils C. Kumkar warnte schon vor dem Wochenende in einem Interview auf evangelisch.de: Wenn nur noch über die Form des Protests geredet wird, werden die Betroffenen selbst zum Problem gemacht. Über Bildungsmängel und Zukunftsängste spreche dann kaum noch jemand. Man darf das beobachten: Ein Paar gestohlene Sneaker hat bessere Chancen auf eine Titelseite als die Frage, wie lange Schüler noch in kaputten Gebäuden lernen sollen. Das ist keine Entschuldigung für die Gewalt. Es ist ein Hinweis darauf, wer von der Gewalt am meisten profitiert: jeder, der über Inhalte nicht reden möchte.

Auch hier hilft die Bibel, und zwar mit einem ziemlich scharfen Text. Der Prophet Amos lässt Gott sagen, dass ihm die Feiern, Opfer und Lieder seines Volkes zuwider sind, solange das Recht nicht mitzieht. Stattdessen soll Gerechtigkeit fließen wie ein Bach, der nie austrocknet (Amos 5,21–24). Eine Gesellschaft, die Sonntagsreden über die Zukunft der Jugend hält und gleichzeitig bei Schulen und Therapieplätzen spart, bekommt von Amos keine gute Note. Und er hat nicht nur Demonstranten im Blick, sondern genauso die Regierenden.

Ein dritter Text führt beides zusammen. Jeremia schreibt den Verschleppten in Babylon, sie sollen sich einrichten und „der Stadt Bestes“ suchen, denn von ihrem Wohl hänge auch das eigene ab (Jeremia 29,1–7). Die Menschen im Exil waren Fremde in einer Stadt, die ihnen nicht gehörte, und sie sollten trotzdem für diese Stadt beten und arbeiten. Das gilt in beide Richtungen: Wer hier lebt, hat Verantwortung für die Stadt, und die Stadt hat Verantwortung für alle, die in ihr leben. Wer Glasscherben auf die Zeil wirft, schadet dem Ort, an dem er selbst wohnt. Und wer Menschen pauschal als Problem markiert, macht aus Nachbarn Fremde.

Die Linie, die trägt

Die überzeugendere Lesart lautet: Täter benennen, Tatsachen prüfen, Herkunft nicht zur Ursache erklären. Vieles spricht dafür, dass Polizei und Justiz genau hinschauen müssen, wer was getan hat, und dass Zahlen zu Alter, Staatsbürgerschaft und Motiven offen auf den Tisch gehören. Das trägt aber nur, wenn daraus keine Sippenhaft wird. Ein Innenminister, der „migrantisches Milieu“ sagt, ohne zu erklären, was damit gemeint ist, liefert Schlagzeilen, aber keine Orientierung. Und Pistorius hat nicht ganz unrecht, wenn er genau diese Unschärfe kritisiert.

Genauso wenig trägt der Gedanke, man dürfe ein Demonstrationsrecht schon vorsorglich einkassieren, weil einige wenige gewalttätig waren. Poseck erwägt laut hessenschau, die geplante Demo am 20. November nicht stattfinden zu lassen. In einer Demokratie ist die Versammlungsfreiheit aber kein Gnadenrecht für brave Anlässe. Wer Gewalt verhindern will, soll Störer herausgreifen, nicht eine ganze Generation aussperren.

Hesekiel hat seinen Zuhörern etwas zugemutet, das bis heute schwer fällt: Du bist nicht das, was deine Väter getan haben, und du bist nicht das, was dein Milieu tut. Du bist verantwortlich für dein Handeln, und das ist gleichzeitig ein Geschenk, weil du dich ändern kannst. Die Frage, die nach diesem Wochenende bleibt, ist deshalb nicht nur, wer schuld ist. Sie lautet: Wer sorgt dafür, dass die Laternen am Ende leuchten, statt dass die Schaufenster brechen?

Quellen


Entdecke mehr von god.fish

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

1 Arbeit Architektur Bayern Berlin Beziehung Beziehungen Bibel Bilder blau Blumen Christen Christentum Corona Coronavirus demokratie Details Deutschland Donald Trump EKD Essay Essen Ethik EU Europa Evangelisch Farben Flüchtlinge Fotografie Fotos Freiheit frieden funny.casa Gedanken Gedichte gelb Gemeinde Geschichte Gesellschaft Gesundheit Glaube Gott grün Highlight Hoffnung Humor Impressionen italien Jesus Jesus.casa Katholisch kinder Kirche Klimaerwärmung krankheit Krieg Kultur Kunst Leben Lebenshilfe Liebe Medien menschen Menschenrechte Musik Musikgeschichte münchen München inside Nachgedacht Nato Natur neu Nächstenliebe Olaf Scholz Ostern Pandemie philosophie photography Politik Psychologie Putin Religion Russland Satire Sprache sunshine.casa Theologie Tod Toleranz Ukraine Urlaub usa verantwortung Vertrauen video Weihnachten Wirtschaft yellow.casa Zivilcourage Zukunft


Kommentare

Schreibe einen Kommentar