Midterms: Amerika zwischen Wut und Wahlzettel

Midterms 2026: Eine leuchtende Waage mit blauem und rotem Licht unter einem Sternenhimmel

Stell dir vor, die Spritpreise fressen dein Monatsbudget, in den Nachrichten läuft ein Krieg, den kaum jemand wollte, und am Dienstag darfst du endlich etwas tun: einen Zettel ausfüllen. Genau so fühlt sich für viele Menschen in den USA dieser 3. November an. Bei den US-Midterms 2026 werden alle 435 Sitze im Repräsentantenhaus und 35 Sitze im Senat neu vergeben. Es geht um die Frage, ob Donald Trump in der zweiten Hälfte seiner Amtszeit fast ungebremst weiterregieren kann oder ob ihm ein Kongress Grenzen setzt. Und in Deutschland? Schaut man mit einer Mischung aus Faszination, Sorge und einem Hauch Fatalismus zu.

Wut an der Zapfsäule

Die Stimmung, die Trump 2024 ins Amt trug, hat sich gedreht. Der Wunsch nach Veränderung richtet sich jetzt gegen die, die regieren. Die Inflation lag im September laut Euronews bei 3,7 Prozent, Benzin ist teuer, und der Krieg mit dem Iran gilt als unpopulär. Laut einer Reuters/Ipsos-Umfrage, die t-online zitiert, kommt Trump nur noch auf 31 Prozent Zustimmung, den tiefsten Wert seiner beiden Amtszeiten. Bei den Lebenshaltungskosten sind es sogar nur etwa 20 Prozent, wie ein Bericht der National News Desk festhält.

Beide Lager haben deshalb dasselbe Schlussthema gewählt: Was kostet das Leben? Die Demokraten setzen auf Bezahlbarkeit, Energie, Gesundheit und Lebensmittel. Die Republikaner verteidigen Zölle und Investitionen, doch einige in engen Rennen gehen auf Abstand: Mike Lawler aus New York will keine dauerhaften Zölle, Ashley Hinson aus Iowa fordert wegen der Benzinpreise ein Ende des Iran-Kriegs. Dazu kommt ein Riss in der eigenen Partei. Laut Euronews haben sich Marjorie Taylor Greene und Tucker Carlson von Trump abgewandt, Thomas Massie verlor seine Vorwahl, und in Texas unterlag John Cornyn dem Rivalen Ken Paxton. Selbst CNN sprach mit Blick auf Trumps letzte Auftritte von einer Art Abschiedstour, und auch NPR schildert diese letzten Stationen als Dank an die Anhänger.

Die Zahlen sehen für die Demokraten gut aus. Der Landesschnitt von RealClearPolling lag zuletzt bei etwa 51,5 zu 43,1 Prozent für sie, so Al Jazeera. Das Repräsentantenhaus gilt als wahrscheinlich blau, der Senat ist offener. Doch Vorsicht: Auch vor 2024 deuteten Umfragen ein enges Rennen an, und dann gewann Trump deutlich. Und die Demokraten sind keineswegs beliebt. Viele Wählerinnen und Wähler wissen laut Al Jazeera schlicht nicht, was irgendeine Partei liefern würde. Mehr als 51 Millionen Menschen haben schon vor dem Wahltag abgestimmt.

Deutschland: Blick über den Atlantik

Hierzulande wird weniger über Benzin und mehr über das große Ganze gesprochen. Eine YouGov-Umfrage von Mitte Oktober unter 2.202 Wahlberechtigten zeigt: 52 Prozent halten die Demokratie in den USA für stark gefährdet oder nicht mehr funktionsfähig, 71 Prozent glauben, dass sich das Leben dort in den letzten zwei Jahren verschlechtert hat. Nur 29 Prozent haben ein positives Bild der USA, 61 Prozent ein negatives. Und trotzdem wünschen sich 39 Prozent engere Beziehungen, 29 Prozent weniger enge. Das ist kein Abschied, eher ein genervtes „Wir brauchen euch ja doch“.

Auffällig ist die Kluft zwischen den Parteien. Grünen-Wählende sind laut YouGov am kritischsten, AfD-Wählende am mildesten, nur in dieser Gruppe überwiegen die positiven Urteile über die USA. Wer das für ein deutsches Sonderproblem hält, irrt allerdings: Auch in den USA verläuft der Graben mitten durch Familien und Freundeskreise. Die Gemeinsamkeit ist größer, als sie wirkt. Hier wie dort fragen sich Menschen, ob ihre Stimme gegen Preise, Krisen und Machtverschiebungen überhaupt etwas ausrichtet.

Der Blick der deutschen Medien richtet sich vor allem auf die Sicherheitslage. Der Tagesspiegel berichtet, dass Trump sich über Angriffsoptionen gegen den Iran beraten ließ, und es wird spekuliert, dass er erst nach der Wahl eskalieren könnte. Gleichzeitig verhandelt eine Gruppe unter Führung Katars über eine Deeskalation. Wer in Deutschland an der Zapfsäule steht, ahnt: Das ist kein fernes Drama. Das ZDF erklärt derweil nüchtern, was auf dem Spiel steht: Ohne Mehrheit in beiden Kammern kann ein Präsident innenpolitisch wenig dauerhaft verändern, und erste Ergebnisse kommen in der Nacht zu Mittwoch, bei knappen Rennen können es auch Tage werden.

Was Popper, Arendt und Augustinus dazu sagen

Karl Popper hat die Demokratie einmal ziemlich nüchtern bestimmt: Ihr Kern ist nicht, dass „das Volk herrscht“, sondern dass man eine Regierung ohne Blutvergießen wieder loswerden kann. Ein kleiner Satz mit großem Gewicht. Er macht die Midterms zum Härtetest. Nicht der Sieger einer Seite ist entscheidend, sondern die Frage, ob alle das Ergebnis anerkennen, auch die, die verlieren. Das gilt für Republikaner wie für Demokraten, und es gilt für einen Präsidenten, der laut dem ZDF schon Beschlüsse des Kongresses übergangen hat. Wer Wahlen nur gelten lässt, wenn sie das eigene Lager belohnen, hat das Prinzip nicht verstanden.

Hannah Arendt hielt Macht für etwas anderes als Gewalt: Macht entsteht, wo Menschen gemeinsam handeln, und sie schwindet, wenn sie sich zurückziehen. Wer in den USA vor einer Wahlurne steht, handelt gemeinsam mit Millionen Fremden, das ist ein leiser, aber echter Gegenpol zu Dekreten und Drohgebärden. Zugleich ist es eine Mahnung an Deutschland: Zuschauen ist bequem, und Kopfschütteln über „die da drüben“ ersetzt kein eigenes politisches Handeln. Auch hier gibt es Wahlen, Vereine, Initiativen und Gespräche am Küchentisch.

Augustinus wiederum fragte im „Gottesstaat“ sinngemäß, was Reiche ohne Gerechtigkeit anderes seien als große Räuberbanden. Auf die Midterms übertragen heißt das: Entscheidend ist nicht nur, wer die Mehrheit hat, sondern ob Macht an Recht und Gerechtigkeit gebunden bleibt, an Gewaltenteilung, freie Presse und den Schutz von Minderheiten. Die überzeugendere Lesart ist deshalb weder „Hauptsache, die anderen verlieren“ noch „Hauptsache, wir gewinnen“. Sie lautet: Eine Demokratie ist gesund, wenn sie Niederlagen aushält und Siege zügelt.

Am Ende bleibt eine Frage, die nach der Wahlnacht nicht verschwindet: Wenn die Wut an der Zapfsäule gezählt, die Stimmen ausgewertet und die Sieger ausgerufen sind, wer sorgt dann dafür, dass die Verlierer trotzdem Teil des Spiels bleiben? Die Antwort liegt nicht allein in Washington. Sie beginnt dort, wo du entscheidest, ob du zuhörst, wenn jemand anders wählt als du.

Quellen


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