
Wer ist für dich da, wenn es brennt? Die meisten Menschen in Deutschland würden vermutlich sagen: Freunde, Familie, Nachbarn. Und wer sorgt dafür, dass der Kuchen fair verteilt wird? Da wird es auffallend still.
Genau dieses Muster zeigt der neue Religionsmonitor 2026 der Bertelsmann Stiftung. Befragt wurden im März 5.231 Erwachsene. Der Zusammenhalts-Index liegt bei 51 von 100 Punkten, nach 46 im Jahr 2023, aber noch unter dem Wert von 55 aus dem Jahr 2020. Die sozialen Beziehungen haben sich spürbar erholt (von 49 auf 57), das Interesse an Politik ist mit 65 so hoch wie nie. Doch das Gefühl, dass wirtschaftliche Gewinne fair verteilt werden, ist auf 25 Punkte gefallen, den tiefsten Wert der ganzen Reihe. Das Vertrauen in die Bundesregierung steckt bei 37 fest. Und die Religion? Sie taucht in der Studie als Zutat auf, die Zusammenhalt begünstigen kann, aber nicht für alle gleich.
Nah ist vertraut, fern ist verdächtig
Auf den ersten Blick ist das eine gute Nachricht mit Beigeschmack. Die Menschen halten im Kleinen zusammen, im Großen wächst das Misstrauen. Aristoteles hätte das nicht überrascht. In seiner Ethik ist der Staat mehr als ein Zweckbündnis, das nur Sicherheit und Handel regelt. Eine Gemeinschaft hält, sagt er sinngemäß, wenn ihre Mitglieder eine Art politische Freundschaft verbindet: Man will einander nicht nur nutzen, sondern wohlgesonnen sein.
Die Zahlen sagen: Freundschaft im Nahbereich läuft, die politische Freundschaft hakt. Die Philosophin Annette Baier hat beschrieben, warum das so wehtut. Vertrauen macht verletzlich, weil man jemandem etwas Wertvolles anvertraut, ohne ihn zwingen zu können. Wenn der Wecker nicht klingelt, ist man enttäuscht. Wenn jemand das Vertrauen bricht, fühlt man sich verraten (nachzulesen in der Stanford Encyclopedia of Philosophy). Ein Wert von 25 bei der Fairness klingt deshalb weniger nach Politikverdrossenheit als nach gekränkter Erwartung: Man hat auf guten Willen gehofft und fühlt sich übergangen.
Fairness ist kein Gefühl, sondern eine Rechnung
Politik ruft gern nach „mehr Vertrauen“, so wie ein Gastwirt, der die Preise verdoppelt hat und sich wundert, warum die Gäste kritisch gucken. John Rawls dreht die Reihenfolge um. Für ihn entsteht Zustimmung zu einer Gesellschaft nur, wenn ihre Regeln auch von denen als gerecht erlebt werden können, die am wenigsten haben. Ungleichheit ist demnach nur zu rechtfertigen, wenn sie auch den Schwächsten nützt.
Das ist der Kern: Vertrauen lässt sich nicht verordnen, es wird verdient. Ein Staat, der Beteiligung will (und die Daten zeigen, dass das Interesse da ist), muss Fairness sichtbar machen, bei Steuern, Mieten, Löhnen und Chancen. Alles andere ist Appell statt Politik.
Glaube als Ressource – für wen?
Nun zur Religion. Wenig religiöse Menschen kommen im Index auf 49 Punkte, mäßig religiöse auf 53, stark religiöse auf 52. Die Autorinnen und Autoren sprechen von einer relevanten sozialen Ressource, und die Studie betont, dass es eher auf gelebte Praxis und Einbindung ankommt als auf bloße Mitgliedschaft. Wer regelmäßig in einer Gemeinde singt, Kaffee kocht oder beim Umzug hilft, knüpft Beziehungen, die tragen. Das Muster zeigt sich laut Studie auch dann, wenn man Alter, Bildung, Einkommen und andere Faktoren herausrechnet. Wichtig bleibt aber: Es ist eine Korrelation, kein Beweis, dass Glaube die Ursache ist.
Interessant wird es bei den Unterschieden. Bei evangelischen und katholischen Befragten steigt der Index mit der Religiosität. Bei Musliminnen und Muslimen gehen stärkere Religiosität und gute Beziehungen sowie Gemeinwohlorientierung Hand in Hand, doch die Verbundenheit mit dem Gemeinwesen fällt von 46 auf 28 Punkte. Warum, lässt die Studie offen, und Vorsicht ist geboten: Das ist kein Beleg für mangelnde Integrationsbereitschaft.
Die ehrliche Frage lautet, was auf der anderen Seite der Gleichung passiert. Wer sichtbar glaubt, trägt vielleicht ein Kopftuch, einen Gebetsteppich im Rucksack, einen Namen, bei dem manche Blicke länger werden. Zugehörigkeit ist keine Einbahnstraße. Sie entsteht dort, wo man gemeint ist, nicht nur geduldet. Wenn sich ausgerechnet die engagiertesten Gläubigen am wenigsten verbunden fühlen, ist das auch eine Anfrage an die Mehrheitsgesellschaft. Wer das nur als Problem der anderen liest, hat den Befund nicht verstanden.
Gemeinschaft ist Geschenk, kein Wunschbild
Dietrich Bonhoeffer hat in „Gemeinsames Leben“ vor einem Irrtum gewarnt, der heute genauso gilt: Wer sein Traumbild von Gemeinschaft mehr liebt als die wirkliche Gemeinschaft mit ihren schwierigen Menschen, zerstört sie. Gemeinschaft ist für ihn Geschenk, nicht Projekt. Übersetzt in 2026: Eine Gemeinde, die nur unter Gleichgesinnten warm ist, ist eine Wärmeinsel mit Mauer. Ihr Zusammenhalt mag hoch sein, für die Gesellschaft nützt er wenig.
Deshalb lässt sich aus den Zahlen eine klare Linie ziehen. Religionsgemeinschaften können Brückenbauer sein, wenn sie ihre Türen aufmachen, mit anderen Gemeinden, mit Nachbarschaft, mit Menschen ohne Glauben. Der Staat wiederum muss fair liefern, statt Vertrauen einzuklagen. Und die Mehrheitsgesellschaft sollte aufhören, Religion nur dann sympathisch zu finden, wenn sie bequem ist. Das gehört zu einer offenen Demokratie: Grundrechte gelten für alle, die Würde des Einzelnen ist nicht an ein Bekenntnis gebunden, und gerade Minderheiten sollen sich nicht rechtfertigen müssen, um dazuzugehören.
Am Ende bleibt eine Frage, die in keiner Tabelle steht: Wem würdest du heute zutrauen, in deinem Namen für Fairness zu sorgen, und was bist du bereit zu tun, damit auch der Fremde im Treppenhaus dazugehört?
Quellen
- Gesellschaftlicher Zusammenhalt verbessert sich trotz schwachem Gerechtigkeitsempfinden – Bertelsmann Stiftung
- Studie: Sozialer Zusammenhalt in Deutschland erholt sich etwas – evangelisch.de
- Religionsmonitor 2026: Menschen halten mehr zusammen, misstrauen aber Politik und Wirtschaft – Sonntagsblatt
- Zusammenhalt legt wieder zu, doch Vertrauen bleibt schwach – ms-aktuell
- Trust – Stanford Encyclopedia of Philosophy



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