Gen Z regelt – und wer hört zu?

Nachmittags: Schilder, Sprechchöre, ein Meer aus Jacken und Rucksäcken. Abends: Rauch über der Zeil, Scherben, Blaulicht. Dasselbe Datum, zwei völlig verschiedene Bilder. Und die Frage, die sich dazwischenschiebt: Wer erzählt eigentlich gerade die Geschichte dieses Tages?

Am Samstag, dem 31. Oktober, gingen in rund 30 Städten Zehntausende junge Menschen auf die Straße. Die Initiative „Gen Z regelt“ hatte aufgerufen, nach dem Vorbild der Schülerproteste in Frankreich. Ihre Forderungen: mehr Geld für Schulen, Suchthilfe und Psychotherapie, Antworten auf steigende Lebenshaltungskosten und Mieten, mehr Klimaschutz, kein Ausbau der Überwachung, keine Wehrpflicht. Die Veranstalter sprachen von 120.000 Teilnehmenden, die Polizei von 70.000. Der Nachmittag verlief weitgehend friedlich. Am Abend eskalierte es vor allem in Frankfurt und Köln: In Frankfurt wurden 17 Geschäfte beschädigt, fünf davon geplündert, 54 Menschen wurden festgenommen. Deutschlandweit wurden mindestens 48 Polizistinnen und Polizisten verletzt. Die Initiative distanzierte sich von der Gewalt und kündigte neue Proteste in drei Wochen an.

Bundesinnenminister Dobrindt sprach von „gekaperten“ Demonstrationen, die SPD fordert einen Bildungsgipfel, die Bundesschülerkonferenz hatte sich schon vorher distanziert. Eine 16-Jährige aus Stuttgart, die wegen maroder Schulen gekommen war, fand ihr Thema auf der Demo kaum wieder. Das ist der eigentliche Bruch: Ein Anliegen, das viele teilen, wurde von denen übertönt, die es nur als Bühne nutzten.

„Ich bin zu jung“ – der älteste Einwand der Welt

Die Bibel kennt dieses Gefühl, nicht gehört zu werden, ziemlich gut. Der Prophet Jeremia wird um das Jahr 627 v. Chr. berufen, vermutlich als junger Mann. Seine erste Reaktion (Jeremia 1,4–10): Auf keinen Fall, ich bin viel zu jung zum Reden. Gott lässt den Einwand nicht gelten. Er schickt ihn trotzdem los, mit dem Versprechen, nicht allein zu sein, und mit einem Auftrag, der beides enthält: einreißen, was kaputt ist, und aufbauen, was tragen kann.

Auch das Neue Testament kennt das Misstrauen gegen Junge. Der Brief an Timotheus (1. Timotheus 4,12) gibt dem jungen Gemeindeleiter einen Satz mit: „Niemand verachte deine Jugend.“ Das ist keine Schmeichelei, sondern ein Auftrag an beide Seiten. Die Jungen sollen so leben, dass man sie ernst nehmen kann. Die Älteren sollen sie nicht abtun, nur weil sie jung sind.

Genau hier setzen die Forscher an, die vor dem Protest zu Wort kamen. Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann beschreibt eine Generation, die in Dauerkrisen aufwächst und als demografische Minderheit wenig Einfluss hat. Der Soziologe Nils Kumkar beobachtet ein Muster: Wenn Menschen ein Problem haben, werden sie selbst zum Problem erklärt, und über die Protestform wird gestritten statt über das Anliegen. Man kennt das aus der Debatte um die Klimakleber. Wer nur über Krawall redet, muss über Schulklos nicht reden. Sehr bequem.

Amos: Gottes Allergie gegen schöne Fassaden

Um 750 v. Chr. steht der Hirte und Landwirt Amos im Nordreich Israel und sagt etwas Unerhörtes. Die Gesellschaft boomt, große Landgüter wachsen, die Gottesdienste sind prächtig. Gleichzeitig werden die Armen ausgepresst, und wer im Stadttor, dem damaligen Gericht, aufrecht urteilt, den hasst man (Amos 5,10–15). Amos‘ Reaktion: Gott hat keine Lust auf eure Feste. Weder auf Opfer noch auf Lieder und Harfenklang. Stattdessen soll das Recht fließen wie ein Bach, der nie austrocknet (Amos 5,21–24).

Die Bibelwissenschaft nennt das Kult- und Sozialkritik: Soziale Ungerechtigkeit und leere Frömmigkeit sind zwei Seiten derselben Störung. Amos spricht dabei nicht für eine Partei, sondern für ein Ideal gemeinsamen Lebens, in dem niemand unter die Räder kommt. Seine Schärfe richtet sich gegen die Mächtigen und gegen die Selbstzufriedenheit. Sie richtet sich nicht gegen die Schwachen. Wer sich heute auf Amos beruft, um Schulgebäude zu fordern, steht auf solidem Boden. Wer sich auf ihn beruft, um Schaufenster einzuschlagen, hat den Text nicht gelesen: Das Recht soll strömen, nicht brennen.

Wenn die Wut Recht hat und die Mittel nicht

Hier wird es unbequem, und zwar für alle. Eine taz-Kommentatorin hielt vor dem Protest die Distanzierung von Gewalt für strategisch klug, aber blind für die alltägliche, strukturelle Gewalt von Mietdruck und Leistungszwang. Der Gedanke hat einen wahren Kern: Auch Verhältnisse können gewalttätig sein. Er trägt aber nicht weit. Denn die Rechnung für ein geplündertes Geschäft zahlt selten die Politik. Sie zahlen Inhaberinnen, Angestellte, Nachbarn.

Die Bibel ist hier erstaunlich nüchtern. Jesus preist in der Bergpredigt die Friedensstifter selig (Matthäus 5,9). Paulus mahnt, sich vom Bösen nicht besiegen zu lassen, sondern das Böse mit Gutem zu überwinden (Römer 12,21). Das ist keine Aufforderung zum Stillhalten, denn dieselbe Bibel schickt Propheten, die Mächtigen die Wahrheit sagen. Aber sie kennt einen Maßstab: Das Mittel darf das Ziel nicht verraten. Dietrich Bonhoeffer, der als Pfarrer am Ende selbst am Widerstand gegen eine mörderische Diktatur beteiligt war, wusste um die Last solcher Entscheidungen. Er sprach von Schuld, die man dann auf sich lädt. Gerade deshalb taugt er nicht als Kronzeuge für Randale in einer Demokratie, in der es Wahlen, Gerichte, Presse und das Recht auf Versammlung gibt.

Philosophisch lässt sich das mit Hannah Arendt schärfen: Macht entsteht, wo Menschen gemeinsam handeln und einander überzeugen. Gewalt kann zerstören, aber sie erzeugt keine Macht, sie ersetzt sie nur kurz durch Angst. Ein Protest, der Zehntausende bewegt, hat Macht. Eine Nacht mit Molotowcocktails verschenkt sie. Die Menschen, denen es wirklich um Schulen und Therapieplätze ging, haben das am Sonntagmorgen in der Nachrichtenlage gesehen.

Zwei Fehler, die sich gegenseitig füttern

Vieles spricht dafür, dass an diesem Wochenende zwei Fehler gemacht wurden. Der erste liegt bei denen, die Gewalt ausüben oder dulden: Wer Scheiben einschlägt, stiehlt der eigenen Generation das Mikrofon. Die GdP, die Gewerkschaft der Polizei, sagt selbst, die Proteste seien überwiegend sehr friedlich gewesen und die Gewalt gehe von autonomen, teils vermummten Gruppen aus. Wer hundert Mal friedlich demonstriert und einmal Krawall erlebt, braucht kein Mitleid, aber auch keinen Generalverdacht.

Der zweite Fehler liegt bei der Politik, und der ist leiser. Ein Bildungsgipfel nach der Krawallnacht klingt vernünftig. Doch die Frage bleibt: Hätte es ihn auch ohne Flammen gegeben? Schon vor dem Protest war klar, worum es geht: Schulen, Wohnen, Perspektiven. Wenn das Zuhören erst anfängt, sobald es brennt, lernt eine ganze Generation die falsche Lektion. Genau diese Gefahr beschreibt Amos: Man feiert Gipfel und Feste, während das Recht im Stadttor weiter nicht ankommt.

Die überzeugendere Lesart ist deshalb weder „alles Chaoten“ noch „alles berechtigte Wut“. Sie lautet: Das Anliegen ist ernst, die Gewalt ist falsch, und beides gilt gleichzeitig. Demokratie hält das aus. Sie braucht Jugendliche, die laut sind, und einen Staat, der Gewalt konsequent verfolgt, ohne alle Demonstrierenden zu Verdächtigen zu machen.

Und jetzt?

In drei Wochen soll die nächste Demo stattfinden. Jeremia musste lernen, dass „zu jung“ kein Argument ist. Amos hat gezeigt, dass Gerechtigkeit mehr ist als Stimmung. Und Timotheus bekam mit auf den Weg, dass Respekt keine Einbahnstraße ist. Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe für den 21. November: Orte zu schaffen, an denen Wut Worte findet, bevor sie Steine findet. Und Erwachsene, die zuhören, bevor die Nachrichtenlage sie dazu zwingt.

Was würde sich ändern, wenn das Recht tatsächlich wie ein Bach flösse, und nicht erst, wenn es brennt?

Quellen


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