Selig sind die Bombenopfer…?

…oder verraten wir damit gerade Gott…?

Stell dir vor, du sitzt in einem Luftschutzkeller. Über dir heulen Sirenen, der Boden vibriert vom Einschlag einer Rakete. Und dann kommt jemand zu dir, legt dir die Hand auf die Schulter und sagt: „Freu dich, dass du das hier überlebst – denn dir gehört das Himmelreich.“

​Klingt das tröstlich? Oder klingt das wie der blanke Hohn?

​Wir leben in einer Zeit, in der Krieg wieder in Europa tobt. Die uralten Worte der Bergpredigt – „Selig sind die Friedfertigen“, „Selig sind, die da Leid tragen“ – werden plötzlich auf eine brutale Probe gestellt. Darf man sagen: „Freuen dürfen sich die, die Russlands Angriffe überleben, denn ihrer ist das Himmelreich?“

​Ist das tiefe christliche Hoffnung? Oder ist das ein zynischer Pazifismus, der den Opfern den Mund verbieten will? Um das zu beantworten, müssen wir ein paar der klügsten Köpfe der Geschichte befragen.

​1. Das Gift der „billigen Vertröstung“

​Fangen wir mit dem Elefanten im Raum an: Wenn dieser Satz bedeutet, dass man sich nicht wehren soll, weil „im Himmel eh alles besser wird“, dann ist er gefährlich. Er wäre das, was Karl Marx einst „Opium des Volkes“ nannte. Aber auch große Theologen würden hier laut „Einspruch!“ rufen.

​Der Befreiungstheologe Gustavo Gutiérrez (*1928) hat sein Leben lang dagegen gekämpft, dass Glaube nur als „Jenseits-Ticket“ verstanden wird. Armut, Unterdrückung und Krieg sind nicht gottgegeben.

​„Die Armut ist kein Schicksal, sie ist ein Zustand; sie ist keine Ungnade, sie ist eine Ungerechtigkeit.“

— Gustavo Gutiérrez, Theologie der Befreiung (1971)

​Wenn wir den Überlebenden in der Ukraine (oder anderswo) nur den Himmel versprechen, damit sie stillhalten, machen wir Gott zum Komplizen des Aggressors. Wir sagen dann indirekt: „Lass den Diktator gewähren, Gott regelt das später.“

​Dietrich Bonhoeffer (1906–1945), der selbst im Widerstand gegen Hitler starb, hatte für so eine Haltung nur Verachtung übrig. Er nannte das „billige Gnade“.

​„Billige Gnade ist die Gnade, die wir uns selbst spenden… Billige Gnade ist die Predigt der Vergebung ohne Buße.“

— Dietrich Bonhoeffer, Nachfolge (1937)

​Einen Frieden zu fordern, der nur darauf beruht, dass die Opfer aufhören zu schreien, ist keine Gnade. Es ist Verrat.

​2. Frieden ist mehr als „Nicht-Schießen“

​Manche würden sagen: „Hauptsache überleben. Hauptsache Frieden.“ Aber ist das Überleben unter einer brutalen Besatzung wirklich schon „Frieden“?

​Hier müssen wir weit zurückblicken, ins 5. Jahrhundert, zu Augustinus von Hippo. Er sah das Römische Reich zerfallen und stellte eine nüchterne Diagnose: Frieden ist nicht einfach die Abwesenheit von Krieg. Frieden ist die „Ruhe der Ordnung“ (tranquillitas ordinis). Und diese Ordnung muss auf Gerechtigkeit basieren.

​„Was sind also Reiche ohne Gerechtigkeit anderes als große Räuberbanden?“

— Augustinus, De civitate Dei, IV, 4

​Wenn das „Überleben“ bedeutet, sich einer „Räuberbande“ zu unterwerfen, ist das kein gesegneter Zustand. Ein Theologe wie Reinhold Niebuhr (1892–1971), der den „Christlichen Realismus“ prägte, würde uns heute daran erinnern: In einer gefallenen Welt voller Sünde ist blinder Pazifismus manchmal moralisch unverantwortlich. Manchmal muss man das Schwert der Tyrannen zerbrechen, um den Nächsten zu schützen.

​3. Gott sitzt im Keller (Wo der Satz wahr wird)

​Gibt es also gar keine Hoffnung in diesem Satz? Ist er nur zynisch?

Nein. Es gibt eine Perspektive, die ihn rettet – und die ist vielleicht die wichtigste von allen.

​Wenn du alles verloren hast – dein Haus, deine Sicherheit, vielleicht deine Familie – und du trotzdem noch atmest, dann stellt sich die Frage: Wo ist Gott jetzt?

Er sitzt nicht auf einer Wolke und schaut zu.

Der französische Philosoph und Theologe Blaise Pascal (1623–1662) schrieb einen Satz, der einem Schauer über den Rücken jagt:

​„Jesus ist in Todesangst bis zum Ende der Welt: man darf in dieser Zeit nicht schlafen.“

— Blaise Pascal, Pensées

​Das heißt: Christus leidet in jedem Bombenopfer mit. Er wird in Butscha und Mariupol erneut gekreuzigt.

Der Theologe Jürgen Moltmann (*1926) nannte das den „gekreuzigten Gott“. Gott ist solidarisch mit den Opfern, nicht mit den Siegern der Geschichte.

​Wenn der Satz „Freuen dürfen sich die Überlebenden…“ also bedeutet: „Ihr seid nicht vergessen. Euer Leid ist nicht sinnlos. Das letzte Wort über euer Leben spricht nicht Putin und keine Rakete, sondern der Gott der Liebe“ – dann ist das kein Zynismus. Dann ist das purer Widerstand gegen die Hoffnungslosigkeit.

​4. Das letzte Gericht als Trost

​Am Ende bleibt die Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Wir Menschen schaffen es oft nicht, Täter gerecht zu bestrafen oder Opfer wirklich zu entschädigen. Was zerstört ist, bleibt oft zerstört.

​Hier kommt ein Gedanke von Benedikt XVI. (Joseph Ratzinger) ins Spiel. In seiner Enzyklika Spe Salvi argumentiert er, dass der Atheismus eigentlich die grausamste Botschaft für Opfer ist. Warum? Weil er sagt: Wenn du jetzt leidest und stirbst, war’s das. Keine Gerechtigkeit, nie.

Nur Gott kann die absolute Gerechtigkeit wiederherstellen.

​„Eine Welt, die sich selbst Gerechtigkeit schaffen muss, ist eine Welt ohne Hoffnung. Denn niemand und nichts kann das vergangene Leiden gutmachen… Nur Gott kann Gerechtigkeit schaffen.“

— Benedikt XVI., Spe Salvi (2007), Nr. 42

​Das „Himmelreich“ ist also der Ort, an dem alle Tränen abgewischt werden – aber auch der Ort, an dem die Täter sich der Wahrheit stellen müssen.

Es kommt darauf an, wer es sagt

​Ist der Satz also zynischer Pazifismus?

  • ​JA, wenn wir ihn vom sicheren Sofa aus zu den Opfern sagen, um unser Gewissen zu beruhigen und keine Waffen oder Hilfe schicken zu müssen. Das wäre „billige Gnade“.
  • ​NEIN, wenn er aus dem Staub der Trümmer gesprochen wird. Als ein Trotzdem. Als eine Gewissheit, dass das Böse nicht triumphieren wird.

​Der Glaube ist kein Ersatz für politisches Handeln und Widerstand. Aber er ist der Anker, wenn alles andere zerbricht.


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