
Es war still in dem halb zerstörten Haus am Rande von Kyjiw, aber es war keine friedliche Stille. Es war das Schweigen, das eintritt, wenn man die Luft anhält, weil man das Atmen des Monsters im Nebenzimmer hören kann.
Olena saß auf dem Boden ihres Wohnzimmers, die Kälte kroch durch die zerborstenen Fenster. In ihren Armen hielt sie ihre kleine Tochter Katja, deren Augen zu groß und zu alt für ihr Gesicht waren.
Nebenan, in dem Zimmer, das früher das Kinderzimmer war und jetzt „die besetzte Zone“ hieß, hauste der Schlächter.
Er hatte die Tür eingetreten, ohne zu fragen. Er hatte Olenas Mann getötet, als der sich ihm in den Weg stellte. Er hatte sich genommen, was er wollte, und nun saß er dort, fett und blutverschmiert, und schärfte sein Messer. Man konnte das Scht-Scht-Scht des Schleifsteins durch die dünne Wand hören. Er wartete nur darauf, wieder zu Atem zu kommen, um sich den Rest der Wohnung zu holen.
Dann klopfte es an der Haustür.
Draußen stand nicht die Polizei. Es stand auch kein Freund dort, der ein Gewehr brachte.
Dort stand der Händler.
Er trug einen teuren Anzug, der seltsam unpassend wirkte zwischen den Trümmern. Er lächelte ein Lächeln, das nicht die Augen erreichte. Er roch nach teurem Parfüm, nicht nach Rauch und Angst wie Olena.
„Ich habe gute Nachrichten“, sagte der Händler und trat ungebeten ein. Er blickte sich kurz um, rümpfte die Nase über den Staub, ignorierte aber das Scht-Scht des Messers hinter der Wand.
„Ich habe mit dem Herrn nebenan gesprochen. Er ist ein schwieriger Kerl, sicher. Aber ich habe einen Deal.“
Olena drückte ihr Kind fester an sich. „Er hat meinen Mann ermordet. Er hat meine Kinder verschleppt. Er will uns alle töten.“
Der Händler winkte ab, als ginge es um eine lästige Fliege. „Nun seien Sie doch nicht so emotional. Schauen Sie, das Angebot ist fantastisch: Sie geben ihm das Kinderzimmer offiziell. Sie unterschreiben, dass es jetzt ihm gehört. Und im Gegenzug…“ – er machte eine kunstvolle Pause – „…verspricht er, nicht ins Wohnzimmer zu kommen. Zumindest vorerst.“
„Er hat das schon einmal versprochen“, flüsterte Olena. „Wir hatten einen Vertrag. Ein Schloss an der Tür, für das Sie und Ihre Freunde garantiert haben. Er hat es einfach eingetreten.“
„Das war das alte Schloss“, sagte der Händler glatt. „Ich bringe Ihnen ein neues Papier. Kein Schloss, keine Wache, aber ein sehr schönes Papier mit einer Sicherheitsgarantie. Wenn Sie nicht unterschreiben, nehme ich Ihnen auch noch den Knüppel weg, mit dem Sie die Tür verrammelt haben.“
Draußen, am Gartenzaun, stand Marek.
Marek war der Nachbar. Er wohnte im Haus gegenüber. Er zitterte. Er sah den Händler, er sah den Schlächter im Fenster, und er sah Olena.
Marek wusste: Wenn Olena das Kinderzimmer aufgibt, wird der Schlächter stärker. Er wird sich satt essen, seine Wunden heilen und dann, wenn der Händler längst wieder in seinem warmen Palast sitzt, wird er die dünne Wand zu Olenas Wohnzimmer einreißen.
Und wenn er mit Olena fertig ist, wird er über die Straße kommen. Zu Marek.
Marek wollte schreien: „Glaub ihm nicht!“, aber er hatte Angst, dass der Händler dann auch ihm den Schutz entzieht. Also schwieg er und hoffte, dass das Ungeheuer satt sein würde. Aber Ungeheuer sind nie satt.
Der Händler legte das Papier auf den staubigen Boden vor Olenas Füße.
„Es ist der einzige Weg zum Frieden“, sagte er salbungsvoll.
Olena blickte auf das Papier. Dann blickte sie zur Wand, hinter der das Scht-Scht-Scht verstummt war. Sie wusste, der Schlächter lauschte. Er kicherte leise. Er wusste, dass das Papier ihm die Zeit schenken würde, die er brauchte, um seine Axt zu finden.
„Das ist kein Frieden“, sagte Olena leise, und ihre Stimme brach. „Das ist der Moment, in dem Sie mir befehlen, mich hinzulegen und zu warten, bis er mir die Kehle durchschneidet.“
Der Händler zuckte mit den Schultern, drehte sich um und ging.
„Ich habe es versucht“, rief er über die Schulter. „Sie sind selbst schuld, wenn es blutig wird.“
Er stieg in sein glänzendes Auto. Er hörte nicht mehr, wie hinter ihm in der Wohnung das Holz der Tür splitterte, als der Schlächter, gestärkt durch die Hoffnungslosigkeit seiner Opfer, den nächsten Raum betrat.
Es wurde dunkel in Kyjiw. Und Marek, der Nachbar, löschte das Licht und betete, dass er nicht der Nächste sei. Aber er wusste, es war nur eine Frage der Zeit.



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