Trumps gefährliche Fehleinschätzung

​Wer glaubt, dass Sicherheit auf Papier gedruckt werden kann, hat die Geschichte vergessen. Der sogenannte Friedensplan, der aktuell durch die Medien geistert, ist militärisch und strategisch gesehen eine Bankrotterklärung für den Westen. Er ignoriert nicht nur die blutigen Lehren der Vergangenheit, sondern spielt mit dem Überleben einer ganzen Nation, nur um kurzfristige politische Punkte zu machen.

​Das wertlose Papier von 1994

​Man muss kein Historiker sein, um das Muster zu erkennen. Das Budapester Memorandum von 1994 sollte der Ukraine im Tausch gegen den Verzicht auf Atomwaffen Schutz garantieren. Die USA, Großbritannien und Russland unterschrieben. Das Ergebnis sehen wir heute: Ein Fünftel der Ukraine ist besetzt, die Städte liegen in Trümmern.

Die Glaubwürdigkeit amerikanischer Sicherheitszusagen ist seither massiv beschädigt. Wenn nun eine Trump-Regierung, die schon die NATO-Beistandspflicht immer wieder infrage stellt, neue „Garantien“ anbietet, ist das fast schon Hohn. In Europa weiß niemand, ob diese Zusagen morgen noch gelten oder ob sie per Tweet widerrufen werden. Sich darauf zu verlassen, wäre für Kyjiw kein Wagnis, sondern Selbstmord.

​Ein zynisches Ablenkungsmanöver?

​Betrachten wir das Ganze mal mit der gebotenen Kälte: Vielleicht ist dieser Plan gar nicht das Papier wert, auf dem er steht. Womöglich ist er eine klassische Nebelkerze.

Donald Trump steht unter Druck, weil er angeblich gerade die Epstein-Files freigibt – ein Thema, das ihm politisch extrem gefährlich werden könnte. Was liegt da näher, als einen medialen Aufschrei zu provozieren, indem man die Ukraine „unter den Bus wirft“? Und auch in Kyjiw gibt es Korruptionsprobleme im Regierungsapparat, von denen man gerne ablenken möchte.

Es ist gut möglich, dass hier Menschenleben als bloße Spielmasse dienen, um von schmutzigen innenpolitischen Wäschebergen abzulenken. Ein Scheingefecht auf dem Rücken der Soldaten an der Front. Das wäre an Zynismus kaum zu überbieten, ist aber im politischen Geschäft leider denkbar.

​Die nackte Angst vor der Auslöschung

​Doch abseits dieser Schachspiele ist die Realität für die Menschen in der Ukraine grausam und blutig. Der Widerstand der Ukrainer speist sich nicht aus Nationalstolz allein, sondern aus purer Todesangst.

Wir wissen, was in den besetzten Gebieten passiert. Es sind keine abstrakten „Verwaltungszonen“, es sind Orte des Schreckens. Die Berichte über russische Todeslisten, Folterkeller, Vergewaltigungen und die systematische Verschleppung von Zehntausenden Kindern nach Russland sind erdrückend.

Jeder Quadratmeter, den man an Russland abtritt, bedeutet, die dort lebenden Menschen der Willkür einer Diktatur auszuliefern. Ein „Frieden“, der diese Verbrechen ignoriert und belohnt, ist für die ukrainische Gesellschaft absolut inakzeptabel. Sie kämpfen, weil die Alternative nicht Frieden, sondern Vernichtung ihrer Identität und ihrer Familien ist.

​Strategischer Selbstmord

​Militärisch betrachtet wäre der Plan, die ukrainische Armee zu verkleinern und Gebiete abzutreten, der Anfang vom Ende.

  • Wehrlosigkeit: Eine auf 400.000 Mann begrenzte Armee ohne Langstreckenwaffen könnte einen erneuten russischen Angriff, nachdem Moskau seine Verluste ausgeglichen hat, nicht stoppen.
  • Belohnung des Aggressors: Putin würde lernen, dass sich Gewalt lohnt. Er würde die Atempause nutzen, um aufzurüsten und sich in zwei oder drei Jahren den Rest der Ukraine zu holen.
  • Gefahr für Europa: Wenn die Ukraine fällt, stehen russische Panzer direkt an der polnischen Grenze. Die Hemmschwelle für weitere Angriffe auf das Baltikum oder andere westliche Staaten würde drastisch sinken.

​Der programmierte Untergang

​Dieser Plan kann nicht funktionieren, weil er auf einer Illusion basiert: Dass Putin vertragstreu ist und die USA verlässliche Beschützer sind. Beides ist durch die Realität widerlegt. Würde Kyjiw diesen Bedingungen zustimmen, wäre es der eingeläutete Untergang der Ukraine als souveräner Staat. Es wäre kein Frieden, sondern lediglich die Kapitulation auf Raten vor einer brutalen Diktatur.


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Kommentare

6 Kommentare zu „Trumps gefährliche Fehleinschätzung“

  1. Lieber Marc,
    mir fällt es schwer, die harschen Worte zu lesen. Es stimmt, dass Gebietsverluste schmerzhaft und ungerecht sind. Aber was ist die Alternative? Weiterkämpfen? Eskalieren?
    Denkst Du auch so über Minsk II?
    Bist Du Dir sicher, dass Du weißt, warum Minsk II scheiterte?

    Hass kann man nicht mit Hass austreiben. Nur Liebe kann das.
    Dunkelheit kann man nicht mit Dunkelheit austreiben. Nur Licht kann das.
    Martin Luther King

    Sei herzlich gegrüßt,
    Dein Pettersson

  2. Avatar von Agricola
    Agricola

    Selbst die Bundeswehr hatte während des Kalten Krieges lediglich eine Stärke (Entschuldigung für den Ausdruck) von etwa 500.000 Mann. Da sollten die 400.000, die eine deutlich höhere Kampfkraft aufweisen als die damalige Bundeswehr, für die Ukraine auch reichen.
    Ich teile Ihre Angst vor dem Frieden nicht. Auch Rußland hat ein Interesse an einen dauerhaften Frieden. Die paar Quadratkilometer Ostukraine, um die es hier geht, waren vor dem Krieg überwiegend von Russen bewohnt und sind weitgehend zerstört. Wieviele Menschenleben sind die Ihrer Meinung nach wert? Ihr Wiederaufbau kostet zudem hunderte Milliarden. Die liegen selbst für die Russen nicht auf der Straße.

  3. ​Lieber Martin,
    ​ich persönlich halte mögliche Gebietsabtretungen nicht für das Problem. Wenn die USA dann belastbare Sicherheitsgarantien geben würden, könnte die Ukraine damit wahrscheinlich leben, obwohl sie erst mal das Problem hätte, dass sie laut Verfassung überhaupt keine Gebiete abtreten darf.

    ​Dazu müsste erst einmal die Verfassung geändert werden, und dazu bräuchte man erst mal Frieden, um das machen zu können.

    ​Das Problem ist, dass die USA aller Voraussicht nach keine belastbaren Sicherheitsgarantien geben werden, weil sie die bereits im Budapester Memorandum 1994 gegeben haben und man sieht, was es gebracht hat. Nicht allzu viel. Russland hat die Ukraine überfallen. Millionen von Flüchtlingen, Millionen von Binnenflüchtlingen.

    ​Deswegen ist das Vertrauen in mutmaßliche Sicherheitsgarantien der USA ziemlich gering.

    ​Und das Vertrauen in irgendetwas, was Russland unter Putin zusagt, ist unterirdisch.

    ​Die Währung ist hier das Vertrauen. Und das Vertrauen ist einfach nicht da. In Russland schon gleich dreimal nicht. Und in die USA nur bedingt.

    ​Das ist das größte Problem an der ganzen Sache.

    ​Und wenn Russland die besagten Gebiete der Ukraine bekommen sollte, müsste sich das ukrainische Militär zurückziehen, hinter die von ihm selbst stark befestigten, militärischen Befestigungen. Man würde also das Bollwerk, mit dem man sich nun seit vier Jahren vor der russischen Vollinvasion schützt, den Russen überlassen. Ein schlechter Witz.

    ​Fahr mal nach Kyjiw oder Lemberg oder: Ternopil, wo gestern russische Bomben ein großes neues Hochhaus mit Wohnungen zerstört haben und viele Menschen ums Leben gekommen sind. Ich kriege leider zu viel mit aus der Ukraine, um da distanziert wie du davon zu träumen, dass man einem faschistischen Aggressor wie Putin und seinem Regime einfach nur mit Liebe begegnen muss, um es zu stoppen. Putin wird nicht stoppen. Schon gar nicht mit vagen Sicherheitsgarantien der USA. Denn die USA haben die Sicherheitsgarantien, die die Ukraine vor eben einer solchen Invasion bewahren sollten, aus dem Budapester Memorandum überhaupt nicht eingehalten, sondern nur ansatzweise ein bisschen erfüllt. Aber das reicht eben nicht.

  4. ​Hallo Agricola,
    ​Ihr Vergleich der ukrainischen Armee mit der Bundeswehr im Kalten Krieg ist nicht nur militärisch schief, er ist gefährlich naiv. Die Bundeswehr war fest eingebunden in das NATO-Bündnis, flankiert von Hunderttausenden alliierten Soldaten (USA, UK, Frankreich) auf deutschem Boden und unter einem nuklearen Schutzschirm. Die Ukraine kämpft jedoch allein an einer über 1.000 Kilometer langen, aktiven Front gegen eine numerische Übermacht, die keinerlei Regeln achtet. 400.000 Mann ohne moderne Fernwaffen und Luftüberlegenheit sind gegen eine russische Massenmobilisierung schlichtweg Kanonenfutter.

    ​Zu behaupten, Russland habe ein Interesse an einem „dauerhaften Frieden“, ignoriert sämtliche Lehren der Geschichte seit Putin an der Macht ist. Transnistrien, Georgien, die Krim, der Donbas: Jedes Abkommen war für den Kreml nie das Ende des Konflikts, sondern nur eine strategische Atempause, um neu aufzurüsten und beim nächsten Mal härter zuzuschlagen. Wer glaubt, Putin würde sich mit einem Teil zufrieden geben, verkennt seine imperiale Ideologie, die der Ukraine das Existenzrecht abspricht.

    ​Und Ihre Aussage zu den „paar Quadratkilometern“ ist purer Zynismus. Wir sprechen hier von einem Gebiet, das etwa so groß ist wie Portugal oder Österreich. Dass diese Gebiete „überwiegend von Russen“ bewohnt waren, ist ein Narrativ der russischen Propaganda. Dort lebten mehrheitlich russischsprachige Ukrainer, die sich nun am heftigsten gegen die „Befreiung“ wehren, weil sie ihre Heimat verlieren.

    ​Die perfideste Frage ist jedoch die nach den Menschenleben. Sie implizieren, dass eine Kapitulation (denn nichts anderes ist Gebietsabtretung ohne Sicherheitsgarantien) Leben retten würde. Die Realität in Butscha, Isjum und Mariupol zeigt das Gegenteil: Sobald die Waffen schweigen und die Besatzung beginnt, folgen Verschleppung, Folter und Exekutionen. Ein „Frieden“ zu russischen Bedingungen rettet keine Leben, er liefert die Zivilbevölkerung schutzlos dem Terror aus.

    ​Der Wiederaufbau mag Milliarden kosten, aber die Freiheit und Sicherheit Europas sind mit Geld nicht aufzuwiegen. Wenn die Ukraine fällt, wird der Preis, den wir alle zahlen müssen, ungleich höher sein.

  5. Ich kann Dich verstehen, Marc. Die Frage ist aber was ist der Weg zum Frieden. Was ist zu tun? Weiterkämpfen? Eskalieren? Macht die Ukraine das nicht seit Jahren? Glaubst Du daran, dass es möglich ist den Krieg zu gewinnen ohne einen Weltkrieg anzuzetteln?

    Mir tut die Ukraine unendlich leid und ich verurteile den Angriff durch Russland auf das Schärfste.

    Aber was ist der Weg (Joh 14,6!).

    Ich würde Dir gern meinen überarbeiteten Entwurf zum Thema Feindesliebe schicken. Der Abend im Männerkreis war ein Fiasko, aber ich hoffe ich bin in dem Entwurf für einen Blog Beitrag klarer und nachvollziehbarer geworden. Darf ich?

  6. Lieber Martin,
    ​natürlich darfst du mir deinen Entwurf jederzeit zuschicken. Her damit! Ich bin gespannt, wie du deine Gedanken dazu neu geordnet hast.

    ​Aber ich muss hier eines ganz deutlich geraderücken, weil deine Fragen auf einer falschen Annahme beruhen:

    Die Ukraine „eskaliert“ nicht. Sie verteidigt ihr nacktes Überleben. Wer sich gegen einen brutalen Überfall wehrt, ist nicht derjenige, der den Krieg vorantreibt. Die Ukraine kämpft seit Jahren nicht aus Wahl, sondern weil sie muss, um nicht ausgelöscht zu werden. Das ist ein gewaltiger Unterschied.

    ​Die Sorge vor einem Weltkrieg ist verständlich, aber die Geschichte lehrt uns: Diktatoren stoppen nicht, wenn man ihnen nachgibt. Sie machen weiter. Einen „Sieg“ ohne Weltkrieg gibt es nur, wenn wir Putin zeigen, dass sich Aggression nicht lohnt. Wenn die Ukraine fällt, rückt der große Konflikt nicht ferner, sondern bedrohlich näher an uns heran.

    ​Und zu Johannes 14,6: Jesu Weg ist die Wahrheit und das Leben. Das bedeutet aber nicht, dass man dem Unrecht tatenlos zusehen darf, während es Unschuldige vernichtet.

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