
Es war das Jahr 2097, und die Welt hatte sich verändert. Kein Diebstahl. Keine Lügen. Kein Neid. Die Menschen hielten sich an die Zehn Gebote – ausnahmslos. Das bedeutete: kein Mord, keine Kriege, kein Betrug.
Die goldene Stadt
Die Stadt Nova Lux war der Mittelpunkt dieser neuen Welt. Hochhäuser aus strahlendem Glas ragten in den Himmel, doch nicht einer war mit gestohlenem Geld gebaut. Reichtum bedeutete nicht mehr Macht über andere, sondern wurde geteilt. Niemand musste hungern, denn jeder half dem anderen.
Polizisten? Überflüssig. Es gab keine Verbrechen. Anwälte? Brauchte niemand. Verträge wurden nicht einmal mehr auf Papier geschrieben – ein gegebenes Wort war unerschütterlich.
Doch nicht alle sahen diese Welt als Paradies.
Der Mann im Schatten
Am Rand der Stadt, in einer kleinen Wohnung, saß Elias. Er war einer der wenigen, die sich noch an die alte Welt erinnerten.
„Manchmal vermisse ich es, einfach Unsinn zu reden“, sagte er und lachte bitter.
Sein Freund Tarek schüttelte den Kopf. „Du vermisst das Lügen? Echt jetzt?“
Elias zuckte mit den Schultern. „Nicht das Lügen an sich, aber… Fantasie, Geschichten – sie haben alle Regeln. Was ist mit Kunst? Was ist mit Überraschungen? Jemandem eine geheime Party schmeißen geht nicht mehr, weil man immer die Wahrheit sagen muss.“
Tarek seufzte. „Aber dafür gibt es keine Kriege mehr. Niemand wird ausgebeutet. Die Welt ist endlich gerecht.“
Das Problem mit der Wahrheit
Elias konnte es nicht leugnen: Die Welt war besser geworden. Aber war sie auch menschlicher?
Ein Leben ohne Lügen bedeutete, dass niemand mehr Komplimente aus Höflichkeit machte. Wenn jemand etwas Dummes sagte, wurde es ihm sofort gesagt – ungeschönt.
Neid existierte nicht mehr, weil niemand versuchte, mehr zu haben als der andere. Doch bedeutete das nicht auch, dass niemand mehr nach Großem strebte?
Liebe? Sie war ehrlich, ja. Aber auch hart. „Ich liebe dich nicht mehr“ – diese Worte konnte niemand mehr verschweigen.
Die Entscheidung
Eines Nachts stand Elias auf einem der Türme von Nova Lux und blickte auf die perfekte, glänzende Stadt.
„Ist das noch Freiheit?“, murmelte er.
Er wusste, dass er keinen Weg zurück hatte. Die Menschen hatten entschieden. Die Gebote galten für alle, und wer dagegen verstieß, tat es nicht aus Bosheit – sondern aus Schwäche. Und Schwäche war etwas, das sich die neue Welt nicht leisten konnte.
Mit einem letzten Blick auf die Stadt drehte sich Elias um. Er würde weiterleben, sich anpassen. Aber in seinem Herzen wusste er: Etwas Entscheidendes war verloren gegangen.



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