Ein Buch ist ein Buch, oder?

Der junge Herr Friedrich war, was man gemeinhin einen angenehmen und bemühten Kollegen nannte. Er lachte über die Witze seiner Vorgesetzten, brachte Kuchen mit und war stets tadellos gekleidet. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis Herr Fromm aus der Buchhaltung auf ihn aufmerksam wurde. Herr Fromm, ein Mann, dessen Gesichtsfalten von ernster Frömmigkeit gezeichnet waren, sah in Friedrichs jugendlicher Unbekümmertheit eine Seele, die es zu gewinnen galt. „Herr Friedrich“, sprach er ihn eines Tages am Kaffeeautomaten an, seine Stimme ein verschwörerisches Flüstern. „Wir veranstalten einen kleinen, gemütlichen Hauskreis. Bibellesung, Gebet, ein wenig Gemeinschaft. Es wäre uns eine außerordentliche Freude, Sie begrüßen zu dürfen.“ Herr Friedrich, der einer Einladung so schlecht widerstehen konnte wie einem kostenlosen Kugelschreiber, sagte hocherfreut zu. Er hielt es für eine heilige Pflicht, sich vorzubereiten. Ein Hauskreis über die Bibel ohne Bibel? Undenkbar. Also machte er sich am Freitagnachmittag auf den Weg in die örtliche Buchhandlung, um das Buch der Bücher zu erwerben. Im Trubel des Feierabendgeschäfts griff er zielsicher nach einem prachtvollen, in Leder gebundenen Exemplar mit goldener Schrift. Er überflog den Titel, den er für eine besonders kunstvolle Ausgabe hielt, bezahlte und machte sich zufrieden auf den Heimweg. Er bemerkte seinen verhängnisvollen Fehler nicht.

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Als Herr Friedrich am Abend an der Tür der Fromms klingelte, wurde er mit einer Welle aus aufdringlicher Herzlichkeit empfangen. Der Geruch von Filterkaffee und Apfelkuchen hing schwer in der Luft. Man führte ihn ins Wohnzimmer, wo bereits ein halbes Dutzend Menschen im Kreis saß, die Gesichter von einer fast schon schmerzhaften Erwartung erfüllt. „Nehmen Sie Platz, lieber Herr Friedrich!“, säuselte Frau Fromm und deutete auf einen freien Stuhl. Herr Friedrich setzte sich, lächelte in die Runde und legte sein erworbenes Buch mit einem leisen Klatschen auf den Beistelltisch. „Der Koran“, stand dort in eleganten, goldenen Lettern. Einen Moment lang gefror die Zeit im Wohnzimmer der Fromms. Das Lächeln in den Gesichtern der Anwesenden wurde brüchig und eisig. Ein älterer Herr namens Eifrig verschluckte sich an seinem Kaffee. Frau Sorge rang sichtbar nach Luft. Doch Herr Fromm, der Gastgeber, füllte die Stille mit einer beeindruckenden Demonstration christlicher Nächstenliebe. „Ein… ein interessantes Buch, Herr Friedrich“, sagte er mit einem gequälten Lächeln. „Sehr… historisch. Wunderbar. Dann fangen wir doch direkt an. Heute auf dem Programm: Das erste Buch Mose.“

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Was folgte, war keine Bibellese, sondern eine generalstabsmäßig geplante Rettungsmission. Jeder Redebeitrag war ein kaum verhüllter Versuch, Friedrich zurück auf den Pfad der Tugend zu zerren. „Wie der Herr im Garten Eden klare Regeln aufstellte“, begann Herr Fromm und sah Friedrich bedeutungsvoll an, „so gibt es auch für den Glauben nur einen wahren Weg (Johannes 14,6).“ Herr Friedrich, in seiner Ahnungslosigkeit unerschütterlich, nickte begeistert und blätterte in seinem Buch. „Faszinierend! Auch hier gibt es sehr deutliche Anweisungen für die Gläubigen. Zum Beispiel beim Fasten (vgl. Sure 2, Vers 183). Sehr diszipliniert!“ Die Gruppe zuckte zusammen. Frau Sorge schob Friedrich ein weiteres Stück Kuchen hin. „Essen Sie, junger Mann. Unser Herr will, dass wir die Fülle des Lebens genießen (Johannes 10,10). Nicht darben.“ Im Laufe des Abends entpuppte sich der Kreis als Hort pietistischer Prinzipientreue. Man diskutierte erhitzt darüber, ob der heidnische Gartenzwerg des Nachbarn als „geschnitztes Bild“ zu werten sei (2. Mose 20,4) und ob man verpflichtet sei, ihn zu zerstören. Herr Eifrig vertrat die Meinung, dass das Tragen von Kleidung aus Baumwolle und Polyester ein Gräuel sei, da man nicht zweierlei Garn mischen dürfe (3. Mose 19,19). Die Debatte gipfelte in der Frage, ob man einen Kollegen, der am Sabbat seinen Rasen mäht, zumindest verbal steinigen sollte (in Anlehnung an 4. Mose 15,32-36).

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Herr Friedrich lauschte den Ausführungen mit höflichem Interesse. Er sah die glühenden Augen, die erbitterten Debatten und hielt das alles für eine besonders leidenschaftliche Form der Textanalyse. Als die Uhr zehn schlug, erhob er sich. „Meine sehr verehrten Damen und Herren, Herr Fromm, ich danke Ihnen von Herzen für diesen aufschlussreichen Abend. Die Intensität Ihrer Diskussionen ist wirklich bemerkenswert.“ Er griff nach seinem Koran und schob ihn unter den Arm. Die Gruppe starrte ihn an, die Gesichter eine Mischung aus Verzweiflung und missionarischem Eifer. „Es war wirklich sehr anregend“, fuhr Friedrich fort und trat zur Tür. „Ich werde über all das gründlich nachdenken.“ Er lächelte seine charmanteste Lächeln. „Vielleicht, wenn es sich ergibt, schaue ich irgendwann ein weiteres Mal vorbei.“ Die Tür fiel ins Schloss und ließ einen Hauskreis zurück, der nun ein neues, göttliches Projekt hatte: Die Rettung der so furchtbar verlorenen und doch so höflichen Seele des Herrn Friedrich.


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