Shalom

Sehen Sie hier eine Andacht von Dekan Walter Jungbauer aus der altkatholischen Kirche.

Ich stelle heute das Thema ‘Frieden’ in den Mittelpunkt meiner Sonntagsgedanken.

Der Text aus dem Buch des Propheten Sacharja legt es nahe.

Und es ist ein Thema, mit dem wir uns immer wieder beschäftigen müssen – gerade auch in unseren Tagen.

Denn Christus ist unser Friedenskönig.

Und unser Gott ist nicht ein Gott von Krieg und Gewalt, sondern ein Gott der Versöhnung und der Gemeinschaft.

Hier eine Transkription dieser Andacht:

[00:08] Die traurigen Nachrichten scheinen kein Ende zu nehmen. Seit über 1500 Tagen Krieg in der Ukraine. Seit mehr als 1000 Tagen Krieg im Nahen Osten. Bilder von zerstörten Häusern, von Menschen auf der Flucht, von Kindern, die Gewalt erleben, von Trauer und Angst.

[00:34] Zugleich erleben wir einen anderen Krieg: einen Krieg gegen die Schöpfung. Hitzewellen belasten uns, Wälder brennen, Meere erwärmen sich, Arten verschwinden, Böden trocknen aus, Wüsten entstehen. Oft handeln wir, als wäre die Erde ein Gegner, den wir besiegen müssten, statt ein Geschenk, das uns anvertraut ist und mit dem wir pfleglich umgehen müssen – schon allein, weil sie unsere Lebensgrundlage ist.

[01:07] In diese Welt hinein hören wir die Worte des Propheten Sacharija: „Siehe, dein König kommt zu dir. Demütig ist er und reitet auf einem Esel.“ Was für ein Gegenbild! Kein Herrscher auf einem Streitwagen, kein Feldherr ohne Waffen, keine Demonstration militärischer Stärke. Der König Gottes kommt ohne Gewalt, ohne Macht. Seine Macht besteht nicht darin, andere niederzuwerfen, sondern Leben zu bewahren.

[01:46] Sacharija geht sogar noch weiter. Gott selbst schafft die Waffen ab: „Ausmerzen werde ich die Streitwagen. Ausgemerzt wird der Kriegsbogen.“ Das ist keine romantische Verklärung der Wirklichkeit. Der Prophet kennt Gewalt. Er weiß, wie Kriege Menschen zerstören. Gerade deshalb wagt er eine Vision: Frieden entsteht nicht dadurch, dass eine Seite die andere endgültig besiegt. Frieden beginnt dort, wo der Kreislauf der Gewalt durchbrochen wird. Das ist ein hoher Anspruch.

[02:32] Gerade angesichts der Kriege unserer Zeit stellt sich die Frage: Darf man überhaupt so sprechen? Menschen, die angegriffen werden, haben doch das Recht, sich zu verteidigen. Wer Opfer von Gewalt ist, darf nicht alleingelassen werden. Frieden bedeutet nicht, Unrecht hinzunehmen. Deshalb kann ein Waffenstillstand allein noch kein gerechter Frieden sein, wenn Gewalt nur eingefroren wird, Unterdrückung aber bestehen bleibt.

[03:08] Die Bibel kennt dafür ein viel umfassenderes Wort: Shalom. Shalom bedeutet weit mehr als die Abwesenheit von Krieg. Shalom meint heilvolle Beziehungen zwischen Menschen, zwischen Völkern, zwischen Mensch und Gott und auch zwischen Mensch und der Schöpfung. Shalom heißt: Gerechtigkeit wächst, Würde wird geachtet, Angst verliert ihre Macht. Niemand muss um sein Leben oder seine Zukunft fürchten. Shalom ist der Inbegriff der Zuwendung des göttlichen Heils.

[03:53] Wir alle tragen die Sehnsucht nach diesem Shalom, nach dem umfassenden Frieden Gottes in uns. Eine Sehnsucht, die in unseren Gottesdiensten immer wieder ihren Raum haben soll, wenn wir um Frieden beten oder uns darum bemühen, Versöhnung zu stiften. Mit einem Waffenstillstand im realen wie auch im übertragenen Sinne dürfen wir uns daher nie zufriedengeben. Ein Waffenstillstand kann notwendig und lebensrettend sein, aber Gottes Ziel reicht weiter. Gottes Ziel ist Versöhnung, Gerechtigkeit und ein Leben, in dem Mensch und Schöpfung aufatmen können.

[04:39] Es betrifft nicht nur die großen Konflikte der Welt, es betrifft auch unseren Alltag. Wo Worte verletzen, beginnt Unfriede. Wo Menschen ausgegrenzt werden, beginnt Gewalt. Wo wirtschaftlicher Gewinn wichtiger wird als die Bewahrung der Schöpfung, führen wir Krieg gegen das eigene Leben. Wo wir gleichgültig werden gegenüber dem Leid anderer, verliert der Friede seinen Boden. Darum ist Frieden nie nur Aufgabe von Regierungen oder Diplomatinnen und Diplomaten. Frieden beginnt in unseren Herzen, in unseren Familien, in unseren Gemeinden und in unserem Umgang mit der uns anvertrauten Schöpfung.

[05:41] Damit sind wir bei einer möglicherweise unbequemen Frage: Wie glaubwürdig sind wir Christinnen und Christen? Vielleicht hat das Bild, welches der Prophet Sacharija verwendet, die eine oder den anderen an Palmsonntag erinnert – an den Einzug Jesu in Jerusalem als ein Friedenskönig. Wir nennen uns Nachfolgerinnen und Nachfolger dieses Mannes, der auf einem Esel in Jerusalem einzog und nicht auf einem Streitross. Wir feiern den, der Feindesliebe predigte und Gewalt nicht vergöttlichte.

[06:22] Doch wie oft prägen auch uns Härte, Rechthaberei oder Gleichgültigkeit? Wie oft reden wir vom Frieden, ohne selbst Friedensstifterinnen oder Friedensstifter zu sein? Die Glaubwürdigkeit des christlichen Glaubens entscheidet sich nicht zuerst an großen Worten, sondern sie entscheidet sich an einem Leben, das von Gottes Frieden geprägt ist. Das ist auch eine Frage der Wahrhaftigkeit unseres Glaubens uns selbst gegenüber.

[07:02] Glaubwürdig sind wir daher, wenn wir Hass nicht weitertragen, wenn wir Menschen nicht nach Herkunft, Religion oder Meinung entwerten, wenn wir Verantwortung für die Schöpfung übernehmen durch einen Lebensstil, der Rücksicht nimmt, statt auszubeuten, wenn wir für die Opfer von Krieg beten und zugleich fragen, was wir konkret tun können – durch Spenden, Gastfreundschaft, politisches Engagement oder die Unterstützung von Versöhnungsarbeit. Der Friede Gottes ist niemals bequem. Er fordert uns heraus. Er verändert Prioritäten. Er lässt uns nicht in der Zuschauerinnen- bzw. Zuschauerrolle.

[07:53] Und doch endet die Botschaft des Prophets Sacharija nicht mit einer Forderung, sondern mit einer Verheißung: Er wird den Nationen Frieden verkünden. Der umfassende Friede ist letztlich Gottes Werk. Wir können ihn nicht herstellen wie ein technisches Projekt, aber wir können uns ihm öffnen. Wir können Werkzeuge dieses Friedens werden. Wir können heute Entscheidungen treffen, die dem Shalom Raum geben. Vielleicht erscheint das klein angesichts der Kriege unserer Zeit. Aber jeder gerechte Frieden beginnt mit Menschen, die sich weigern, den Hass zum letzten Wort werden zu lassen.

[08:44] Vor dem Friedensgruß zitiere ich im Gottesdienst immer einen Satz aus dem Brief an die Gemeinde in Kolossä: „In euren Herzen herrsche der Friede Christi. Dazu seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes.“ Ich werde den Brief auch im Gottesdienst dieses Sonntags wieder zitieren. Dieses Zitat ist nicht nur eine liturgische Floskel zur Einleitung des Friedensgrußes. Es ist für uns Christinnen und Christen immer wieder auch eine Aufforderung der Heiligen Schrift, neu mit dem Frieden, dem Shalom, zu beginnen – vor allem dort, wo Unfriede regiert. Wir sollen uns immer wieder ein warmes und lebendiges Herz einpflanzen lassen, wo es, warum auch immer, möglicherweise hart geworden ist oder hart zu werden droht.

[09:43] Der Glaube an Gott bewährt sich im Miteinander, in der Gemeinschaft als Glieder des einen Leibes Christi innerhalb einer Gemeinde, innerhalb einer Kirche, zwischen den Konfessionen, trotz allem, was uns trennen mag. So leben wir aus der Hoffnung, dass Gottes Zukunft stärker ist als die Gewalt der Gegenwart, dass Schwerter nicht für immer Schwerter bleiben, dass aus Feindschaft Versöhnung werden kann, dass die Schöpfung nicht dem Untergang, sondern der Erneuerung entgegengeht.

[10:26] Der König auf dem Esel, auf den wir uns berufen, erinnert uns daran, welche Macht am Ende Bestand hat: nicht die Macht der Waffen, sondern die Macht der Liebe, der Gerechtigkeit und des Friedens. Möge Gott uns den Mut schenken, glaubwürdige Zeuginnen und Zeugen dieses Friedens zu sein – im Kleinen wie im Großen.

[11:04] Wenn euch die Gedanken in diesem Video gute Anregungen für das eigene Nachdenken waren, freue ich mich über ein Like unter diesem Video, und gerne dürft ihr diesen Kanal auch abonnieren. Ich freue mich, wenn ihr beim nächsten Video wieder mit dabei seid. Bis zum nächsten Mal. Tschüss!


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