De ratione entis – Über die Ursache des Seienden

Wenn wir, o ihr Weisen, den Blick in die Unermesslichkeit des Kosmos richten und das Sein selbst betrachten, so stellt sich die ehrfurchtgebietende Frage: Warum ist überhaupt etwas, und nicht vielmehr nichts? Ist es Zufall oder Notwendigkeit, dass die Welt besteht? Ist sie von einer göttlichen Hand gelenkt, oder ist sie das blinde Werk der Natur?

Die Ordnung der Dinge

Wer die Beschaffenheit des Universums untersucht, der erkennt Ordnung, Gesetz und Beständigkeit. Der unablässige Wechsel von Tag und Nacht, das regelmäßige Kreisen der Gestirne, die wunderbare Harmonie der Natur – all dies kann nicht bloß ein zufälliges Spiel des Chaos sein. Denn wo Ordnung herrscht, da muss eine Ursache sein, und wo Gesetzmäßigkeit besteht, da ist ein Gesetzgeber nicht fern.

Doch ist diese Ursache in sich selbst gegründet oder außerhalb ihrer selbst? Die einen sprechen von einer ewigen Materie, die sich aus sich selbst heraus formt; die anderen von einem höchsten Geist, der allem Dasein seinen Ursprung gab. Ich aber frage: Wenn es ein Prinzip des Seins gibt, wie könnte dieses je nicht sein? Denn wenn es je nicht gewesen wäre, so wäre es auch jetzt nicht – und doch sind wir.

Das Wesen des Nichts

Manche meinen, das Nichts sei der ursprüngliche Zustand aller Dinge gewesen. Doch kann es wahrhaftig ein Nichts geben? Denn das Nichts ist nicht, und was nicht ist, kann nicht sein. Daher ist die Vorstellung eines absoluten Nichts ein Widerspruch in sich. Wenn also jemals nichts gewesen wäre, dann wäre auch jetzt nichts – und doch existieren wir, betrachten die Welt, denken über sie nach.

Der Ursprung des Seins

Daraus folgt: Es muss immer schon etwas gegeben haben. Entweder eine ewige Materie, die sich selbst formt, oder einen ewigen Geist, der sie gestaltet. Wer die Schönheit und Ordnung der Dinge betrachtet, dem erscheint es wenig wahrscheinlich, dass sich das Höchste aus dem Zufälligsten erhebt. Denn das Vernünftige kann nicht aus dem Unvernünftigen entspringen, das Vollkommene nicht aus dem Chaos.

So kehren wir zurück zur Frage: Warum gibt es überhaupt etwas? Weil das Sein nicht aus dem Nichtsein entspringen kann. Weil es ein Prinzip gibt, das ewig ist, das immer war und immer sein wird. Ob es nun Geist oder Urstoff ist – das lässt sich ergründen. Doch dass etwas ist, das steht fester als alle Zweifel.


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