Sehen Sie hier eine Andacht von Dekan Walter Jungbauer aus der altkatholischen Kirche.
Mit der heutigen Lesung aus dem Johannes-Evangelium befinden wir uns mitten im so genannten Nikodemus-Gespräch.
Eine spannende Geschichte, in der es um Heil und Heilung geht, um Gemeinschaft.
Die Trennung zwischen Gott und Mensch soll aufgehoben werden. Und Gott kommt uns dazu entgegen.
Ein paar Gedanken zum Sonntag Dreifaltigkeit.

Transkription der Andacht:
Manchmal finde ich es spannend, beim Abfassen eines Evangeliums dabei gewesen zu sein. Wie ist der Evangelist vorgegangen? Hat er sich an einen Schreibtisch gesetzt und irgendwelche Unterlagen mit Erzählungen über Jesus vor sich gehabt, oder waren ihm vor allem mündliche Überlieferungen bekannt, die er sich gemerkt hat, um sie nun zu Papier zu bringen? Und was hat den Autor oder möglicherweise auch die Autorin bewegt, gerade auch im Blick auf die Personen, für welche sie oder er das entsprechende Evangelium niedergeschrieben hat?
Beim Johannesevangelium, aus dem wir im heutigen Gottesdienst einen kleinen Abschnitt hören können, dürften wir es sogar mit einem Urautor und mehreren redaktionell arbeitenden Personen zu tun haben. Entstanden ist dieses Evangelium etwa um die erste Jahrhundertwende und ist damit das jüngste der in unserer Bibel überlieferten Evangelien. Vor dem Hintergrund einiger Parallelen wird vermutet, dass die Verfasser des Johannesevangeliums mit dem Markusevangelium die älteste überlieferte Jesus-Erzählung gekannt haben dürften. Wahrscheinlich waren aber ebenfalls das Lukas- und das Matthäusevangelium bekannt. In jedem Fall ist dieses Johannesevangelium dennoch eine sehr eigene Kreation geworden, die unter anderem mit vielen nur bei Johannes vorkommenden Erzählungen im Kontext der vier Evangelien etwas aus dem Rahmen fällt. Man erkennt, dass hier bereits theologisch gearbeitet wurde. Es wird dann häufig einiges ein wenig schwieriger. Das Johannesevangelium ist daher eher eine erzählerische Meditation über die religiöse Bedeutung Jesu als eine historische Quelle, wie dies ein Kommentar ausdrückt.
Der Ausschnitt, den wir heute hören können, sind ein paar wenige Verse aus dem sogenannten Nikodemusgespräch. Ein Gespräch bei Nacht und in aller Heimlichkeit, denn der Nikodemus der Johanneserzählung war Pharisäer und nur in aller Verborgenheit ein Anhänger Jesu. In diesem Nikodemusgespräch spiegelt sich die Spannung, in der sich die johanneische Gemeinde zu jenem Zeitpunkt befindet. Es ist die Situation im Entstehungsprozess der eigenständigen christlichen Religion, welche zwar im Judentum ihre Wurzeln hat und behält, aber dann doch eine immer eigenständigere Perspektive auf diesen Jesus von Nazareth entwickelt.
Es ist zwar wahrscheinlich noch nicht die Vorstellung von einem dreieinigen Gott, wie sie sich dann im Glaubensbekenntnis der ökumenischen Konzilien von Nicäa und Konstantinopel niederschlägt und wie sie uns heute am Sonntag Dreifaltigkeit besonders vor Augen steht. Aber es wird schon deutlich, dass die jüdische Vorstellung vom Messias Gottes, vom erwarteten Erlöser, vom Gesalbten Christus und von dem mit der messianischen Zeit erwarteten Endzeitgericht einen ganz neuen und wesentlich anderen Akzent bekommt und dass Jesus als dem fleischgewordenen Wort Gottes eine nicht nur menschliche Natur zugeschrieben wird.
Dazu wird Nikodemus im Johannesevangelium als ein Pharisäer geschildert, der, wie erwähnt, sehr mit Jesus und seiner Botschaft sympathisiert, ja ihn sogar später gegenüber jüdischen Autoritäten verteidigt und selbst noch bei der Grablegung zugegen ist und beträchtliche Mengen an Myrrhe und Aloe zur Salbung des Leichnams beiträgt, der letztlich aber die Worte Jesu nicht wirklich versteht. Er steht damit als ein Repräsentant für den judenchristlichen Teil der johanneischen Gemeinde, der noch an den jüdischen Vorstellungen festhängt und nicht davon loslassen kann. Im Blick auf die Nacht und die Heimlichkeit, in der das Gespräch stattfindet, erzählt dieses Nikodemusgespräch auch davon, dass diese Personen aus dem judenchristlichen Bereich der Gemeinde auch sehr davor zurückscheuen, sich aus der traditionellen Synagogengemeinde zu verabschieden und sich offen zu Christus zu bekennen – wahrscheinlich, weil ein solcher Schritt dramatische gesellschaftliche und soziale Folgen gehabt und die gesamten Lebensverhältnisse einschneidend verändert hätte.
Durch unseren Textabschnitt wird zudem auch eine innerchristliche Entwicklung deutlich, die noch über die Veränderung des Gottesbildes hinausgeht. So verabschiedet sich das Christentum mehr und mehr von der Erwartung der unmittelbaren Wiederkunft Christi, davon, dass die Apokalypse, die Endzeit und das Endzeitgericht direkt bevorstehen. Gerade die wenigen Verse, die wir heute aus dem Nikodemusgespräch erzählt bekommen, rufen dazu auf, sich von der Endzeiterwartung abzuwenden und auf das zu schauen, was die eigentliche Botschaft Jesu ist, worauf es eigentlich ankommt. Das ist die Botschaft des Heils, der Rettung, die Botschaft der Versöhnung zwischen Gott und den Menschen. Und diese Rettung, sie verheißt mehr als ein Nach-dem-Tod-in-den-Himmel-Kommen. Sie verheißt vielmehr eine neue Beziehung zu Gott, ein Herausfinden aus der Trennung von Gott. Diese Rettung verheißt die Zusage, dass wir Gottes Wirklichkeit in aller Brüchigkeit begrenzter menschlicher Erfahrungsfähigkeit in dieser Welt erleben können.
Und zwar nicht dadurch, dass wir uns zu Gott hocharbeiten, sondern dadurch, dass Gott den Menschen entgegenkommt. Der Mensch muss sich lediglich diesem Erleben öffnen. Gott will den Menschen so entgegenkommen, wie er es in Jesus Christus als Mensch unter Menschen in ganz besonderer Weise getan hat: In Hingabe, in Verwundbarkeit, in Liebe. Eine solche Rettung, eine solche Versöhnung ist kein bloßer juristischer Freispruch, sondern die Wiederherstellung von Gemeinschaft. Gottes Wille ist, wie es das heutige Evangelium ausdrückt, nicht das Gericht, sondern die Rettung.
Das Gericht zieht der Mensch sich als sein eigener Richter selbst zu, wenn er sich dem Licht Gottes nicht öffnet, also Jesus, seiner Botschaft, nicht vertraut. Diese Aussage wird bestärkt durch die Verse, die sich unmittelbar an unseren Text anschließen: Denn darin besteht das Gericht. Das Licht kam in die Welt, doch die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; ihre Taten waren böse. Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Taten in Gott vollbracht sind.
Anders ausgedrückt: Wer sich vom Leben und von der Liebe abwendet, wer nur auf sich selbst schaut, ausschließlich den eigenen Vorteil sucht und sich selbst vergöttert, richtet sich selbst. Denn er verliert jede echte Gemeinschaft mit seinen Nächsten, jede wahrhaftige Gemeinschaft mit Freundinnen und Freunden, jede Gemeinschaft, die von Liebe getragen wird. Letztlich auch die Gemeinschaft mit Gott, denn die Gemeinschaft, die er dann noch hat, besteht aus Menschen, die ihn nicht um seiner selbst willen lieben und schätzen, sondern lediglich wegen seiner Macht und seines Reichtums. Letztlich ist er dann trotz aller Hofschranzen, Schmeichler und Speichellecker, die ihn umgeben mögen, der einsamste aller Menschen auf diesem Erdball.
Vielleicht ist Gemeinschaft daher auch eines der großen und wunderbaren Geheimnisse der Vorstellung von einem dreifaltigen Gott. Sie hat für uns eine zutiefst wertvolle Bedeutung. Das Wesen Gottes ist eine durch das Band der Liebe untrennbar miteinander verschlungene Gemeinschaft, eine vollständige gegenseitige Durchdringung, die zu einer Einheit ohne Verschmelzung führt, eine sogenannte Perichorese. Diese Vorstellung von der Perichorese wird in der griechisch-orthodoxen Theologie darüber hinausgehend sogar noch auf das Verhältnis von Gott und Mensch übertragen. Auch zwischen Mensch und Gott besteht ein Verhältnis der gegenseitigen Durchdringung. Im Sinne einer wechselseitigen Teilhabe ist Gott in uns und wir sind in Gott. Aufgrund unserer menschlichen Kreatürlichkeit sind wir allerdings zugleich getrennt. Durch die Gabe des Gottesgeistes, die wir in der letzten Woche an Pfingsten besonders gefeiert haben, haben wir jedoch die Möglichkeit, uns in Meditation, Stille und Gebet Gott so zu nähern, dass wir die Erfahrung Gottes machen können.
Ein Mensch, der von solch einer Erfahrung bewegt ist, die man nicht durch Leistung und auch nicht durch noch so viel Geld erwerben kann, wird echte Gemeinschaft suchen und echte Gemeinschaft finden mit den Nächsten und letztlich auch mit Gott. Ein solcher Mensch kann heil werden.
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