Ostermärsche mit Taube: Sicherer ist das.

Symbolbild

​Es ist wieder soweit. Wenn der Frühling kommt und die Schokohasen in den Regalen langsam schmelzen, holt der Deutsche traditionell seine Sandalen mit Socken aus dem Schrank und begibt sich auf den Ostermarsch. Das Ziel: Frieden, Abrüstung und das gute Gefühl, an einem sonnigen Feiertag etwas für das Weltgewissen getan zu haben, ohne dabei Gefahr zu laufen, mehr als einen Sonnenbrand davonzutragen.

​Die Geschichte dieser Märsche ist lang und ehrenwert. Seit Jahrzehnten wandern Menschen quer durch die Republik, um gegen Atomwaffen und Kriegstüchtigkeit zu demonstrieren. Man trifft sich, schwenkt Fahnen mit bunten Tauben, singt Lieder und fordert Diplomatie statt Waffen. Das Schöne daran: Es ist ein zutiefst demokratisches und sicheres Vergnügen. Die größte Herausforderung besteht meist darin, rechtzeitig einen Parkplatz in der Nähe der Abschlusskundgebung zu finden oder sich zu entscheiden, ob Bratwurst oder veganer Snack die passendere Stärkung für den Friedenskampf ist. Polizei ist zwar anwesend, aber primär, um den Verkehr umzuleiten und sicherzustellen, dass niemand versehentlich in ein Blumenbeet tritt.

​Die Forderungen sind dabei so zeitlos wie sympathisch. Wer ist schließlich für Krieg? Eben. Man fordert den Abzug von Waffen, die man selbst gar nicht besitzt, und die Abrüstung von Armeen, auf die man ohnehin keinen Einfluss hat. Es ist ein bisschen so, als würde man im heimischen Schrebergarten für die Rettung des Amazonas-Regenwaldes demonstrieren. Es schadet niemandem, und man fühlt sich danach einfach besser. Politisch Verantwortliche in Deutschland reagieren meist mit einem milden Lächeln, nicken die Botschaft ab und machen dann weiter wie bisher – schließlich ist Pazifismus eine feine Sache, aber Realpolitik leider auch.

​Man muss es aber auch mal so sehen: Noch ein bisschen mutiger wären solche Märsche allerdings in Moskau. Dort ist der Begriff „Spezialoperation“ anstelle von „Krieg“ gesetzlich vorgeschrieben, und das Schwenken eines weißen Blattes Papier kann bereits zu einer unfreiwilligen Verlängerung des Osterurlaubs in einem sibirischen Ferienlager führen. Ein Spaziergang mit einer Friedenstaube auf dem Roten Platz hätte dort einen ganz anderen Erlebnischarakter. Man könnte sagen, es wäre die Extrem-Sport-Variante des deutschen Ostermarsches – mit deutlich höherem Adrenalinspiegel und garantierter staatlicher Aufmerksamkeit, allerdings weniger Bratwurstständen. In Deutschland hingegen bleibt der Friedenskampf das, was er am besten kann: Ein gemütliches Familienereignis an der frischen Luft. Sicher ist sicher.


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