
Paulus schreibt im Römer 7,19: „Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ Obwohl er diese Aussage im Kontext des Gesetzes und der Sünde trifft – er ringt mit der Macht der Sünde, die ihn trotz seines guten Willens gefangen hält – lässt sich seine Formulierung hervorragend auf das Phänomen der Prokrastination übertragen.
Bei Paulus geht es um eine existentielle Spannung zwischen dem idealen Selbst, das nach Gottes Geboten leben möchte, und der Realität der menschlichen Schwachheit.
Die Prokrastination hingegen beschreibt das Verschieben von Aufgaben, die wir als wichtig oder gut erkennen, obwohl wir die negativen Konsequenzen der Verzögerung antizipieren. Doch die Parallele ist unverkennbar: In beiden Fällen existiert eine Diskrepanz zwischen Erkenntnis und Handlung.
Theologische Reflexionen über den Willen und die menschliche Natur
Die Frage nach dem „Wollen, aber nicht Tun“ hat die Theologie über Jahrhunderte beschäftigt.
Augustinus und der gespaltene Wille
Augustinus von Hippo (354-430 n. Chr.) hat sich in seinen Confessiones intensiv mit der Frage des Willens auseinandergesetzt, insbesondere im Hinblick auf seine Bekehrung. Er beschreibt einen inneren Kampf, eine Art „Krieg des Willens“ gegen sich selbst. Er sehnte sich nach einem gottgefälligen Leben, fand sich aber immer wieder in alten Gewohnheiten gefangen. Er formulierte es so: „Ich wollte, und ich wollte nicht; und meine Seele zerbrach in Stücke.“ (Conf. VIII, 9, 21). Für Augustinus ist dieser gespaltene Wille ein Symptom der gefallenen menschlichen Natur, die durch die Erbsünde geschwächt ist und ohne die göttliche Gnade nicht aus eigener Kraft das Gute vollbringen kann. Die Prokrastination könnte hier als eine Manifestation dieser Schwäche des Willens verstanden werden, eine Trägheit, die aus der tieferen Verwundung der menschlichen Natur resultiert.
Luther und die „Gebundenheit des Willens“
Martin Luther (1483-1546) vertiefte diese Perspektive in seiner Schrift De servo arbitrio (Vom unfreien Willen) in der Auseinandersetzung mit Erasmus von Rotterdam. Luther argumentierte, dass der menschliche Wille nach dem Sündenfall nicht frei ist, sich dem Guten zuzuwenden, sondern von Natur aus der Sünde unterworfen ist. Er schreibt: „Der menschliche Wille ist wie ein Reittier: sitzt Gott auf ihm, so will und geht es dahin, wohin Gott will; sitzt der Teufel auf ihm, so will und geht es dahin, wohin der Teufel will.“ (WA 18, 615). Für Luther ist die Fähigkeit, das Gute zu tun – sei es nun die Abwendung von der Sünde oder das Überwinden der Prokrastination – allein der wirkenenden Gnade Gottes zu verdanken. Ohne diese Gnade bleiben wir in unserer eigenen Unfähigkeit gefangen, das zu tun, was wir eigentlich tun sollten.
Neuere Perspektiven: Psychologie und Theologie im Dialog
In der modernen Theologie und Seelsorge wird das Phänomen der Prokrastination oft auch aus einer psychologischen Perspektive beleuchtet, ohne die theologische Dimension zu verlieren. Theologen wie Eugen Drewermann (Tiefenpsychologie und Exegese) könnten argumentieren, dass Prokrastination oft tiefere Ängste, Perfektionismus oder ungelöste Konflikte widerspiegelt. Die theologische Aufgabe wäre dann nicht nur die Predigt der Gnade, sondern auch die emphatische Begleitung des Individuums bei der Aufdeckung und Bearbeitung dieser inneren Hindernisse.
Die Prokrastination, als das Nicht-Tun des Gewollten, ist somit weit mehr als eine bloße Organisationsschwäche. Sie ist ein Spiegelbild der menschlichen Kondition, in der sich das Ideal und die Realität, der Wille und die Unfähigkeit, das Göttliche und das Irdische begegnen. Sie erinnert uns daran, dass wir – wie Paulus, Augustinus und Luther vor uns – auf die Hilfe von außen angewiesen sind, sei es durch göttliche Gnade, durch Erkenntnis und Selbstreflexion oder durch die Unterstützung der Gemeinschaft.



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