
Im Mai steht sie im Mittelpunkt: Maria. Die Gottesmutter und Himmelskönigin ist die bedeutendste Heilige der Kirche. Zu Recht, denn sie trägt etwas sehr Wichtiges zum Heilsgeschehen bei: Sie bringt Gott zur Welt, in ihrem Sohn Jesus. Von ihm wird sie in den Himmel aufgenommen und über die Engelschar erhöht. Mutterschaft und Krönung, Mutter und Königin – die Kirche schreibt Maria höchste Autorität zu.
Für mich ist Maria vor allem eines: die erste Christin. Sie sagt Ja zu Gott und zu seiner Menschwerdung. Sie sagt ja zu Jesus. Ihr fiat – „[mir] geschehe“, Lk 1,38) – ist Bedingung und Beginn der irdischen Geschichte des Herrn. Sie ist damit nicht nur in der Hierarchie der Heiligen die „First Lady“, sondern auch zeitlich. Sie steht am Beginn der historischen Manifestation Gottes.
Lukas berichtet davon, als handle es sich um einen Zuruf auf dem Büroflur, um eine Anweisung auf kurzem Dienstweg. „Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben“ (Lk 1,30-31). Empfangen, gebären, Namen geben. Das kommt jetzt etwas überraschend. Und zudem ungelegen. Wieso ich? Wieso jetzt? Maria hätte allen Grund gehabt, geschockt zu sein. Und „Nein!“ zu sagen. Oder auch im Schweigen zu erstarren.
Doch Maria stellt Gottes Plan nicht grundsätzlich in Frage, sondern bittet nur um Klärung im Hinblick auf ein kleines Detail: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ (Lk 1,34). Nachdem das geklärt ist („Der Heilige Geist wird über dich kommen“, Lk 1,35) und durch das Beispiel ihrer Tante untermauert wurde („Auch Elisabet, deine Verwandte, hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen; obwohl sie als unfruchtbar galt“, Lk 1,36), ist die alles tragende Meta-Botschaft („Denn für Gott ist nichts unmöglich“, Lk 1,37) für Maria so glaubwürdig, dass sie einwilligt: „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast“, Lk 1,38).
Gott, für den nichts unmöglich ist, lässt Maria die Möglichkeit zum Widerspruch. Er will ihre freie Entscheidung. Gott hat Maria zu allem erwählt, aber zu nichts gezwungen. Dabei hängt eine ganze Menge ab von dieser Entscheidung Marias. Weihnachten steht auf dem Spiel. Wenn Maria nicht einstimmt in den Willen Gottes, kann Gott nicht Mensch werden. Dann bleibt alles beim Alten. Trotzdem: Es geht nur in Freiheit: Menschwerdung, Erlösung, Heil. Und Maria sagt in Freiheit „Ja“ zu Gott und „Ja“ zu dem Kind. Dreimal täglich gedenken wir Katholiken dieses Heilsereignisses, wenn wir nämlich um 6 (oder um 8), um 12 und um 18 Uhr den „Engel des Herrn“ beten, um im Alltag Verkündigung und Menschwerdung zu betrachten, zwei ganz zentrale Glaubensgeheimnisse des Christentums.
Maria ist eine demütige, gottesfürchtige Frau, die Gott bedingungslos vertraut. Ihr Ja gilt dem dreifaltigen Gott, dem Vater, dem Schöpfer, was man von einer jungen Jüdin auch erwarten kann, aber eben auch zum Heiligen Geist, der Kraft Gottes, die über sie kommen wird, und zu Jesus, der durch sie zur Welt kommt. Christ sein bedeutet, in diesem Sinne marianisch zu leben: Jasagen zum dreifaltigen Gott und Jesus zur Welt bringen, zu den Menschen. Wer wie Maria leben will, hat verstanden, was es heißt, wie ein Christ zu leben. Das ist die zentrale Bedeutung Marias, Proto-Christin zu sein, Vorbild im Glauben.
Maria, so lehrt die Kirche, sei ohne Erbsünde empfangen. Gefeiert wird das unter dem verhängnisvollen Kurztitel „Mariä Empfängnis“, aus dem im Volksmund fatalerweise „unbefleckte Empfängnis“ wurde. Fatal ist das deshalb, weil es der allgemeinen Desinformation zu Glaubensfragen in die Karten spielt. So meinen denn auch prompt einige, die Kirche nenne Marias Empfängnis vom Heiligen Geist „unbefleckt“ und halte dann wohl umgekehrt einen normalen Geschlechtsakt für „befleckt“, also „sündhaft“ .
Gemeint ist mit der „unbefleckten Empfängnis“ aber nicht, dass Maria ohne Sex schwanger wurde, sondern dass sie ohne Sünde geboren wurde. Deswegen heißt es ganz offiziell auch „Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria“, nicht „Hochfest der ohne Erbsünde empfangenden Jungfrau und Gottesmutter Maria“.
Warum aber wiederum dies: „ohne Erbsünde empfangen“? Warum sagt die Kirche, Maria sei frei von Schuld? Der Gedanke ist folgender: Wenn Jesus auch als Mensch frei von Sünde war, dann brauchte Er in Seinem Wachsen und Werden als Mensch eine Umgebung, die ebenfalls (weitgehend) frei von Sünde blieb.
Das betrifft auch Jesu Ziehvater Josef, einen fleißigen, bescheidenen Mann, Jesu Tante Elisabeth, eine gottesfürchtige Frau, den etwa gleichaltrigen Cousin Johannes, der ihm als Mahner in der Wüste voranging, insbesondere aber seine Mutter Maria, die mit ihm so eng verbunden war wie kein anderer Mensch. Als Gottesmutter trug Maria Jesus in sich, gab ihm neun Monate lang einen besonderen Platz auf Erden: ihren Körper.
Das verlangte eine besondere Gestimmtheit Marias. Nicht nur, dass sie durch ihre freie Entscheidung, „Magd des Herrn“ (Lk 1,38) sein zu wollen, zum göttlichen Plan ihr Einverständnis geben sollte (und es mit ihrem fiat als „bräutlicher Zustimmung“ – so Thomas von Aquin – auch gab), also als junges Mädchen bereit sein sollte (und bereit war) für die besondere Schwangerschaft, nein, auch von Gott her musste sie dafür entsprechend vorbereitet sein, damit Mutter und Kind zueinander passen.
In der Bulle Ineffabilis Deus vom 8. Dezember 1854 (Papst Pius IX.) wird das Dogma der Immaculata Conceptio entsprechend formuliert: „Die seligste Jungfrau Maria wurde im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch ein einzigartiges Gnadengeschenk und Vorrecht des allmächtigen Gottes im Hinblick auf die Verdienste Christi Jesu, des Erlösers des Menschengeschlechtes, rein von jedem Makel der Erbschuld bewahrt“. Das Dogma von der ohne Erbsünde empfangenen Gottesmutter ist eine der beiden dogmatischen Glaubensaussagen zu Maria, die den Status unfehlbar haben (die andere betrifft Mariä leibliche Aufnahme in den Himmel; 1950, Papst Pius XII.).
Diese besondere Gnade lässt sich nicht nur philosophisch und theologisch, sondern auch biblisch begründen. Schon der Gruß des Engels („Gegrüßt seist du, Begnadete“, Lk 1,28) deutet an, in welche Richtung die Beziehung Gottes zu Maria geht: Sie erfährt in Sachen Sünde und Schuld die gleiche Gnade wie der Mensch Jesus.
Elisabeth bekräftigt die Gleichheit der Gnade, die sowohl Maria als auch dem Menschen Jesus von Gott geschenkt wurde: „Du bist gesegnet unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes“ (Lk 1,42). Der besondere Segen der Sündenfreiheit wird beiden zuteil: Maria und dem Menschen Jesus. Elisabeth nennt Maria zudem „Mutter meines Herrn“. Sie sagt: „Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ (Lk 1,43) Die Mutter war im Alten Orient die Hauptratgeberin eines Fürsten, also die eigentliche „First Lady“. Wie gesagt: Das passt zu Maria.
Gott gibt auch uns die Möglichkeit zur freien Entfaltung und Entscheidung – Fehler und Verfehlung eingeschlossen. Die Kirche führt uns in Maria ein Beispiel vor Augen, wie wir mit dieser Freiheit gut umgehen: Gottes Willen achten und uns der Bindung an Gott bewusst sein. Nicht unser eigenes Ding durchziehen, sondern das tun, wozu Gott uns braucht. Unser „Ja“ wird ständig verlangt.
Josef Bordat



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