
Toleranz ist ein Schlagwort unserer Kultur. Toleranz wird eingefordert, Toleranz steht zur Debatte. Toleranz ist der Lackmustest der politischen Ethik einer Demokratie: Tolerante Menschen gehören dazu, Intolerante nicht. Bevor darüber gesprochen werden kann, müssen zwei Dinge klargestellt werden: zum einen die Herkunft des Konzept, zum anderen dessen genaue Bedeutung.
Toleranz – eine christliche Hervorbringung
Der Begriff der Toleranz ist in dieser ethischen Verwendung ein Hervorbringung des Christentums. Bei den alten Römern war Toleranz auf Sachverhalte bezogen, etwa darauf, im Krieg in einer schwierigen Schlachtkonstellation dem Feind standzuhalten, eine Belagerung auszuhalten, zu erdulden. In diesem Sinne wird der Begriff heute manchmal noch benutzt, etwa in der Psychologie („Frustrationstoleranz“) oder auch in der Medizin („Laktoseintoleranz“).
Erst im Christentum wird Toleranz auf Menschen, auf Personen bezogen und erhält damit eine ethische Dimension, die wegführt vom Standhalten in der Schlacht, hin zur Tugend der Geduld gegenüber abweichendem Verhalten: „Nicht die römischen Klassiker, sondern die Kirchenväter und frühmittelalterlichen Theologen haben aus tolerantia eine soziale Tugend, einen Leitbegriff zwischenmenschlichen Verhaltens und christlicher Gemeinschaftsbildung gemacht“, schreibt Klaus Schreiner. Rainer Forst hält diesen Bedeutungswandel „für den gesamten europäischen Diskurs der Toleranz von zentraler Bedeutung“. Der Kirche, also: den Kirchenvätern und den frühmittelalterlichen Theologen, sei Dank dafür, dass sie die ethische Tragweite des Begriffs erschlossen haben und und Toleranz uns heute konzeptionell zur Verfügung steht, um Beziehungen zwischen Menschen zu beschreiben.
Welcher Art sind nun diese Beziehungen, die von Toleranz geprägt sind? Sie sind davon geprägt, dass man nun nicht mehr einen Sachverhalt, sondern einen Menschen erträgt, aushält, erduldet. Oft wird dabei das Verständnis oder gar eine gewisse Sympathie für die Haltung eines Menschen zur Voraussetzung dafür gemacht, diese zu tolerieren. Das ist aber ein Fehlverständnis des Begriffs Toleranz. Toleranz kann dem Wortsinn nach erst dort beginnen, wo ich etwas nicht teile, nicht verstehe, denn es bedeutet schlicht „Duldung“. Das ist die schwächste Form, dem Fremden – sei es eine Sache oder ein Mensch – überhaupt eine Existenzberechtigung zuzubilligen.
Tolerieren heißt nicht respektieren oder akzeptieren
Wenn nun für diese schwache Figur derart hohen Hürden aufgebaut werden wie Verständnis und Sympathie, werden die Verhältnisse im menschlichen Miteinander völlig verzerrt und alle müssten um ihr Recht, so sein zu dürfen, wie sie sind, fürchten, weil und soweit sich der Einzelne gegenüber der Gemeinschaft nur selten verstehbar und sympathisch machen kann. Toleranz darf also nicht an Verständnis und Sympathie gebunden werden.
Der Punkt ist vielmehr der: Man toleriert nicht, obwohl man nicht verstehe, sondern weil man nicht verstehe. Könnte man in vollem Umfang verstehen, tolerierte man nicht mehr, sondern respektierte bereits. Das aber ist viel mehr: Respekt. Rücksicht, Berücksichtigung. Ich betrachte etwas als derart wertvoll, dass ich es (u. U. in abgewandelter Form) auch für meine Lebensführung zu berücksichtigen erwäge. Das bedeutet es, einer Sache oder einem Menschen Respekt entgegen zu bringen. Ich nehme soviel Rücksicht, dass ich bereit bin, auf etwas zu verzichten, damit das Respektierte so sein kann, wie es ist.
Toleranz zu üben, setzt hingegen gerade nicht voraus, den Wert des tolerierten Sachverhalts oder der tolerierten Person so hoch zu schätzen, dass man ihn selbst erhalten oder gar adaptieren will. Ich toleriere (erdulde) das, was mir zutiefst fremd ist, solange es mich nicht in meiner sozialen, personalen und biologischen Existenz bedroht (das wäre eine Grenze für die Toleranz, selbst für die Toleranz). Und so hält es die Kirche, so hielt es auch Jesus. Jesus hat nicht jedes Verhalten toleriert. Und das nicht, obwohl er die Menschen liebte, sondern weil er sie liebte. Er liebte die Sünderin, den Sünder, und tolerierte deshalb die Sünde nicht. Die Sünde, das Böse zu tolerieren, ist weder christlich noch vernünftig.
Auch Akzeptanz geht über Toleranz hinaus, denn es beinhaltet die Annahme, das epistemische und ethische Zueigenmachen dessen, was zur Debatte steht. Die Zustimmung zur sachlichen und ggfs. moralischen Richtigkeit. Bei der Toleranz kann es durchaus sein, dass ich ein Verhalten für falsch ansehe, es aber immer noch dulden kann. Politische Meinungen etwa sind zu tolerieren, auch, wenn wir sie für falsch halten. Sie sind dann nicht zu akzeptieren und schon gar nicht zu respektieren, aber – zumindest innerhalb der noch bestimmenden Grenzen – zu tolerieren.
Toleranz ist mehr als Gleichgültigkeit
Toleranz ist insofern auch mehr als Gleichgültigkeit. Es gibt Grenzen der Toleranz, die dem Gleichgültigen nichts bedeuten. Bei der Toleranz muss ich immer wissen, warum ich dulden will (oder eben nicht dulden will), die Gleichgültigkeit ist fern aller rechtfertigenden Argumentation. Gleichgültigkeit ist gar keine moralische Haltung. Es ist ja gerade die Abkehr von jeder Differenzierung zwischen Gut und Böse. Toleranz darf also nicht mit Gleichgültigkeit verwechselt werden und umgekehrt Gleichgültigkeit nicht mit Toleranz.
Der Begriff der Toleranz wird oft benutzt, als ginge es um Gleichgültigkeit (wenn man sich „tolerant“ zeigt, indem man das Thema komplett ignoriert), um Respekt, um Akzeptanz (wenn Sympathie eingefordert wird). Intoleranz wird dann mit mangelndem Respekt oder gar dem Fehlen von Sympathie verwechselt und infolgedessen mangelnder Respekt oder fehlende Sympathie nicht toleriert. Das ist falsch. Richtig hingegen ist, dass man Intoleranz (also: Unduldsamkeit), die sich pauschal auf Menschen oder Menschengruppen richtet, nicht toleriert. Es geht also jetzt um die Grenzen der Toleranz – denn selbst diese niedrigschwellige Bezugsform hat ihre Grenzen.
Popper: Keine Toleranz gegenüber Intoleranten
Beim Nachdenken über die Grenzen der Toleranz landet man fast unweigerlich bei Karl R. Popper und dem Toleranzparadoxon. Der Philosoph schrieb in seinem Hauptwerk „The Open Society and Its Enemies“ (zu deutsch: „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“) über die Grenzen der Toleranz: „Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die uneingeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen“. Richtig. Doch woran erkannt man einen intoleranten Menschen bzw. eine intolerante Position? Popper meinte, dass es zwei Kriterien gebe, die als Maßstäbe für Intoleranz bzw. das Überschreiten zu duldender Grenzen gelten können: zum einen die Billigung von Gewalt als Mittel der Durchsetzung von Interessen, zum anderen die Weigerung, sich an einem rationalen Diskurs argumentativ zu beteiligen.
Rationalität und Argumentation
Während klar ist, dass Kriterium 1 gewissermaßen ein Paradebeispiel für Kriterium 2 ist, liegt zwischen dem guten Gespräch und der brutalen Gewalt noch ein breites Spektrum an Formen der Diskursverweigerung, die ebenfalls keine Duldung erfahren sollten. Stichworte sind hier „rational“ und „argumentativ“. Doch wann verlässt jemand den Boden der Rationalität und der Argumentation? Hier vorschnell die Anerkennung von Daten und Fakten sowie die Einhaltung methodischer Formen zu nennen, vereinfachte die Sache unzulässig, denn freilich muss auch die Frage der methodisch korrekten Ermittlung der Daten und die Frage der Zuschreibung „Tatsache“ zu einem Sachverhalt gestellt werden dürfen, und die Antworten darauf müssen wiederum einer rationalen Argumentation zugänglich sein. Wir drohen, in einem ewigen skeptizistischen Regress zu landen, in einem Zirkel, in dem am Ende doch alles toleriert werden muss, wenn man nicht als autoritär gelten und bestimmte Meinungen ausschließen will, was dann wieder intolerant wäre.
Glauben und vertrauen, oder: In der digitalen Welt droht Popper zu scheitern
Die Lösung: An einer bestimmten Stelle muss man glauben, muss man vertrauen, muss sich auf die Geltung von Grundprinzipien einigen. In einer Zeit jedoch, in der ein privater Social Media-Account vermeintlich mehr Expertise aufweist als sieben Forschungsinstitute zusammen, ist dieses Diskursfundament kaum noch belastbar. Früher galt als Verweigerer des rationalen Diskurses (und daher als Kandidat für einen Toleranz-Ausschluss nach Popper), wer auf die Datenlage der wissenschaftlich einschlägigen Forschung mit einer bloßen Gefühlsanwallung reagierte. Heute – mit Hilfe von KI in ein schönes Bild gebracht – wird so eine argumentative Patt-Lage erzielt und es verbietet sich jeder Ausschluss schon aufgrund des sich prompt einstellenden quantitativen Zuspruchs (Menschen neigen eher zu schönen Bildern als zu langen Texten). Viele Intoleranz-Kandidaten (mit KI beliebig oft zu generieren) kippen damit das System. Poppers zweites Kriterium funktioniert heute nicht mehr. Was einzig als klares Kriterium der Inoleranz bleibt, ist die Gewalt. Hier muss aber offen bleiben, ob allein physische Gewalt als intolerant gelten soll oder auch Formen symbolischer und struktureller Gewalt. Je weiter der Gewaltbegriff gefasst wird, desto vehementer fällt auf ihn die kaum zu stemmende Argumentationslast zurück, die bereits das Rationalitätskriterium de facto zu Fall gebracht hat. Auch das erste Kriterium Poppers steht damit in Frage.
Christen: Hüter der Toleranz
Christen sollten sich spätestens hier ihrer tragenden Rolle im gesellschaftlichen Diskurs bewusst werden. Wenn das Christentum einst den Toleranzbegriff in der heutigen Bedeutung hervorgebracht haben, so kann es heute nur Aufgabe der Christen sein, auf Gewaltlosigkeit und Rationalität zu drängen und für die Argumentation nachvollziehbare Annahmen zu treffen. Denen muss man glauben, denen muss man vertrauen. Dabei bleibt es. Unsere Aufgabe als Christen hat Karl R. Popper klar und deutlich beschrieben: „Wir sollten daher im Namen der Toleranz das Recht für uns in Anspruch nehmen, die Unduldsamen nicht zu dulden. Wir sollten geltend machen, dass sich jede Bewegung, die die Intoleranz predigt, außerhalb des Gesetzes stellt, und wir sollten eine Aufforderung zur Intoleranz und Verfolgung als ebenso verbrecherisch behandeln wie eine Aufforderung zum Mord, zum Raub oder zur Wiedereinführung des Sklavenhandels“.
Josef Bordat



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