
Wie Sie durch Aufschieben zu sich selbst finden!
Liebe Leserin, lieber Leser,
in unserer leistungsorientierten Gesellschaft wird Prokrastination – das Aufschieben von Aufgaben – oft als Schwäche, Faulheit oder gar als moralisches Versagen abgestempelt. Wir fühlen uns schuldig, schämen uns und erleben inneren Druck, wenn wir Dinge vor uns herschieben. Doch was wäre, wenn ich Ihnen sage, dass Prokrastination nicht immer nur negativ ist? Was, wenn sie sogar eine wertvolle Ressource sein kann, die uns hilft, uns selbst besser kennenzulernen und unser Leben authentischer zu gestalten?
Prokrastination – Mehr als nur eine schlechte Angewohnheit
Aus psychotherapeutischer Sicht ist Prokrastination selten nur eine Frage von mangelnder Disziplin. Oft verbirgt sich dahinter ein komplexes Zusammenspiel aus Ängsten, Unsicherheiten, Perfektionismus, aber auch einem tiefen Bedürfnis nach Autonomie und Selbstentfaltung.
Einer der wichtigsten psychologischen Erkenntnisse in diesem Zusammenhang ist, dass unser Verhalten immer einen Sinn hat, auch wenn er uns nicht sofort bewusst ist. Prokrastination kann ein Versuch sein, uns vor Überforderung zu schützen, Raum für kreative Prozesse zu schaffen oder uns schlichtweg Zeit zu verschaffen, um eine Aufgabe aus einer anderen Perspektive zu betrachten.
Die positive Seite des Aufschiebens: Kreativität und Selbstfindung
Betrachten wir die positiven Aspekte der Prokrastination, entdecken wir spannende Potenziale:
- Raum für Kreativität: Manchmal braucht unser Geist Zeit, um Ideen reifen zu lassen. Das scheinbare „Nichts-Tun“ während des Aufschiebens kann ein Nährboden für neue Einsichten und innovative Lösungen sein. Kennen Sie das Gefühl, dass Ihnen die beste Idee plötzlich unter der Dusche oder beim Spazierengehen kommt – also genau dann, wenn Sie nicht aktiv an der Aufgabe arbeiten? Das ist kein Zufall. Unser Unterbewusstsein arbeitet weiter und verknüpft Informationen auf neue Weise.
- Schutz vor Überforderung und Burnout: Prokrastination kann ein Warnsignal sein, dass wir uns zu viel aufbürden. Indem wir uns selbst ausbremsen, schützen wir uns unbewusst vor Erschöpfung und Überforderung. Es ist ein Akt der Selbstfürsorge, auch wenn er sich nicht immer so anfühlt.
- Prioritäten neu setzen: Das Aufschieben kann uns dazu anregen, die wahre Bedeutung und Dringlichkeit einer Aufgabe zu hinterfragen. Ist sie wirklich wichtig? Passt sie zu meinen Werten und Zielen? Manchmal merken wir erst durch das Zögern, dass eine Aufgabe uns nicht entspricht oder wir andere Prioritäten setzen sollten.
- Selbstentfaltung und Authentizität: Wenn wir uns zwingen, Aufgaben zu erledigen, die uns widerstreben, verlieren wir möglicherweise ein Stück unserer Authentizität. Prokrastination kann ein Zeichen sein, dass wir uns nicht verbiegen wollen, sondern unserem inneren Ruf folgen möchten, auch wenn das bedeutet, von der „Norm“ abzuweichen.
Gedanken großer Psychologen zur Prokrastination
Auch bedeutende Psychologen haben sich mit dem Phänomen des Aufschiebens beschäftigt:
- Carl Gustav Jung sprach viel über das Unbewusste und die Individuation. Aus seiner Sicht könnte Prokrastination auch ein Prozess sein, bei dem unbewusste Kräfte wirken, die uns auf einen Weg leiten wollen, der besser zu unserem wahren Selbst passt. Das scheinbare Chaos des Aufschiebens könnte ein Teil des Prozesses sein, in dem wir uns unserer inneren Wahrheit annähern.
- Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie, betonte die Sinnsuche des Menschen. Wenn wir prokrastinieren, könnte es sein, dass uns der Sinn einer Aufgabe nicht klar ist oder wir eine tiefere Motivation vermissen. Die Suche nach diesem Sinn kann uns dazu bringen, innezuhalten und zu reflektieren.
Wie gehen Sie konstruktiv mit Prokrastination um?
Anstatt sich selbst zu verurteilen, lade ich Sie ein, Prokrastination als Chance zur Selbstreflexion zu nutzen:
- Erkennen Sie die Botschaft: Was will Ihnen Ihre Prokrastination sagen? Fühlen Sie sich überfordert? Haben Sie Angst vor dem Scheitern oder dem Erfolg? Fehlt Ihnen die Motivation, weil die Aufgabe nicht zu Ihren Werten passt?
- Geben Sie sich Raum: Erlauben Sie sich bewusst, Dinge auch mal aufzuschieben – aber mit einer klaren Intention. Nutzen Sie diese Zeit nicht für Ablenkung, sondern für Inkubation. Gehen Sie spazieren, machen Sie Sport, meditieren Sie oder widmen Sie sich einer kreativen Tätigkeit.
- Hinterfragen Sie Ihre Perfektionsansprüche: Oft ist es der Wunsch, alles perfekt zu machen, der uns lähmt. „Gut genug“ ist oft besser als „nie fertig“.
- Teilen Sie große Aufgaben in kleine Schritte: Das reduziert die Hürde und macht den Start einfacher. Feiern Sie jeden kleinen Erfolg!
- Suchen Sie nach dem Sinn: Wenn Ihnen eine Aufgabe widerstrebt, suchen Sie nach dem tieferen Sinn dahinter oder überlegen Sie, ob sie wirklich erledigt werden muss.
Prokrastination ist nicht nur ein Hindernis, sondern kann ein Spiegel unserer inneren Welt sein. Sie fordert uns auf, innezuhalten, genauer hinzusehen und uns vielleicht sogar neu auszurichten. Anstatt sie zu bekämpfen, können wir lernen, sie als Wegweiser zu einem authentischeren und erfüllteren Leben zu verstehen.
Wie fühlen Sie sich, wenn Sie diese Perspektive auf Prokrastination einnehmen? Sind Sie bereit, die verborgene Kraft des Aufschiebens für sich zu entdecken?



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