
Es war einmal ein mächtiger Gebieter in einem fernen Land, der war so besessen von seinem eigenen Glanz, dass er den ganzen Tag nichts anderes tat, als in den Spiegel zu schauen und Reden vor seinen Getreuen zu halten. Eines Tages traten schlaue Schmeichler an seinen Hof. Sie verbeugten sich tief und behaupteten, sie seien die fähigsten Weber der Welt. Sie versprachen ihm, ein Gewand zu fertigen, das so außergewöhnlich sei, dass es eine ganz besondere Eigenschaft besäße: Es sei unsichtbar für jeden, der für sein Amt nicht tauge oder der unverzeihlich dumm sei.
In Wahrheit waren diese Weber nichts als Windmacher. Sie bauten ihre Webstühle auf und taten so, als würden sie mit kostbaren Fäden arbeiten, die sie „Zoll-Seide“ und „Abschottungs-Zwirn“ nannten. Sie erzählten dem Herrscher, dass dieser Stoff das Land vor dem Hunger bewahren und alle Feinde in die Knie zwingen würde. „Wer dieses Gewand nicht sieht“, flüsterten sie ihm ins Ohr, „der gehört nicht zu deinem treuen Gefolge.“
Der Herrscher schaute auf die leeren Webstühle. Sein Herz klopfte wild, denn er sah rein gar nichts. Doch er wagte es nicht, dies zuzugeben. „Oh, wie prächtig!“, rief er stattdessen aus, denn er wollte vor seinen Beratern nicht als unfähig gelten. Er glaubte fest daran, dass er nur noch fester daran glauben müsse, damit die Wunder seiner Politik für alle sichtbar würden. Er ließ sich die unsichtbaren Kleider anlegen und tat so, als würde er die schwere Schleppe eines „ewigen Friedens“ hinter sich herziehen, den er mit einem einzigen Wort errungen haben wollte.
Seine Minister standen daneben und überboten sich gegenseitig mit Lobeshymnen. Keiner wollte der Erste sein, der zugab, dass der Herrscher in Wahrheit schutzlos und entblößt vor ihnen stand. Sie priesen den Schutz, den die neuen Schranken an den Grenzen boten, während die Lagerhäuser leerer wurden. Sie bewunderten die Stärke, mit der er seine ältesten Verbündeten verspottete, während das Land in der Welt immer einsamer wurde.
Schließlich wurde ein großer Festzug vorbereitet. Der Herrscher schritt unter einem prächtigen Baldachin durch die Straßen, um sein neues Gewand aus „nationaler Herrlichkeit“ zu präsentieren. Die Menge am Straßenrand klatschte verhalten, denn jeder hatte Angst, als dumm zu gelten, wenn er die Pracht nicht sah. Doch die Luft war kalt, und die Preise für das Brot waren am Morgen erneut gestiegen.
Da erhob ein kleines Kind seine Stimme und rief laut über den Platz:
„Aber seht doch, der Kaiser hat ja gar keine Kleider an!“



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