
Heute Abend klingeln sie wieder an deiner Tür: Skelette, Hexen, ein Kind im Bettlaken. Alle lachen. Niemand fürchtet sich wirklich. Und morgen? Morgen stehen dieselben Leute vielleicht vor einem Grab und wissen nicht, was sie sagen sollen. Wir spielen mit dem Tod, aber wir sprechen nicht über ihn. Das ist die eigentliche Gruselgeschichte.
Halloween und Reformationstag fallen auf dasselbe Datum, und morgen folgt Allerheiligen. Drei Feste, drei Antworten auf dieselbe Frage: Was machen wir mit der Tatsache, dass wir sterben?
Gruseln ist Training
Warum tun wir uns Horrorfilme und Geisterbahnen an? Die Forschung, die die Stuttgarter Zeitung zusammenfasst, nennt mehrere Gründe. Wir wissen, dass uns nichts passiert. Der Körper schüttet erst Adrenalin aus, dann kommt die Erleichterung. Und wir üben Bedrohungen im Kopf, ohne uns real in Gefahr zu bringen. Wer regelmäßig Horror schaut, soll sogar die Corona-Zeit psychisch besser verkraftet haben.
Das ist keine Spinnerei von gestern. Das Fest hat alte Wurzeln: Die Kelten feierten mit Samhain das Ende der Ernte und glaubten, dass die Grenze zwischen Lebenden und Toten in dieser Nacht besonders dünn sei. Später legte die Kirche Allerheiligen auf den 1. November, vermutlich, um diesem Fest einen christlichen Sinn zu geben. Aus „All Hallows’ Eve“ wurde im Lauf der Jahrhunderte Halloween, und irische Auswanderer nahmen die Bräuche mit nach Amerika. Dort wurde aus der Rübe ein Kürbis. Eine Mutprobe vor dem Tod gab es also schon immer.
Der alte Streit: Kürbis oder Kreuz?
In den Kirchen gab es dazu lange zwei Lager. Margot Käßmann hatte vor Jahren kritisiert, dass hinter dem Fest vor allem Geschäftsinteresse stecke, und dass ein Geisterkult nicht zu Luther passe, der Menschen von der Angst befreien wollte. Der katholische Fachmann Manfred Becker-Huberti riet dagegen zur Gelassenheit, forderte aber etwas Unbequemes: Die Kirchen sollten über den Tod wieder direkt sprechen, statt das Thema anderen zu überlassen. Die Pfarrerin Tia Pelz aus Nürnberg hat daraus ihre Konsequenz gezogen. Sie hat den Kampf gegen Halloween aufgegeben und lädt seit 2023 zur „Gruselkirche“ ein, mit Kostümen, Psalm 23 und Süßigkeiten. Rund 120 Menschen kamen, wie sie schreibt.
Käßmanns Kritik am Kommerz stimmt übrigens bis heute. Ein Plastikskelett aus dem Discounter, das nach einer Woche im Müll landet, ist die Kapitulation des Todes vor dem Einzelhandel. Kein Memento mori, sondern ein Sonderposten. Das ist eine Heuchelei, über die man sich ruhig aufregen darf.
Was Epikur, Heidegger und Luther dazu sagen
Der Philosoph Epikur riet vor mehr als 2.000 Jahren zur Entspannung: Solange wir da sind, ist der Tod nicht da, und wenn er da ist, sind wir es nicht mehr. Schön gedacht. Aber ehrlich gesagt hilft das niemandem, der gerade seine Oma verloren hat. Dem Tod der anderen kommt man mit Logik nicht bei.
Martin Heidegger sah es schärfer. Wer sich vom eigenen Tod abwendet, lebt ihm zufolge in einer Art Betäubung. Erst wenn ich begreife, dass meine Zeit endlich ist, kann ich entscheiden, was ich mit ihr anfange. Das klingt sperrig, trifft aber einen Nerv: Wie viele Abende hast du schon im Scrollen versenkt, als würde es nie enden?
Und Luther, dessen Tag heute ist? Er schrieb schon 1519 einen Sermon darüber, wie man sich aufs Sterben vorbereitet. Er wollte den Tod nicht verharmlosen und auch nicht dämonisieren. Er wollte ihn aus dem Schweigen holen und den Menschen die Angst nehmen.
Meine Position: Beides feiern, aber nicht nur eins
Ich finde: Halloween ist die Probe, Allerheiligen ist die Antwort. Wer nur Halloween feiert, bleibt beim Gruselspaß stehen und lacht den Tod weg. Wer nur Allerheiligen kennt, steht schweigend auf dem Friedhof und fühlt sich allein mit seiner Trauer. Zusammen ergeben sie etwas Kluges: erst das Lachen, das die Angst kleiner macht, dann die Kerze, die den Toten einen Namen gibt.
An Allerheiligen und Allerseelen besucht man Friedhöfe, bringt Blumen und zündet Kerzen an. Das ist kein Folklorekram. Es ist eine Erlaubnis, zu erinnern und zu weinen, die in unserem Alltag sonst kaum vorkommt. Hier liegt auch die Würde jedes Menschen, ob er heilig war oder nicht: Er wird nicht vergessen.
Die christliche Hoffnung geht noch weiter. Pelz sieht im Spott über den Tod an Halloween einen leisen Widerhall der Botschaft, dass Gott stärker ist als der Tod. Das muss niemand glauben. Aber wer es glaubt, hat Grund zum Gruseln und Grund zur Hoffnung, beides zugleich.
Und morgen?
Wenn du heute Abend das Kürbislicht anzündest, denk kurz an jemanden, der fehlt. Schick morgen eine Nachricht an jemanden, der trauert. Du musst keine klugen Worte finden. Dass du nicht wegsiehst, ist die Botschaft.
Vielleicht ist die wirklich gruselige Frage nicht, wer an deiner Tür klingelt. Sondern: Wen hast du schon lange nicht mehr besucht, solange es noch geht?
Quellen
- Halloween und Christen: Warum der Kampf gegen das Fest aussichtslos ist (Sonntagsblatt)
- Pro und Kontra: Halloween feiern (evangelisch.de)
- Horror und Gehirn: Warum wir uns so gerne gruseln (Stuttgarter Zeitung)
- Was ist Allerheiligen? (DER STANDARD)
- Die Geschichte Halloweens (World History Encyclopedia)



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