Du kannst (d)einem Monster nicht entkommen

Die Nacht ist sternenklar, die Milchstraße spiegelt sich fast perfekt auf dem dunklen Wasser der Côte d’Azur.

Doch die friedliche Idylle trügt. Eine Kitesurferin schießt durch die Wellen, gezogen von einem großen, schwarzen Kite. Als die Kamera näher heranzoomt, sehen wir kein entspanntes Urlaubsgesicht: Dunkle, tiefschwarze Augen, Blutspuren, die wie rote Tränen die Wangen hinabfließen, und spitze Vampirzähne prägen ihr Gesicht [00:02]. Sie blickt uns direkt an, lacht [00:30] und raunt uns zu: „Faster than the night“ [00:03], gefolgt von der düsteren Warnung: You can’t outrun a monster!“ [00:21] – Du kannst einem Monster nicht davonlaufen.

Dieses Video bedient perfekt die klassischen Klischees, die uns eigentlich das Fürchten lehren sollen. Eine Vampirin in der Finsternis, die Jagd auf uns macht.

Aber sind wir ehrlich: Vor dieser Kitesurferin gruseln wir uns im Alltag nicht wirklich. Sie ist ein schön inszenierter, kleiner Schocker für den Bildschirm. Die wahren Monster, vor denen wir im echten Leben flüchten, sehen völlig anders aus. Sie tragen keine Masken, aber sie holen uns trotzdem immer wieder ein.

Die Verwandlung unserer Ängste

Jeder Lebensabschnitt hat seine ganz eigenen, unsichtbaren Ungeheuer. In der Kindheit waren sie noch leicht zu greifen. Sie saßen im Dunkeln, lauerten unter dem Bett oder im Kleiderschrank, sobald das Licht ausging. Doch je älter wir werden, desto mehr wandern diese Kreaturen von der Außenwelt direkt in unsere Gedankenwelt.

In der Jugend verändern sie ihr Gesicht. Plötzlich heißen sie Angst vor Ablehnung, die Panik, nicht dazuzugehören, oder der ständige Druck, einem bestimmten Schönheitsideal zu entsprechen. Es ist die lähmende Sorge, von anderen bewertet, ausgelacht oder ausgeschlossen zu werden.

Wenn wir dann die Schule hinter uns lassen, im Studium stecken oder die ersten Schritte im Job machen, mutieren die Monster endgültig zu psychologischen Endgegnern. Jetzt heißen sie Zukunftsangst, die tiefe Versagensangst vor wichtigen Prüfungen oder der enorme Leistungsdruck, im Leben sofort alles perfekt abliefern zu müssen. Auch das Gefühl, eigentlich gar nichts zu können und bald als Versager entlarvt zu werden (Imposter-Syndrom), ist so ein moderner Geist, der uns nachts wachhält.

Das Problem dabei: Diese inneren Dämonen lassen sich nicht einfach abschütteln. Egal wie schnell wir rennen, wie intensiv wir uns mit Partys, Serienmarathons oder permanentem Scrollen auf Social Media ablenken – am Ende holt uns die Stille ein. Man kann ihnen einfach nicht entkommen.

Wie du dich deinen Schatten stellst

Was also tun, wenn Weglaufen nicht funktioniert? Die Psychologie hat hier eine sehr eindeutige Antwort: Du musst stehenbleiben, dich umdrehen und dem Monster direkt ins Gesicht sehen. Das kostet im ersten Moment Überwindung, ist aber der einzige Weg, um die Kontrolle über das eigene Leben zurückzugewinnen. Hier sind vier praktische Tipps, wie das funktionieren kann:

  • Stopp das Vermeidungsverhalten: Jedes Mal, wenn du vor einer Situation wegläufst, weil sie dir Angst macht (zum Beispiel eine wichtige Aufgabe wochenlang aufzuschieben oder ein schwieriges Gespräch zu meiden), fütterst du dein Monster. Es wird dadurch nur noch größer und mächtiger. Wenn du dich der Situation stellst, merkt dein Gehirn: Es ist war zwar unangenehm, aber die Katastrophe ist ausgeblieben. Die Angst schrumpft.
  • Gib der Angst einen klaren Namen: Oft ist die Angst nur ein riesiger, undurchsichtiger Nebel im Kopf. Nimm dir ein Blatt Papier und schreibe genau auf, wovor du dich eigentlich fürchtest. Ist es wirklich die Präsentation vor den anderen? Oder ist es eher die Angst, dich einmal zu versprechen? Sobald die Bedrohung konkret wird, verliert sie ihren magischen Schrecken und lässt sich viel leichter bewältigen.
  • Nutze die Salami-Taktik: Riesige Herausforderungen wirken oft wie unbezwingbare Berge, die uns völlig erdrücken. Zerlege das Problem in winzige, machbare Teilschritte. Wenn du Angst vor der beruflichen Zukunft hast, plane nicht die nächsten fünf Jahre, sondern konzentriere dich nur auf die Aufgaben der aktuellen Woche. Das nimmt den Druck spürbar heraus.
  • Akzeptanz statt Dauerkampf: Versuche nicht, die negativen Gefühle mit aller Kraft wegzudrücken. Es ist völlig okay, mal unsicher zu sein, Angst zu haben oder zu zweifeln. Wenn du akzeptierst, dass diese Gefühle im Moment einfach da sein dürfen, verlierst du viel weniger Energie im anstrengenden Kampf gegen dich selbst.

Dein Weg in die Freiheit

Die Vampirin Luna, die privat sonst eigentlich ganz umgänglich ist und hier nur in eine Rolle schlüpft, hat im Video hat in einem Punkt absolut recht: Vor deinen inneren Monstern kannst du nicht fliehen, denn sie schwimmen im selben Tempo mit dir mit. Aber du musst auch gar nicht schneller sein als die Nacht.

Indem du aufhörst zu rennen und dich deinen Ängsten mutig entgegenstellst, nimmst du ihnen ihre größte Waffe: die Ungewissheit. Erst wenn das Licht der Aufmerksamkeit auf die Schattengestalten in deinem Kopf fällt, erkennst du, dass die meisten von ihnen in Wirklichkeit gar keine Zähne haben.


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