
Wieder ist Urlaubszeit in Deutschland. Die Bundesländer wechseln sich mit den großen Ferien ab und mancher hiesige Betrieb arbeitet im Sommermodus. Viele sind unterwegs, verreisen, auf der Suche nach Ruhe und Erholung. Was sagt eigentlich die Bibel dazu?
In Sachen Erholung gibt Gott selbst die Richtung vor: „Am siebten Tag hatte Gott sein Werk vollendet und ruhte von aller seiner Arbeit aus“ (Gen 2,2 – „Gute Nachricht“-Übersetzung). Ein Siebtel der Zeit ruht Gott. Legt man eine Fünf-Tage-Woche zugrunde, kommt man – bei 52 Wochen im Jahr – auf 210 Arbeitstage. Ein Siebtel von 210 ist 30. Und tatsächlich haben viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland etwa 30 Urlaubstage, der Durchschnitt liegt bei 28,3.
Nun wissen wir, dass die antiken Kommunitäten im Mittelmeerraum und im Nahen Osten zur Zeit der Entstehung der Bibeltexte (ungefähr 900 v. Chr. bis 100 n. Chr.) keine Freizeitgesellschaften waren. Das Thema Urlaub war keines. Wer allerdings genauer sucht, nach Erholung, Ruhe und Auszeit, und auch an den betreffenden Stellen etwas tiefer schaut, findet in der Bibel entscheidende Hinweise.
Das Reich Gottes kennt Ruhepausen
Eine Metapher für das Reich Gottes ist der Sämann auf dem Acker (Mk 4,26-29). Nach der Aussaat (Mk 4,26) ruht der Sämann– er „schläft“ (καθεύδῃ, Mk 4,27). Im übertragenen Sinne heißt das: Er ist untätig. Es gibt also auch Phasen der Untätigkeit, der Ruhe, des Wachsenlassens auf dem Acker. Und im Reich Gottes. Da kann man dann eigentlich nur warten und auf gute Bedingungen hoffen, aber selbst nichts mehr tun. Man ist zum Zuschauen verdonnert und sieht dann die Entwicklung, die man gar nicht verstehen kann. Heute wissen wir zwar um die biochemischen Vorgänge auf der molekularen Ebene und es gibt eindrucksvolle Lehrfilme, in denen das Aufkeimen eines Samenkorns gezeigt wird, ein Vorgang, für dessen Aufzeichnung man Spezialkameras braucht – und sehr viel Geduld. Für den Menschen der Antike war die Zeit zwischen Aussaat und dem Durchstoßen der Pflänzchen durch den Ackerboden eine „black box“. Das passierte alles unter der Erde, unsichtbar. Das Wachstum der Pflanzen geschah von außen betrachtet gleichsam „von selbst“ (αὐτομάτη – „automatisch“, Mk 4,28), bis zur vollen Reife. Dann kommt die Erntezeit (θερισμός, Mk 4,29; von θέρος – „Sommer“). Jetzt muss der Landwirt wieder aktiv werden und die Sichel anlegen – das Korn wächst zwar „von selbst“, erntet sich aber nicht selbst.
Übertragen auf das Reich Gottes könnte das bedeuten: Gott gibt uns alles, was nötig ist für unser persönliches Wachstum mit auf den Weg, lässt uns dann aber in Ruhe. Er tritt erst wieder in Erscheinung, wenn es um die Lebensbilanz geht. Das muss nicht erst in der Stunde des Todes sein, es kann auch täglich eine solche Bilanz gezogen werden, etwa in Gestalt der abendlichen Gewissenserforschung. Dann wird geprüft, wie die Zeit, die oft so „automatisch“ verlebt wird, genutzt wurde. Gab es Wachstum? Gab es vielleicht schon Reifung? Können wir Gott schon etwas zurückgeben? Hier geht es vor allem um die zeitliche Dimension. Ruhe, Geduld, Wachstum, Reife. Wie in der Schöpfungserzählung, in der es immer wieder Abend und Morgen wird (vgl. Gen 1), wird es hier Nacht und dann wieder Tag (vgl. Mk 4,27). Es vergeht Zeit, es geschieht etwas, es wird. Ohne, dass wir ständig aktiv sind. Denn dafür, dass es Wachstum gibt, steht Gott.
Jesus braucht Erholung
Auch Jesus hat manchmal etwas Erholung gebraucht. Er denkt dabei auch an seine Mitarbeiter, die er zu einem Kurzurlaub einlädt: „Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus. Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen. Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein“ (Mk 6,31-32). Zuvor berichtet der Evangelist Markus, dass die Apostel, nachdem sie von Jesus ausgesandt worden waren (vgl. Mk 6,7-13), dem Herrn ihre Missionserfahrungen erzählen: „Die Apostel versammelten sich wieder bei Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten“ (Mk 6,30). Im griechischen Original heißt es nicht was, sondern wieviel (ὅσα, Vers 30) sie getan und gelehrt hatten. Die Jünger Jesu wuchern also mit ihren pastoralen Pfunden. Seine frohe Botschaft für sie (und uns): OK – doch auch mal ausruhen, abschalten, sich Zeit nehmen fürs Essen.
Und wenn Jesus sich nach einer langen Phasen des Heilens und Helfens, des Predigens und Pilgerns gewissermaßen im Urlaub befand, kann er auch schon mal ungehalten sein, wenn jamnd etwas von ihm will. Einmal hatte er sich „in das Gebiet von Tyrus und Sidon“ zurückgezogen (Mt 15,21), ins heidnische Ausland, wo er – so sollte man annehmen – endlich mal zur Ruhe kommen kann, nach Massenspeisung (Mt 14,13-21) und Massenheilung (Mt 14,34-36), nach Stress mit den Jüngern (Mt 14,22-33) und den Pharisäern (Mt 15,1-20), nach dem Tod seines Cousins Johannes (Mt 14,1-12). Danach kann und wird es weitergehen: Massenheilung (Mt 15,29-31) und Massenspeisung (Mt 15,32-39). Jetzt aber ist zwischenzeitlich einmal „Sendungspause“.
Als dann eine Frau aus der Gegend Jesus anspricht, ist er zunächst gar nicht so hilfsbereit wie sonst. „Meine Tochter wird von einem Dämon gequält“ (Mt 15,22), ruft ihm die Frau zu, vielmehr „krächzt sie unentwegt“ (ἔκραζεν steht im Imperfekt, was auf ein andauerndes Verhalten hindeutet). Und die Frau weiß, dass es in diesen Fällen keine bessere Hilfe gibt als ein Machtwort dessen, dem selbst die Dämonen gehorchen müssen. Deshalb wendet sie sich in nervtötender Beharrlichkeit an Jesus: „Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids!“ (Mt 15,22). Doch Jesus reagiert nicht. Seine Jünger bitten ihn, er möge sich der Frau annehmen, schon deshalb, damit sie ihre Ruhe haben, „denn sie schreit hinter uns her“ (Mt 15,23). Jesus ziert sich, heilt sie aber am Ende doch (Mt 15,28).
Jesus ist ganz Gott und ganz Mensch. Als Mensch muss er mit seinen Kräften haushalten und sich auf seine Kernkompetenz konzentrieren. Es hat keinen Sinn, in blinden Aktionismus zu fallen. Sind wir in der Lage, Ruhe und Erholung zu finden, uns zurückzuziehen? Gerade Menschen, die von Berufs wegen helfen und heilen, Menschen in kurativen und karitativen Berufen, sind oft davon betroffen, auszubrennen, weil sie bis zur totalen Erschöpfung arbeiten. Letztlich ist also die Erzählung von Jesu Rückzug ins Gebiet von Tyrus und Sidon auch ein Plädoyer für Ruhe und Erholung zur rechten Zeit. Um nach dem Urlaub wieder durchstarten zu können.
Elija: Einmal Burnout und zurück
So wie der Prophet Elija. Der ist ausgebrannt und will sich das Leben nehmen, doch in einer Auszeit erholt er sich wieder: „Dann legte er sich unter den Ginsterstrauch und schlief ein. Doch ein Engel rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Als er um sich blickte, sah er neben seinem Kopf Brot, das in glühender Asche gebacken war, und einen Krug mit Wasser. Er aß und trank und legte sich wieder hin. Doch der Engel des Herrn kam zum zweiten Mal, rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich. Da stand er auf, aß und trank und wanderte, durch diese Speise gestärkt, vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Gottesberg Horeb“ (1 Kön 19,5-8).
Selbst Sklaven haben Urlaubsanspruch
Urlaub ist das eine, kurze Erholungsphasen sind das andere. Beides ist wichtig. Regelmäßige Ruhetage gehören zum gelungen Leben des Menschen, nicht nur, wenn dieser ein Apostelamt inne hat oder Prophetdienst verrichtet. Eine Auszeit ist selbst den Sklaven vergönnt: „Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin, dein Rind, dein Esel und dein ganzes Vieh und der Fremde, der in deinen Stadtbereichen Wohnrecht hat. Dein Sklave und deine Sklavin sollen sich ausruhen wie du“ (Dtn 5,14).
Die Suche nach Textpassagen in der Bibel zum Thema Urlaub und Erholung endet schließlich bei Koholet: „Es gibt im Krieg keinen Urlaub“ (Koh 8,8). Wie wahr.
Josef Bordat



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