Unerhört

Sehen Sie hier eine Andacht von Dekan Walter Jungbauer aus der altkatholischen Kirche.

Eine spannende Situation, die uns heute im Text aus dem Buch des Propheten Jeremia begegnen wird.

Wir werden hören, wie Jeremia über sein Leid klagt, weil die Menschen schlecht über ihn reden.

Eine Situation, die dem einen oder der anderen auch heute durchaus begegnen kann: Wenn über einen gesprochen wird, und nicht mit einem. Wenn sich die Leute das Maul zerreißen, aber keine Traute haben, ihre Kritik offen und ehrlich anzusprechen.

Aber Jeremia bringt den Menschen trotzdem unerschrocken das Wort Gottes nah, welches sie zur Umkehr aufruft. Auch, wenn sie nicht auf ihn hören.

Und im Verlauf des Textes wird aus der Klage eine Beschreibung des geduldigen Erleidens und daraus wieder des Festhaltens an Gott, dem der Prophet alles anvertraut.

Zusammenfassung zentraler Gedanken dieser Andacht:

Der historische Kontext und das Scherbengericht

  • Die Tragweite der Lesung aus dem Buch des Propheten Jeremia wird erst verständlich, wenn man den Zusammenhang mit dem vorherigen Kapitel betrachtet [00:07].
  • Jeremia übt dort eine massive Kritik am Volk Juda und an der Stadt Jerusalem aus, die er mit einer eindrücklichen Zeichenhandlung untermalt [00:26].
  • Vor Zeugen und in aller Öffentlichkeit zerschmettert Jeremia einen töpfernen Krug [01:01]. Dies symbolisiert ein Scherbengericht, da das Volk Gottes Gebote missachtet und sich weigert, sein Leben grundlegend zu ändern [01:15].
  • Unwiderruflich bricht der Krug, untermauert von der Drohung Gottes, das Volk und die Stadt ebenso unumkehrbar zu zerbrechen [01:24].

Die Konsequenzen für den Propheten

  • Diese scharfen Worte führen dazu, dass Jeremia vom Tempelaufseher Paschur festgenommen und an den Pranger gestellt wird, wo er dem Spott der Menschen ausgesetzt ist [01:58].
  • Nach seiner Freilassung schweigt Jeremia jedoch keineswegs, sondern prophezeit Paschur den Tod im babylonischen Exil sowie das Schicksal seiner Familie; ein geschickter Diplomat war Jeremia gewiss nicht [02:44].
  • Der Prophet leidet darunter, dass die Menschen hinter seinem Rücken tuscheln und regelrecht auf einen Fehltritt von ihm lauern [03:00].
  • Das gleicht einer antiken Form von sozialen Medien (wie Facebook oder X), da Klatsch und Tratsch auch damals ohne digitale Hilfsmittel eine enorme Geschwindigkeit erreichten [03:36].

Der Mut zum offenen Wort heute

  • Eine unbequeme Wahrheit anzusprechen verlangt großen Mut, da man Widerspruch riskiert und sich unbeliebt macht [05:21].
  • Wer sich in der heutigen Zeit für Gerechtigkeit oder die Bewahrung der Schöpfung starkmacht, begegnet oft genervten Abwehrreaktionen [05:43].
  • Jeremia stand jedoch unter einem inneren Rededrang, den er wie ein brennendes Feuer im Herzen beschreibt, das ihn zum Sprechen zwang [06:04].
  • Manchmal zieht Schweigen weitaus größere Probleme nach sich als das Reden: Ein Arzt, der eine Diagnose verschweigt, hilft niemandem, und eine schweigende Kirche wird am Ende von niemandem vermisst [07:16].

Die Relevanz für unsere heutige Zeit

  • Der christliche Glaube ist nicht bloß für den privaten Gebrauch gedacht, sondern die frohe Botschaft verlangt nach einer Verkündigung in Wort und Tat [07:34].
  • Unsere Gegenwart benötigt Menschen, die Hoffnung zusprechen und für die Schwachen eintreten [07:56].
  • Das gilt ganz besonders im Einsatz gegen den menschengemachten Klimawandel und gegen die rücksichtslose Ausbeutung der natürlichen Ressourcen [08:20].
  • Obwohl Jeremia oft isoliert war und scheinbar nichts erreichte, sind die Stimmen seiner damaligen Kritiker längst verstummt, während wir seine Worte nach über zweieinhalbtausend Jahren immer noch vernehmen [08:42].

Ausblick und abschließender Gedanke

  • Jeremias Klage und Angst münden am Ende in einen großen Lobpreis, weil er darauf vertraut, dass Gott das Leben der Armen rettet [09:25].
  • Nicht der Spott, die Gerüchte oder die Angst behalten das letzte Wort, sondern Gott [09:56].
  • Die Aufgabe für uns heute besteht nicht darin, die Welt mit noch mehr Lärm zu überfluten, sondern das Richtige zu sagen und Gottes Treue im Alltag durch Taten sichtbar zu machen [10:20].
  • Das Reich Gottes beginnt häufig mit einem einzigen Satz zur rechten Zeit und vor allem mit einer anpackenden Barmherzigkeit [11:04]. Wenn Gott einen frustrierten Propheten wie Jeremia gebrauchen konnte, dann kann er auch mit jedem von uns etwas anfangen [11:22]. 

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