
Eine theologische Dekonstruktion
Das Raunen geht wieder um in Europa. Rechtspopulisten und Rechtsextremisten beschwören unermüdlich die Gefahr herauf, das angeblich „christliche Abendland“ gehe durch Migration unter. Doch diese Behauptung hält weder einer historischen noch einer theologischen Prüfung stand. Sie ist viel weniger als die halbe Wahrheit. Wer das Christentum als völkisch-kulturelles Bollwerk missbraucht, verkennt seine eigenen Ursprünge und seine ureigene Botschaft.
Die imperiale Illusion: Von der Verfolgung zur Zwangsreligion
Am Anfang der europäischen Christentumsgeschichte stand kein idyllisches, homogenes Kulturraum-Modell, sondern das imperialistische Römische Reich, das den Kontinent mit militärischer Gewalt unterworfen hatte. Das frühe Christentum war in diesem Reich jahrhundertelang keine privilegierte Leitkultur, sondern eine massiv verfolgte Minderheit.
Der Umschwung kam erst im 4. Jahrhundert: Kaiser Konstantin leitete die Duldung ein, und unter seinem Nachfolger Kaiser Theodosius wurde das Christentum schließlich zur Staatsreligion erhoben. Damit schlug die Stunde der Institutionalisierung, in der Menschen oft zwangsweise Christen werden mussten. Aus der verfolgten Bewegung der Märtyrer wurde eine weltliche Machtstruktur.
Schon der Kirchenvater Augustinus von Hippo (354–430 n. Chr.) warnte in seinem Monumentalwerk De civitate Dei eindringlich davor, das Reich Gottes mit irdischen, imperialen Machtstrukturen gleichzusetzen. Für ihn war ein Staat, der sich nicht an Gottes Gerechtigkeit orientiert, nichts weiter als ein Machtapparat:
„Nimm die Gerechtigkeit weg – was sind dann Königreiche anderes als große Räuberbanden?“ — Augustinus von Hippo, De civitate Dei, IV, 4
Das „Abendland“ als politischer Machtblock ist also kein Synonym für das Reich Gottes, sondern ein historisches, vielschichtiges Gebilde, das oft genug mit Gewalt durchgesetzt wurde.
Die wahre Ursache: Innere Schwäche statt Bedrohung von außen
Wenn heute der christliche Glaube in Europa messbar zurückgeht, liegt das nicht an den Menschen, die Zuflucht bei uns suchen. Die eigentliche Ursache ist die innere Schwäche Europas. Die Gotteshäuser leeren sich, weil die Menschen hierzulande schlicht nicht mehr in die Kirche gehen. Säkularisierung und religiöse Gleichgültigkeit sind hausgemachte, europäische Phänomene.
Der arme Migrant trägt überhaupt keine Schuld daran, dass europäische Kanzeln verweisen. Hier zeigt sich eine tiefe Heuchelei der politischen Rechten: Statt Sündenböcke im Außen zu suchen, sollte sich der werte Rechtspopulist oder Rechtsextremist doch bitte mal am eigenen Schlawittchen packen und selbst den Weg in die Kirchenbank finden, um den Glauben zu leben, den er angeblich verteidigt.
Dort würde er nämlich lernen, was die Mitte des christlichen Glaubens ausmacht: Es ist keine politische Folklore, sondern die kompromisslose Nachfolge Jesu. Der Schweizer Theologe Karl Barth (1886–1968) betonte unmissverständlich, dass sich die Kirche niemals für nationale oder kulturpolitische Zwecke einspannen lassen darf. In der weltberühmten Barmer Theologischen Erklärung von 1934, die maßgeblich von ihm formuliert wurde, heißt es in Artikel 1:
„Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“ — Barmer Theologische Erklärung, 1934, Artikel 1
Wer Christus als dem „einen Wort“ gehorcht, kann aus dem Evangelium keine nationalistische Ausgrenzungsideologie ableiten.
Die Unvereinbarkeit von Extremismus und Evangelium
Wenn ein Rechtsextremist tatsächlich in die Kirche ginge und dort ernsthaft zuhörte, wäre er danach kein Rechtsextremist mehr. Warum? Weil diese Art von völkischem Extremismus und das Christentum völlig unvereinbar miteinander sind. Das Christentum ist seinem Wesen nach universal – es kennt keine Privilegien aufgrund von Herkunft oder Nationalität.
Der lutherische Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer (1906–1945) brachte das Wesen der wahren Kirche Christi auf den Punkt, als er in der Haft über die Zukunft des Glaubens nachdachte:
„Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für Andere da ist.“ — Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, DBW 8, S. 560
Das „Für-andere-Da-sein“ schließt den Fremden, den Geflüchteten und den Schutzsuchenden explizit ein. Ein vermeintliches Christentum, das sich nur um die Erhaltung der eigenen kulturellen Vormachtstellung dreht, hat seinen Gründer verraten.
Auch Papst Franziskus findet in seiner Enzyklika Fratelli tutti klare Worte gegen die moralische Doppelmoral derer, die das Christentum als Festungsmauer missbrauchen wollen:
„Es gibt jedoch auch jene, die uns glauben machen wollen, sie seien im Glauben sicher, während sie in Wirklichkeit eine Mentalität an den Tag legen, die die Grenzen absichert […] und die Ankunft der Anderen als Bedrohung darstellt.“ — Papst Franziskus, Enzyklika Fratelli tutti (2020), Nr. 39
Aufruf zur ehrlichen Umkehr
Wer das Kreuz als politisches Kampfzeichen missbraucht, um sich gegen Notleidende abzuschotten, betreibt Götzendienst. Das Christentum verteidigt man nicht durch Grenzzäune und Hetze, sondern durch gelebte Nächstenliebe.
Wenn die Rechtspopulisten das Abendland wirklich retten wollen, dann sollten sie aufhören, Angst zu schüren, und stattdessen anfangen, die Worte Jesu in die Tat umzusetzen. Der Weg zur Erneuerung des Glaubens führt nicht über die Abweisung des Nächsten, sondern über die Metanoia – die Umkehr des eigenen Herzens im Hören auf das Evangelium.



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