Karl Leisner

Am 23. Juni 2026 jährt sich die Seligsprechung von Karl Leisner zum 30. Mal. Ein Blick auf den Seligen vom Niederrhein

Am 28. Februar 1915 in Rees am Niederrhein geboren, durchlief Karl Leisner eine durchaus typische „Kirchenkarriere“: katholische Jugendbewegung, Theologiestudium, Jugendleiter. 1933 ändert sich alles. Die Nationalsozialisten übernehmen die Macht in Deutschland und Karl Leisner steht fortan unter Beobachtung. Den Nazis ist er schlicht zu katholisch. Der junge Geistliche baut verbotene Jugendgruppen auf, mit denen er heimlich über die Grenze ins nahe Holland fuhr, um dort freie Lager zu veranstalten, fernab der völkisch-militaristischen Indoktrination, wie sie in der Hitlerjugend bzw. im „Bund Deutscher Mädel“ stattfand. 

Karl Leisner macht einen Unterschied, was den Machthaber nicht gefällt. Die Gestapo durchsucht seine Wohnung. Die Weihe zum Diakon am 25. März 1939 durch den Münsteraner Bischof Clemens Graf von Galen kann noch in Freiheit stattfinden, wenig später – am 9. November 1939 – erfolgte Karl Leisners Verhaftung. Der Grund: Er bedauerte das Scheitern des Attentats, das Georg Elser am Tag zuvor im Münchner Bürgerbräukeller auf Adolf Hitler und andere Personen aus der NS-Führung verübt hatte. Zu dieser Zeit befand sich Karl Leisner in St. Blasius, um eine Tuberkuloseerkrankung auszukurieren. Als ihn im Krankenbett die Nachricht vom gescheiterten Bomben-Anschlag erreichte, sagte er nur ein Wort: „Schade!“ Diese Bemerkung besiegelte sein Schicksal. Ein Mitpatient meldete den „Vorfall“ und Karl Leisner wird inhaftiert.

Karl Leisner kommt zunächst ins KZ Sachsenhausen bei Berlin. Am 14. Dezember 1940 erfolgt seine Überstellung nach Dachau, in den „Priesterblock“ des dortigen KZ. Über 2000 Priester und Ordensleute sind ab 1933 in Konzentrationslager verschleppt worden; die meisten von ihnen nach Dachau. Und: 95 Prozent der in Dachau inhaftierten Geistlichen waren katholisch. Einer von ihnen war Karl Leisner.

Der Jesuitenpater Otto Pies wird in Dachau sein geistlicher Begleiter und organisiert die Priesterweihe, die der französische Bischof Gabriel Piguet vornimmt. Mithäftlinge hatten dazu einen Bischofsstab geschnitzt und Schwester Maria Imma Mack liturgische Gegenstände ins KZ geschmuggelt. Am 17. Dezember 1944 findet die Priesterweihe statt. Karl Leisner feierte am Stephanstag seine erste und einzige Heilige Messe.

Alles in allem: ein kleines Wunder inmitten des Grauens. Karl Leisner übersteht den Krieg, erlebt die Befreiung des KZ Dachau am 29. April 1945, ist jedoch durch seine chronische Tuberkulose sehr geschwächt. Am 12. August 1945 verstarb der Priester und Märtyrer Karl Leisner im Waldsanatorium Planegg an den Folgen der Erkrankung, die sich durch die unmenschlich harten Bedingungen in der KZ-Haft weiter verschlimmert hatte.

Sein Leben in der Nachfolge Christi, sein kurzes Wirken als Priester, das für uns heute umso kraftvoller erscheint, seine Bereitschaft, den Willen Gottes anzunehmen und sein Leben als Märtyrer hinzugeben, all dies hat Karl Leisner zu einem Vorbild im Glauben werden lassen. Karl Leisner wurde am 23. Juni 1996 von Papst Johannes Paul II. in Berlin seliggesprochen. Die Kirche hat Karl Leisner als Glaubenszeugen in das Deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts aufgenommen. Das Bistum Münster teilte am 25. April 2007 mit, dass das Verfahren zur Heiligsprechung von Karl Leisner eröffnet wurde. Für Karl Leisner war klar, das zeigen Tagebuchnotizen, dass es in seinem Leben nur zwei Möglichkeiten gibt: „Entweder Schuft oder Heiliger!“

Diese Radikalität fasziniert, und der Mut Karl Leisners und seine ungebrochene Treue zur priesterlichen Berufung. Dass er es geschafft hat, dem Ruf Gottes zu folgen – trotz der schwierigen Umstände. Und: Dass er auch von seiner Schwäche sprach, die es zu überwinden galt und immer wieder zu überwinden gilt. 

Am 12. September 1934 – er ist also gerade 19 Jahre alt – schreibt Karl Leisner in seinem Tagebuch über die Berufung als innere Auseinandersetzung: „Im Kampf standen sich der schwache, feige, weiche, sinnliche, schlampige Mensch und der verantwortungsfrohe, christusverbundene, zuchtvolle, reine, bescheidene, echte Kerl gegenüber! – Zum Miesmacher und Pessimist, zum Kriecher und Feigling, zum Verräter und Fahnenflüchtigen an Katholisch- und Deutschsein drohte ich zu werden: Das Steuer meines Schiffes drohte mir zu entgleiten – nein, ich nehme meine Seele, meinen Leib, mein Geschick in meine Hände und will es meistern – tapfer, treu und bescheiden: Ich will Held sein! Glaubensstark, siegesbewußt, hoffnungsfroh! Der Ruf Gottes dröhnt an meine Seele: He, wach’ auf, besinne dich: Du kannst’s, wenn Ich dir Gnade schenke – reichlich, in Fülle – und du willst, du mittust, mitgehst!“

Das Heiligsprechungsverfahren läuft. Und ganz gleich, was dabei herauskommt – eines steht fest: Ein „Schuft“ war er nicht, der Priester und Märtyrer Karl Leisner aus Rees am Niederrhein.

Josef Bordat


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