
Dmitri Muratow, Friedensnobelpreisträger und ehemaliger Chefredakteur der unabhängigen russischen Zeitung Nowaja Gaseta, lebt weiterhin in Moskau, obwohl viele seiner Kollegen ins Ausland geflohen sind. Trotz permanenter Zensur, Bedrohungen und juristischer Repression versucht er mit seiner Redaktion weiterhin, kritischen Journalismus in Russland zu betreiben. Seit der russischen Invasion der Ukraine 2022 darf in seinen Medien der Krieg nicht als solcher bezeichnet werden – stattdessen muss von einer „militärischen Spezialoperation“ gesprochen werden.
Muratow beschreibt, wie das Putin-Regime systematisch unabhängige Medien zerstört, kritische Stimmen unterdrückt und ein totalitäres System etabliert hat, in dem nur noch der Präsident zählt. Seine Redaktion veröffentlicht weiterhin eine Printausgabe im Rahmen legaler Schlupflöcher – monatlich 999 Exemplare –, betreibt Online-Plattformen mit VPN-Zugang und produziert Dokumentarfilme, um gegen die staatliche Propaganda anzugehen.
Trotz fehlender politischer Wirkung sieht Muratow seine Aufgabe in der moralischen und sozialen Unterstützung seiner Leser sowie in der Dokumentation von Unrecht, insbesondere von politischen Gefangenen und Jugendlichen, die wegen minimaler Äußerungen jahrelang eingesperrt werden. Er fordert eine internationale Amnestie-Initiative, bei der Gefangene auf beiden Seiten des Krieges freigelassen werden sollen – ein humanitäres Signal, das neue Wege für Verhandlungen eröffnen könnte.
Er warnt eindringlich vor einem neuen Faschismus in Russland, bei dem der Tod mehr wert ist als das Leben und staatliche Ideologen wie Alexander Dugin eine Blut-und-Boden-Ideologie vertreten. Gleichzeitig appelliert er an den Westen, russische Emigranten nicht pauschal als Feinde zu behandeln, sondern ihnen zu helfen, sich zu integrieren und sich klar von Putins Politik zu distanzieren.
Sein Leitbild ist Dietrich Bonhoeffer: In einer Diktatur müsse man dem Nächsten beistehen, Werte verteidigen, das Böse nicht mitmachen – selbst, wenn man weiß, dass man auf der Seite der Verlierer steht. „Das Böse hat das Gute besiegt. Aber das heißt nicht, dass du auf die Seite der Sieger wechseln musst.“
Quelle: DIE ZEIT Nr. 19/2025, Interview von Alice Bota und Simone Brunner mit Dmitri Muratow



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