
Das Interview von Sahra Wagenknecht mit DIE ZEIT (06/2025) bietet einen tiefen Einblick in ihre sicherheitspolitische Position. Sie warnt vor einem Kriegseintritt Deutschlands, lehnt militärische Unterstützung für die Ukraine ab und plädiert für direkte Verhandlungen mit Russland. Dabei argumentiert sie mit historischen Entwicklungen, wirtschaftlichen Interessen und ihrer Skepsis gegenüber der NATO und den USA. Eine genauere Analyse zeigt jedoch, dass ihre Argumentation wesentliche strategische und militärische Realitäten ignoriert.
1. Die Gefahr eines russischen Angriffs auf Europa
Wagenknecht behauptet, dass die größte Gefahr für Deutschland darin bestehe, „in einen Krieg mit Russland hineinzutaumeln.“ Diese Aussage verkennt die Realität der russischen Aggression:
- Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine ist kein isoliertes Ereignis, sondern Teil einer langfristigen imperialen Strategie. Bereits 2008 (Georgien) und 2014 (Krim-Annexion) zeigte Moskau, dass es bereit ist, militärische Gewalt zur Durchsetzung geopolitischer Ziele einzusetzen.
- Russland hat in seinen offiziellen Staatsdoktrinen explizit die Möglichkeit formuliert, gegen NATO-Staaten mit militärischer Gewalt vorzugehen, wenn es seine Interessen gefährdet sieht.
- Die Vorstellung, dass Deutschland durch „Zurückhaltung“ und „Gespräche“ Sicherheit gewinnen könnte, ist naiv. Sicherheit entsteht durch Abschreckung, nicht durch Beschwichtigung.
2. NATO-Osterweiterung: Ursache oder Rechtfertigung für Russlands Aggression?
Wagenknecht argumentiert, dass die NATO-Osterweiterung die „revanchistischen Kräfte in Russland“ gestärkt habe. Dies entspricht russischer Propaganda und ignoriert zentrale Fakten:
- Die NATO-Erweiterung erfolgte auf Wunsch der osteuropäischen Staaten, die nach Jahrzehnten sowjetischer Besatzung Schutz suchten. Russland wurde nicht „herausgedrängt“, sondern die osteuropäischen Staaten haben sich aktiv für den Beitritt entschieden.
- Russland hat bereits in den 1990er-Jahren mit Gewalt gedroht, lange bevor die Osterweiterung abgeschlossen war (Tschetschenienkriege, Bedrohung von Nachbarstaaten).
- Die NATO ist ein Verteidigungsbündnis, das seit dem Ende des Kalten Krieges keine militärischen Operationen gegen Russland durchgeführt hat – im Gegensatz zu Russlands Angriffen auf seine Nachbarn.
3. Waffenlieferungen und Eskalationsrisiko
Wagenknecht warnt davor, dass westliche Waffenlieferungen an die Ukraine eine russische Eskalation provozieren könnten. Sie behauptet, es gäbe eine „rote Linie“, die irgendwann überschritten werde. Diese Perspektive ist strategisch unscharf und ungenau:
- Russlands Eskalationsbereitschaft ist nicht statisch, sondern folgt einer Kosten-Nutzen-Abwägung. Waffenlieferungen haben nicht zu einer „unvermeidlichen Reaktion“ geführt, sondern die ukrainische Verteidigungsfähigkeit entscheidend gestärkt.
- Hätte der Westen 2022 keine Waffen geliefert, wäre die Ukraine längst besiegt – mit katastrophalen Folgen für die europäische Sicherheit.
- Die „rote Linie“ ist ein rhetorisches Druckmittel Russlands, das es immer wieder verschiebt. Putin drohte bereits 2014 mit Eskalation – trotzdem kam es nicht zu einem Angriff auf die NATO.
4. Sicherheitsgarantien für die Ukraine: Eine realistische Alternative?
Wagenknecht schlägt vor, dass neutrale Staaten wie China, die Türkei, Brasilien und Südafrika Sicherheitsgarantien für die Ukraine geben sollten. Diese Idee ist realitätsfremd:
- China ist ein enger Partner Russlands und hat keinerlei Interesse daran, die Ukraine zu schützen.
- Brasilien und Südafrika haben weder die militärischen Kapazitäten noch die geopolitische Bedeutung, um als glaubwürdige Garantiemächte zu agieren.
- Die NATO ist die einzige realistische Sicherheitsstruktur, die der Ukraine langfristige Stabilität bieten kann.
5. „Europa ist bereits hochgerüstet“ – eine Fehleinschätzung
Wagenknecht behauptet, dass Europa Russland militärisch überlegen sei und daher kein zusätzliches Wettrüsten notwendig sei. Diese Aussage ignoriert entscheidende Faktoren:
- Europäische Armeen sind schlecht koordiniert, operativ eingeschränkt und unterfinanziert. Die europäische Verteidigungsfähigkeit hängt immer noch stark von den USA ab.
- Russland hat seine gesamte Wirtschaft auf einen Kriegsmodus umgestellt, während europäische Länder erst jetzt beginnen, ihre Verteidigungsfähigkeiten auszubauen.
- Die Bundeswehr ist nicht verteidigungsfähig, weil jahrzehntelang am Militär gespart wurde. Ohne massive Investitionen bleibt Deutschland ein sicherheitspolitischer Schwachpunkt in Europa.
6. Die USA als „kein Freund“ Europas?
Wagenknecht stellt die USA als egoistische Macht dar, die Europa ausnutzt. Diese Sichtweise verkennt die Realität transatlantischer Sicherheitspolitik:
- Ohne die USA wäre Europa militärisch verwundbar. Die amerikanische nukleare Abschreckung schützt Westeuropa seit Jahrzehnten vor russischer Aggression.
- Die US-Truppenpräsenz in Europa ist nicht nur ein Schutzschild, sondern auch ein stabilisierendes Element für die NATO.
- Europäische Souveränität erfordert zwar mehr Eigenverantwortung, aber nicht eine Abkehr von der transatlantischen Partnerschaft.
7. Migration und innere Stabilität
Wagenknecht führt die Stärkung der AfD direkt auf Migration zurück. Dabei ignoriert sie andere entscheidende Faktoren:
- Die AfD profitiert von russischer Desinformation und gezielten Destabilisierungsstrategien.
- Sozioökonomische Probleme, Inflation und Unsicherheit spielen eine ebenso große Rolle beim Erstarken rechter Bewegungen.
- Ein einfaches „Schließen der Grenzen“ ist keine realistische Lösung für ein komplexes gesellschaftliches Problem.
Gefährliche Fehleinschätzungen
Sahra Wagenknecht argumentiert mit historischen Halbwahrheiten, unterschätzt Russlands Bedrohungspotenzial und überbewertet Europas militärische Stärke. Ihr sicherheitspolitischer Kurs ist eine gefährliche Mischung aus Appeasement und Fehleinschätzungen, die im schlimmsten Fall die Sicherheit Europas gefährden könnte.
Kernprobleme ihrer Position:
✔ Verkennt die Natur russischer Aggression – Russland handelt nicht defensiv, sondern imperialistisch.
✔ Naiver Glaube an Verhandlungen – ohne militärische Stärke sind Gespräche nutzlos.
✔ Unterschätzung der Bedeutung der NATO und der USA – europäische Sicherheit ist ohne sie kaum gewährleistet.
✔ Fehlende Realitätsnähe bei Migrationspolitik und innerer Sicherheit – komplexe Probleme brauchen differenzierte Lösungen.
Europäische Sicherheit erfordert:
➡ Stärkere Abschreckung gegen Russland – nur eine glaubwürdige militärische Antwort hält Moskau zurück.
➡ Mehr europäische Eigenverantwortung in der Verteidigung – aber nicht ohne transatlantische Kooperation.
➡ Eine realistische Einschätzung geopolitischer Partner – China und die Türkei sind keine neutralen Vermittler.
Statt auf Wagenknechts Strategie der Schwäche zu setzen, muss Deutschland eine klare sicherheitspolitische Linie fahren – mit einer starken Bundeswehr, einer gestärkten NATO und einer konsequenten Unterstützung der Ukraine.



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