
Heute, am 21. Juni, ist Sommersonnwende – der längste Tag des Jahres. Nach und nach werden die Tage nun wieder kürzer und die Nächte länger. Es ist die Zeit der Sonnwendfeuer, ein altes Ritual, das Licht und Dunkelheit, Leben und Tod symbolisiert.
In einem kleinen Dorf namens Dämmermoor inmitten der endlosen Wälder des Nordens, hat die Sommersonnwende jedoch eine besondere Bedeutung. Die Dorfbewohner glauben an eine uralte Legende, laut der sich in der Nacht der Sommersonnwende die Tore zur Geisterwelt öffnen. Nur durch ein großes Sonnwendfeuer, das die ganze Nacht brennen muss, können die Geister in Schach gehalten werden.
Als die Dunkelheit langsam hereinbrach, versammelten sich die Dorfbewohner am Rand des Waldes. Ein riesiger Stapel Holz wurde aufgeschichtet, bereit, das Sonnwendfeuer zu entfachen. Die Luft knisterte vor Spannung, als der Dorfälteste, ein hagerer Mann mit einem furcheneingegrabenen Gesicht und stechenden Augen, vor das Feuer trat. Er zündete das Holz an, und als die Flammen gen Himmel schlugen, füllten die Schreie und Gesänge der Dorfbewohner die laue Sommernacht.
Die Stunden vergingen, und das Feuer brannte hell und unerbittlich. Aber dann, kurz nach Mitternacht, geschah das Unvorstellbare: Ein heftiger Sturm zog auf. Die Flammen züngelten und kämpften verzweifelt gegen den Wind, doch der Regen fiel in dicken Tropfen und erstickte das Feuer langsam.
Ein Angstschrei durchschnitt die Nacht, und alle Blicke richteten sich auf den Wald. Im Schein der sterbenden Flammen konnte man schemenhaft eine Gestalt ausmachen, die sich langsam auf das Dorf zubewegte. Ein Schauer durchfuhr die Menge, als sie erkannten, dass es sich um einen Geist handelte.
Der Dorfälteste trat vor und schaute dem Geist direkt in die Augen. „Wir heißen dich willkommen, Geist der Sommersonnwende. Was begehrst du von uns in dieser Nacht?“, fragte er mit fester Stimme.
Der Geist blickte auf das erloschene Sonnwendfeuer und antwortete mit einer tiefen, resonierenden Stimme: „Ihr habt das Feuer nicht brennen lassen. Jetzt gehört die Nacht uns.“
Die Dorfbewohner versuchten, das Feuer wieder zu entfachen, aber es war zu spät. Mit jedem Schritt, den die Geister vorwärts machten, verwandelte sich die Realität. Bäume verdorrten, Häuser zerfielen, und die Luft wurde kalt und schwer. Die Dorfbewohner hielten sich eng umschlungen und schauten mit furchterfüllten Augen auf die Geister, die durch ihr Dorf zogen.
Als der Morgen dämmerte, waren die Geister verschwunden. Aber das Dorf war nicht mehr dasselbe. Es war, als ob die Zeit zurückgedreht worden war.
Als die Sonne am Morgen des 22. Juni aufging, standen die Dorfbewohner von Dämmermoor fassungslos da. Das Sonnwendfeuer war erloschen, die Geister hatten das Dorf in Besitz genommen, und ihre einst moderne Siedlung sah aus wie etwas aus einem mittelalterlichen Geschichtsbuch.
„Verdammt“, knurrte Berta, die Dorfmetzgerin, als sie das Rad an ihrem Elektroauto betrachtete, das jetzt nichts mehr als ein Holzkarren mit einem Spinnrad war. „Das ist das dritte Mal diese Woche! Ich sollte wirklich anfangen, die Sonnwendfeuer-Versicherung in Betracht zu ziehen.“
Andere Dorfbewohner schienen jedoch mit dem Ergebnis zufriedener zu sein. Der Bäcker, dessen Brotmaschine jetzt ein alter Backsteinofen war, betrachtete sein Werk und nickte zufrieden. „Ich muss zugeben, dass das Brot so doch ein bisschen besser schmeckt.“
Inzwischen versuchte der Dorfälteste, den Geist der Sommersonnwende zu beschwichtigen. „Es tut uns leid, dass das Feuer erloschen ist. Wir werden sicherstellen, dass es nächstes Jahr brennt. Aber könntest du uns vielleicht unsere Handys zurückgeben? Es ist wirklich schwierig, ohne zu leben!“
Der Geist, der bereits auf dem Weg in die Geisterwelt war, seufzte und winkte mit der Hand. „Ich werde sehen, was ich tun kann“, murmelte er, bevor er im Morgenlicht verschwand.
Das nächste Jahr bereitete sich Dämmermoor besser auf die Sommersonnwende vor. Sie schlossen alle ihre Häuser und Autos ab, deckten ihre Elektrogeräte ab und stellten sogar eine spezielle „Sonnwendfeuer-Wache“ auf, um sicherzustellen, dass das Feuer die ganze Nacht hindurch brennen würde.
Und als die Sonne am 21. Juni unterging, stand das ganze Dorf um das riesige Sonnwendfeuer und sah zu, wie die Flammen in den Himmel schlugen. „Auf ein weiteres Jahr ohne Geisterbesuch!“, rief der Dorfälteste, und das ganze Dorf stimmte in ein fröhliches Gejohle ein.
Aber tief im Wald, verborgen vor den Blicken der Dorfbewohner, zuckte der Geist der Sommersonnwende mit den Schultern. „Naja, vielleicht nächstes Jahr“, murmelte er und verschwand im Dunkeln.
Als der Geist der Sommersonnwende sich vom Feuer des Dorfes entfernte, wusste er, dass eine neue Herausforderung auf ihn wartete. Es war Zeit, seinen Geisterausweis zu erneuern. Ohne ihn würde er nicht nur die Fähigkeit verlieren, zwischen den Welten zu wechseln, sondern auch sein Recht, zu spuken. Und die Bürokratie der Geisterbehörde war berüchtigt.
Seine ersten Schritte führten ihn zum Sitz der Geisterbehörde, einem riesigen labyrinthischen Gebäude, das in einer wolkenverhangenen Ecke des Geisterreichs thronte. Eine endlose Schlange von Geistern verschiedenster Art, Farbe und Größe wartete geduldig darauf, an der Reihe zu sein. Die Schlange bewegte sich langsam, fast unmerklich, vorwärts.
Angekommen am Schalter, nach Tagen oder vielleicht auch Wochen – Zeit war eine schwierige Angelegenheit im Geisterreich – wurde der Geist der Sommersonnwende von einem mürrischen, grauen Geist begrüßt. „Name?“ fragte er, ohne aufzublicken.
„Sommersonnwende.“
Der graue Geist blätterte durch einen Haufen Papiere. „Es gibt keine Sommersonnwende auf meiner Liste“, sagte er, mit einem Ausdruck von gelangweilter Gleichgültigkeit.
Der Geist der Sommersonnwende zeigte auf seinen alten, verblassenden Geisterausweis. „Aber hier bin ich, auf diesem Ausweis.“
„Oh, wir akzeptieren keine Ausweise mehr“, erwiderte der graue Geist und schaute auf den Ausweis, als wäre er ein lästiger Insekt. „Sie müssen das Antragsformular G-2837 ausfüllen, es in dreifacher Ausfertigung abgeben und dann eine Wartenummer ziehen.“
Verwirrt und etwas verzweifelt machte sich der Geist der Sommersonnwende daran, das ihm gegebene Formular auszufüllen. Die Fragen waren absurd und unlogisch, von „Wie viele Male bist du gestorben?“ bis „Welche Farbe hat deine Aura an einem regnerischen Dienstag?“.
Schließlich, nach Monaten – oder waren es Jahre? – des Wartens, Füllens von Formularen und dem Wiederholen des ganzen Prozesses aufgrund eines fehlenden Stempels, bekam der Geist der Sommersonnwende seinen neuen Geisterausweis. Er war erschöpft, aber zumindest konnte er jetzt legal spuken.
Er blickte auf den Kalender und stellte fest, dass es schon der 20. Juni war. Mit einem Seufzen machte er sich auf den Weg zurück zum Dorf Dämmermoor. Er hatte ein Sonnwendfeuer zu besuchen.
Als der Geist der Sommersonnwende, frisch mit seinem neuen Geisterausweis ausgestattet, ins Dorf Dämmermoor zurückkehrte, stellte er fest, dass sich die Dinge geändert hatten. Das Dorf war digital geworden. Überall sah er Menschen mit Smartphones, Tablets und Smartwatches.
Als er gerade dabei war, ein wenig zu spuken – eine leicht kühlende Brise hier, ein leises Flüstern dort -, wurde er von einer lautstarken Sirene unterbrochen. Ein Polizeifahrzeug, beschriftet mit „Geisterpolizei“, raste heran und hielt direkt vor ihm. Ein uniformierter Polizist stieg aus.
„Halt! Sie sind im Begriff, gegen Paragraf 57b des neuen Geistergesetzes zu verstoßen. Haben Sie eine digitale Spuklizenz dabei?“, fragte er streng.
„Äh… was?“, stammelte der Geist der Sommersonnwende.
Der Polizist seufzte. „Sie wissen schon, die digitale Spuklizenz. Sie müssen sie auf Ihrem Smartphone bei sich tragen, um legal spuken zu können. Haben Sie ein Smartphone?“
Der Geist der Sommersonnwende schaute ihn nur verdutzt an.
„Dann muss ich Sie leider verhaften wegen des Verdachts der Spukwilderei.“
In seiner Verzweiflung wandte sich der Geist der Sommersonnwende an die Dorfbewohner und bat sie, ein Auge zuzudrücken und nichts zu sagen. Aber sie schüttelten nur den Kopf. „Tut uns leid, Herr Sommersonnwende“, sagte der Dorfälteste. „Aber alles muss seine Ordnung haben.“
Verdutzt und enttäuscht wurde der Geist der Sommersonnwende von der Geisterpolizei abgeführt. Der Dorfälteste schaute ihm nach und seufzte. „Die Zeiten ändern sich, und selbst Geister müssen mit der Zeit gehen.“
Und so endete die Sommersonnwende in Dämmermoor, mit einem Geist, der mehr über Smartphones, digitale Lizenzen und die moderne Bürokratie gelernt hatte, als er je hätte wissen wollen. Und das Dorf? Sie warteten gespannt auf die nächste Sommersonnwende. Wer weiß, vielleicht würde der Geist der Sommersonnwende dann mit einem brandneuen Smartphone zurückkehren.






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