Sehen Sie hier eine Andacht von Dekan Walter Jungbauer aus der altkatholischen Kirche.
Der Brief, den der Apostel Paulus an die Gemeinde in Rom geschrieben hat, transportiert viel von dem, was zu dem Missverständnis geführt hat, dass Gott seinen eigenen Sohn geopfert hat, um uns Menschen unsere Sündhaftigkeit vergeben zu können.
In Anlehnung an meinen ehemaligen Bonner NT-Professor Helmut Merklein ein paar Sonntagsgedanken, die eine andere Perspektive auf den Kreuzestod Jesu werfen.

Hier die Transkription:
Der theologische Text aus dem Brief an die Gemeinde in Rom, der für diesen Sonntag vorgesehen ist, ruft in der heutigen Zeit oft Widerstand hervor [00:07]. Gerade gläubige Menschen mit modernen Ansichten tun sich schwer mit Begriffen wie dem Zorn Gottes oder der Vorstellung, dass wir durch das Blut von Christus gerecht gesprochen und mit Gott versöhnt wurden [00:37]. Diese klassische Opfertheologie vermittelt schnell das Bild eines rachsüchtigen Gottes, der den Tod seines eigenen Sohnes als Opfer verlangt, um Sünden zu vergeben [01:01].
Mit dem Begriff der Sünde lässt sich heutzutage jedoch einfacher umgehen, da der unheile Zustand der Welt für jeden sichtbar ist [01:33]. Als Beispiele dienen der menschengemachte Klimawandel und das zögerliche Handeln zum Schutz der Schöpfung aus reiner Profitgier [01:54]. Auch kriegerische Konflikte, von denen meist nur wenige imperiale Machthaber profitieren, sowie die Ausbeutung von Erntehelfern in Europa für billige Lebensmittel im Discounter verdeutlichen dieses tiefe Problem [02:17].
Dennoch bleibt der stellvertretende Sühnetod Jesu ein fester Kern der christlichen Botschaft im Neuen Testament [03:08]. Schon die Urgemeinde in Jerusalem, deren Mitglieder Jesus noch persönlich erlebten, teilte diese Überzeugung [03:32]. Ein entscheidender Hintergrund ist die Tempelreinigung durch Jesus [03:59]. Mit dieser rebellischen Aktion blockierte er den jüdischen Opferkult und hinterfragte die Vorstellung, dass man sich durch Tieropfer von moralischer Schuld reinwaschen könne [04:11]. Die Urgemeinde deutete das Kreuz und die Auferstehung daraufhin als ein endzeitliches Ereignis, das alle Tempelopfer endgültig überflüssig macht [04:37].
Dabei muss man verstehen, dass Sünde in der Bibel kein bloßer Verstoß gegen moralische Regeln ist, sondern eine tiefgreifende Störung der Schöpfung und der menschlichen Gemeinschaft [05:25]. Sünde vergiftet den Lebensraum der Menschen [05:54]. Die Aufgabe von Christinnen und Christen ist es daher, an der Heilung dieser Zustände mitzuarbeiten und sich aktiv für Frieden, Gerechtigkeit und Schöpfungsbewahrung einzusetzen [06:17]. Jesus selbst erinnerte seine Kritiker mit einem Prophetenwort daran, dass Gott Barmherzigkeit und keine Opfer fordert [06:54].
Am Kreuz zeigt sich somit kein rachsüchtiger Gott, sondern eine bedingungslose Liebe in völliger Machtlosigkeit [07:26]. Jesus starb nicht, um eine Bedingung für Gottes Gnade zu erfüllen, sondern um zu zeigen, dass die Beziehung zu Gott bereits vollkommen wiederhergestellt ist [07:43]. Gott leidet in diesem Geschehen mit seiner Schöpfung und stellt die Menschen in die Freiheit, selbst barmherzig zu handeln [08:46]. Das Kreuz wird zu einem Mahnmal der Solidarität, das uns dazu aufruft, auf Machtdemonstrationen zu verzichten und einander in Liebe zu dienen [09:19].
Gott verlangt von uns keine Opfer, sondern möchte, dass wir seine Barmherzigkeit im Alltag leben [10:09]. Wir sind dazu aufgerufen, diese Versöhnung an unsere Mitmenschen weiterzuschenken und den großen Hunger nach Heilung in dieser Welt zu stillen [10:35].



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